"Sieg über den Westen angestrebt"

Was kaum einer für möglich hält, daran glaubt Dr. Johannes Gerster fest – eine friedliche Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts. „Erstmals gibt es die Möglichkeit, mit arabischen Partnerstaaten einen Friedensvertrag hinzubekommen“, sagte Gerster am vergangenen Donnerstagabend im Kornhaus. Dorthin war der Bundesvorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) auf Einladung der DIG Kempten gekommen, um seine Sicht des jahrzehntelangen Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern zu schildern.

Es gibt wohl kaum jemand in Deutschland, der ein so intimer Kenner Israels und seiner Probleme ist wie Dr. Johannes Gerster. Neun Jahre lang war Gerster Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Jerusalem, er saß mit Netanjahu, Abbas, Arafat und anderen Größten der Region gemeinsam an einem Tisch. Nach Kempten war Gerster aus gleich zwei Gründen gekommen – zum einen jährt sich heuer die „Reichsprogromnacht“ zum 70. Mal, zum anderen ist der Staat Israel heuer vor 60 Jahren gegründet worden. Angesichts der deutschen Vergangenheit müsse sich Deutschland im Nahost-Konflikt besonders verantwortlich fühlen, erklärte Gerster. „Hier tragen wir wegen unserer Geschichte eine besondere Verantwortung“, sagte er. Um den jahrzehntelangen Konflikt zu lösen, gebe es eigentlich nur vier Alternativen, eröffnete Gerster seine Ausführungen. Möglichkeit eins sei, dass ein Volk das andere unterwirft. „Das ist aber kein Dauerzustand, zeigt die Geschichte“, so Gerster. Die zweite Alternative sei ein Bi-Nationaler-Staat, gegen den aber auch einiges spreche. „Denn die Juden wissen, dass sie dann sehr schnell in der Minderheit sind und das dann Schluss mit der Demokratie ist“, erklärte der Vorsitzende der DIG. Die Palästinenser seien hingegen gegen diese Lösung, da sie befürchten würden, in eine „Gesellschaft zweiter Klasse“ abzurutschen. Die dritte Alternative sei, dass ein Volk das andere verdränge. „Das haben die Araber zwar jahrzehntelang gesagt, aber das kann auch keine Lösung sein“, so Gerster. Was bleibe, sei also die Zwei-Staaten-Lösung – „möglichst ohne Gewalt“, betonte der Gast aus Mainz. In seiner Exkursion durch die Geschichte des vergleichsweise noch jungen Staates erinnerte der Vorsitzende der DIG daran, dass es zunächst die Russen und Tschechen waren, die Israel zu Beginn im Kampf gegen die Araber unterstützt haben. Erst später hätten die Amerikaner sich auf die Seite der Israelis geschlagen, woraufhin die Russen die Araber unterstützt hätten. „Es war also auch ein Stellvertreterkrieg“, berichtete Gerster. Überragende Entwicklung Trotz aller Widrigkeiten habe sich der neue Staat prächtig entwickelt. Die Bevölkerung sei von 650000 in 1948 auf mittlerweile 7,3 Millionen angewachsen, die Wandlung vom Agrar- zum IT-Standort vollzogen. Regelmäßig verzeichne das Land trotz des ständigen Kriegszustandes fünf bis sechs Prozent Wirtschaftswachstum jährlich. „Das hängt eng mit den neuen Technologien zusammen“, erklärte Gerster. Hervorzuheben sei auch, dass die Demokratie in dem Land trotz der widrigen Lebensumstände äußerst stabil sei. „Die werden durchgeschüttelt und halten trotzdem die Demokratie“, lobte Dr. Johannes Gerster. Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern sei streng genommen in drei verschiedene Konflikte zu trennen, die sich gegenseitig überlagerten. Zum einen gebe es den Konflikt der Religionen um die Heilige Stadt Jerusalem. „Ein jahrhundertelanger Kampf um jeden Quadratzentimeter“, wie ihn Gerster beschrieb. Verwunderlich sei in diesem Zusammenhang, dass sich vor allem die ansonst eher säkulären Palästinenser von der Religion instrumentalisieren lassen und die Gewaltexzesse religiös legitimieren würden. „Der Islam war komischerweise vor 500 Jahren liberaler als die Katholische Kirche“, so Gerster. Zweiter Bestandteil des Konflikts sei der Kampf zweier Völker um ein und das selbe Land. „Und die Hamas sagt heute noch: Alles oder nichts“, berichtete er von seinen vielfältigen Erfahrungen mit Führern der Hamas-Bewegung. Respekt vor anderen Dritter Baustein sei der wachsende islamische Fundamentalismus. „Da wird um Besitzstände gekämpft“, erklärte der ehemalige Leiter der Jerusalemer Konrad-Adenauer-Stiftung. „Diese Leute fühlen sich in ihrer Identität provoziert durch den westlichen Lebensstil“, sagte er. „Die streben einen Sieg über den Westen an“. Das Vorgehen der Amerikaner, den Nahen Osten demokratisieren zu wollen, sei das falsche Signal gewesen. „Wir brauchen Respekt vor anderen Religionen“, appellierte Gerster. Trotzdem zeigte sich der DIG-Vorsitzende „absolut optimistisch“, dass es zu einer friedlichen Lösung zwischen beiden Völkern kommen kann. Denn zum einen wolle die Bevölkerung beider Staaten mehrheitlich die friedliche Zwei-Staaten-Lösung. „Ein ganz klares Ergebnis aus Umfragen“, so Gerster. Zum anderen spreche für eine friedliche Beilegung, dass die früher so einheitliche Front der Araber anfange zu bröckeln und sich zunehmend eine Kluft zwischen radikalen und gemäßigten Islamisten auftue. Bestes Beispiel dafür sei, dass die Arabische Liga sich bereits seit vier Jahren zu keiner einheitlichen Kritik an Israel habe durchringen können. Dazu komme, dass auch in der arabischen Welt die Angst vor dem Iran wachse. „Erstmals gibt es die Möglichkeit, mit anderen Partnerstaaten einen Friedensvertrag zwischen beiden hinzubekommen“, frohlockte Gerster. Eine wesentliche Voraussetzung dafür sei jedoch, dass bald ein geeigneter Moderator die internationale Bühne betrete. Ob der neue US-Präsident Barack Obama diese Rolle übernehmen kann, bleibe zunächst abzuwarten. Weiterer Eckpfeiler sei eine gemeinsame europäische Haltung. „Es muss Schulter an Schulter mit den Europäern gemacht werden“, forderte Gerster. Allerdings seien auch die Israelis gezwungen, Zugeständnisse zu machen. „Auch die Israelis müssen sich in entscheidenden Punkten kompromissbereit zeigen“, sagte er. Kritik übte er in diesem Zusammenhang an den jüdischen Siedlungen „Mauer und Zaun werden so nicht stehen bleiben können“, betonte Gerster.

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