Studie ausgewertet

Politik frustriert Jugendliche

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Simon Schnetzer, Geschäftsführer von DataJockey, zieht bei der Vorstellung der Studie zur Veranschaulichung auch den ein oder anderen Vergleich zwischen seinen beiden Jugendstudien „Junge Deutsche“ und „Junge Kemptener“.

Kempten – „Junge Kemptener“ – was denken, was fühlen sie, welche Ängste oder Hoffnungen bewegen sie?

Damit beschäftigt sich die gleichnamige, qualitative Jugendstudie, die Simon Schnetzer, Geschäftsführer von DataJockey, gemeinsam mit dem Stadtjugendring (SJR) ausgearbeitet und mit Hilfe ehrenamtlicher Interviewer ausgeführt hat. Befragt wurden 362 junge Kemptener im Alter von 14 bis 33 Jahren, davon 40 Prozent mit Migrationshintergrund. Anfang der Woche wurden die Ergebnisse unter anderem vor stadtpolitischen Vertretern vorgestellt.

Diese dürfte vor allem eine grundlegende Erkenntnis aus der Jugendstudie beruhigt haben: „Die Zufriedenheit der jungen Menschen in Kempten ist mit 84,1 Prozent der Befragten sehr hoch“.

Franziska Limmer, stellvertretende Vorsitzende des SJR, fasste die in fünf Themenbereiche gegliederten Ergebnisse zusammen:

Unter dem Punkt Lebensgefühl nehmen demnach Neue Medien und Digitalisierung besonders bei den 14- bis 17-Jährigen einen „hohen Stellen- wert“ ein, der allerdings mit steigendem Alter wieder abnimmt. Bei den über Dreißigjährigen rücken statt dessen Arbeit und Familie in den Vordergrund. Ebenfalls stark Altersabhängig zeigt sich der Einfluss von Alkohol und Drogen, die vor allem in der „Experimentierphase“ im Alter zwischen 18 und 21 Jahren eine Rolle spielen.

Viele kritische Anmerkungen zeigt der Punkt Bildung und Arbeit. Neben Forderungen nach einem deutschlandweit einheitlichen Bildungssystems sowie der Rückkehr zum G9 werden unter anderem veraltete Lehrpläne, Leistungsdruck oder auch mangelnde Förderung individueller Fähigkeiten kritisiert.

Obwohl das Gros der Befragten mit ihrer schulischen und beruflichen Situation ganz zufrieden sind, trifft das für immerhin 30 Prozent wenig oder nicht zu; für ein Drittel ist auch die finanzielle Situation wenig oder nicht zufriedenstellend. Dass lediglich „2,5 Prozent junge Kemptener arbeitslos sind“, relativierte Limmer mit dem Hinweis auf rund 40 Prozent „prekär beschäftigter Jugendlicher in Kempten“.

Unzufrieden mit Politik

Und doch steht als Wunsch für das künftige Berufsleben der Befragten nicht das Einkommen an erster Stelle, sondern mit knapp 80 Prozent „Spaß an der Arbeit“.

In Punkto Politik zeigt die Jugendstudie dagegen große Verdrossenheit. Als „erschreckend“ bezeichnete Limmer das mit gerade einmal 3,5 Prozent geringe ehrenamtliche, politische Engagement der Jugendlichen. Zudem seien „nur wenige mit der Demokratie in Deutschland zufrieden“. Sehen laut Franziska Limmer 43 Prozent bei sich „null Einfluss auf Entscheidungen, die in Kempten getroffen werden“, steigt der Prozentsatz auf dem Weg zur Europa-Ebene sogar auf 80.

Dennoch seien Kemptener Jugendliche „gnadenlose Optimisten“ – eine Aussage, die sich wohl auch auf die Fragen zu Sozialem Engagement und Zukunftsperspektive übertragen lässt. Denn Optimismus findet sich auch hier trotz großer Unsicherheit und Zukunftsängsten, besonders in Bezug auf Wohnungssituation, Arbeitsplatz oder Finanzen. Die Familie steht hoch im Kurs und hat einen starken Einfluss auf das Leben der Jugendlichen. Dass laut Limmer 75 Prozent „in Vereinen oder Verbänden organisiert sind“ zeige zudem, dass ihnen „das Ehrenamt wichtig ist“.

Als Wohnort wird Kempten mehrheitlich als „attraktive Stadt und lebenswerter Ort“ wahrgenommen. Schlechte Noten gibt es allerdings vor allem für den öffentlichen Nahverkehr.

Im Rahmen der Handlungsempfehlungen mahnte SJR-Vorsitzender Stefan Keppler die Kemptener Kommunalpolitiker unter anderem an, „die Gefühle und Ängste der Jugendlichen“ endlich wieder ernst zu nehmen und – angesichts der großen Politikverdrossenheit – „eine ernsthafte Reflexion ihres Imageproblems“ anzugehen. Um das Projekt, das im ersten Schritt mit der per Fahrrad vorgenommener Befragung „Junge Deutsche“ begonnen worden war (der Kreisbote berichtete mehrfach) auch „auf nationaler Ebene voranzubringen“, will Schnetzer nun über Crowdfunding die dafür notwendigen Gelder sammeln (www.sciencestarter.de/jungedeutsche-crowdfunding).

Die Jugendstudie „Junge Kemptener“ gibt es in der SJR-Geschäftsstelle in Kempten, Bäckerstraße 9, als Broschüre zum mitnehmen oder zum Herunterladen unter www.stadtjugendring-kempten.de.

Christine Tröger

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