"Wir müssen Schule neu denken"

Was soll Schule leisten? Ein Film- und Diskussionsabend zur Lehrerausbildung

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Thomas Gehring und Filmemacher Jakob Schmidt.

Kempten – Ein überfülltes Klassenzimmer, Gelächter, Gemurmel. Die Lehrerin wird ungeduldig. „Sie sollten sich ein wenig disziplinieren, wir haben schon wieder vier Minuten verloren.“ Vor ihr sitzen keine Schüler, sondern Erwachsene – angehende Lehrer. Langsam kehrt Ruhe ein in den Raum. Die schizophrene Situation von Referendaren, Schüler und gleichzeitig Lehrer zu sein, hat Filmemacher Jakob Schmidt zum Thema seiner Dokumentation „Zwischen den Stühlen“ gemacht. Thomas Gehring, der Sprecher für Bildungspolitik der bayerischen Landtags-Grünen hat den Film als Aufhänger genommen, mit interessierten Filmzuschauern über das Thema Lehrerausbildung zu diskutieren. Dazu hat er den jungen Regisseur Schmidt selbst eingeladen.

Für seine filmische Diplomarbeit begleitete Jakob Schmidt über zwei Jahre drei Referendarinnen und Referendare in ihrem Alltag. Anna, Ralf und Katja unterrichten alle an unterschiedlichen Schulen, haben unterschiedliche Beweggründe für ihre Berufswahl und machen unterschiedliche Erfahrungen.

Dunkle Augenringe

Aber bei allen wird der Druck, ausgelöst durch Unterrichtsbesuche, schwierige Klassen und den Zwang, erfolgreich Stoff zu vermitteln, für den Zuschauer körperlich spürbar. Katja, die an einer Berliner Gesamtschule unterrichtet, kommt im Laufe des Films immer mehr an ihre Grenzen. Oft fehlen große Teile der Schüler in ihren Klassen, laut ist die Geräuschkulisse, gegen die sie ankämpft. „Der Unterricht ist wie ein Spaziergang am Strand. Man muss sich unglaublich anstrengen, um Abdrücke im Sand zu hinterlassen, es ist schwer, seinen Fuß aus dem Sand herauszuziehen. Aber kaum drehe ich mich um, sehe ich, wie die Wellen die Spuren hinwegspülen. Es bleibt nichts hängen.“

Im Seminar befassen sich die Referendare mit den richtigen Methoden für die Stoffvermittlung. Ist die Tafel, ein Film, Gruppen- oder Partnerarbeit für den Stoff die angemessene Vermittlungsmethode? „Aber dazu komme ich im Unterricht gar nicht“, sagt Katja. Regisseur Schmidt hat den Eindruck, die Referendare sind „nicht auf die Schüler vorbereitet“. An den Universitäten beschäftigten sie sich fast ausschließlich mit den Fächern, die sie später unterrichten werden. Pädagogik, Psychologie, Klassenführung, Bewertung, Soziales oder auch Rollenspiele zum Üben kämen dabei zu kurz. 

Zwar böten die Unis mittlerweile mehr Praktika an, doch würden diese sehr unterschiedlich mit Leben gefüllt. Manche Betreuer würden nicht wollen, dass jemand in ihren Unterricht komme. Der Student wartet dann im Lehrerzimmer. In anderen Fällen dürfen die Praktikanten zuschauen, aber ebenfalls nicht selbst tätig werden. Der Filmemacher plädiert für eine praxisnahe Ausbildung von Anfang an, wie bei Ärzten. Warum die Unis aber gerne am jetzigen System festhalten, erklärt Landtagsabgeordneter Thomas Gehring: „Ein Medizin-Studienplatz kostet 28.000 Euro, ein Lehramts-Studienplatz 2500 Euro.“

Schmiede für brave Arbeiter

Gehring beeindruckt am Film, wie sehr die Referendare von den Seminarleitern abhängig sind – seien es gute oder schlechte. Während Anna wenig konstruktive Kritik bekommt, erhält Ralf hilfreiche Ratschläge und Unterstützung. „Ich habe teilweise das Gefühl, die Seminarleiter widersprechen sich selbst, in dem was sie von den Referendaren verlangen und dem, wie sie sie selber unterrichten“, sagt Schmidt. In einem Gesetzentwurf, den die Grünen vorlegen, sehen sie vor, dass die Seminarlehrer sich weiterhin fortbilden.

Besonders Anna, die an einer Berliner Grundschule eingesetzt ist, leidet darunter, ihre Schützlinge mit Ziffern bewerten und so strengen Regeln unterwerfen zu müssen. „Man hat das Gefühl, alles, was Spaß macht, ist verboten. Die Schüler dürfen nicht rennen, nicht toben. Dann dieses Stillsitzen im 45-Minuten-Takt. Das ist wahnsinnig brutal und nicht angemessen, finde ich. Öfter habe ich den Eindruck, dass vom politischen System her der Anspruch ist, dass das System verwertbares Humankapital erzeugt. Das ist für mich eine Missachtung derjenigen, mit denen wir es zu tun haben“, kritisiert sie.

Ralf dagegen hat kein Problem damit, „systemrelevante Zahnräder“ für die Gesellschaft herzustellen. Er sieht es als Erfolg an, wenn er die Werte der Gesellschaft so vermitteln konnte, dass man sich später keine Sorgen um seine Schüler machen muss und aber auch keine Angst vor ihnen zu haben braucht. Er erlebt am eigenen Leib, wie wichtig lobende Rückmeldung und Notenerfolg für die Motivation sind, muss aber selbst viele schlechte Bewertungen verteilen.

Auch die beim Film anwesenden Lehrer kennen den Zwang, beim Unterrichten „etwas verkaufen zu müssen, hinter dem man nicht steht – eine Show zu machen“. Regelrecht „geschockt“ waren manche, dass sich im Referendariat seit ihrer Ausbildung so wenig geändert habe. Auch wie wenig Unterstützung von den Lehrerkollegen im Film komme, bestürzt einen Filmzuschauer.

Warum manche Lehrer ein Geheimnis aus ihrem Unterricht machen würden, erklärte eine anwesende Pädagogin damit, dass es manchmal nicht möglich sei, sich an den geforderten Lehrplan zu halten. „Man muss erst einmal erziehen.“ Das solle aber nicht zum Direktor dringen. Weil die Schule so ein geschlossener Kosmos sei, aus dem wenig nach außen dringe, sei es so schwer, dort nötige Veränderungen voranzutreiben. Dabei sei es wichtig, die „Schule grundsätzlich neu zu denken“. Dieser Satz fiel mehrere Male bei der Diskussion.

Auf die Idee, generell in Zweierteams zu unterrichten, reagierten die Lehrer eher zurückhaltend: Das Team müsse dafür unbedingt funktionieren. Besser sei es, insgesamt in kleineren Gruppen auch an sozialen Themen zu arbeiten und die Schüler da abzuholen, wo sie gerade sind, und wo es Arbeit verlange. Das Thema Digitalisierung sei zum Beispiel erst einmal gar nicht so wichtig.

Für Schmidt ist es entscheidend, den Beruf für diejenigen interessant zu machen, die auch dafür brennen. Seine Erfahrung habe gezeigt, dass viele angehende Lehrer sich dafür entschieden haben, weil sie einen sicheren Job, Ferien haben wollen, „bei den Eltern bleiben“ oder in einer Position arbeiten wollen, die sie von Schülerseite bereits kennen. Deshalb kämen derzeit viele Leute ins System, die eher sicherheitsbedürftig sind als Sicherheit zu vermitteln.

Susanne Kustermann

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