Ein Klavierabend von besonderer Güte

Solopiano: Kevin Kenner auf den Spuren europäischen Virtuosentums

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Kevin Kenner überzeugte vergangenen Montagabend im Kemptener Stadttheater.

Kempten – Die von ihrem Organisator Dr. Franz Tröger unermüdlich und zu Recht beworbene Reihe Solopiano findet ihr Publikum auch abseits von Abonnementveranstaltungen und gängigen Wochenterminen. Das zeigte sich beim Konzert des US-amerikanischen Pianisten Kevin Kenner am Montag im Stadttheater.

Das Konzert ging vor einer sehr interessierten Zuhörerschaft, die das Parkett gut zur Hälfte füllte, über die Bühne. Kenner spielte ein Programm, das neben musikalischen Beweggründen wohl seine große Affinität zu Polen zum Ausdruck brachte. Diese Anziehung rührt von seiner Biografie her: Aus seiner kalifornischen Heimat, wo er 1963 zur Welt kam, wurde er von seinem polnischen Klavierlehrer in den achtziger Jahren zum Studium nach Polen empfohlen und erlebte dort neben musikalischer Weiterbildung auch die großen politischen Umwälzungen. 

Das Ende seiner Studien und der Start einer großen musikalischen Karriere war der Gewinn des legendären Warschauer Chopin-Wettbewerbs 1990. Eine Musikerkarriere, die ihn seit 1994 bereits sechs Mal auch nach Kempten gebracht hat. Diesmal hatte er zwei durch und durch für Polen stehende Komponisten, nämlich Frédéric Chopin und Ignacy Jan Paderewski mitgebracht, und – um in der Sprache der Musik zu bleiben – als zweites Thema Franz Schubert.

Zum Einstieg gab es Chopins Ballade Nr.1 in g-Moll op. 23 von 1823. Ein Stück, dem im Unterschied zum Großteil von Chopins Werk außermusikalische Inspirationen und Vorlagen zugeschrieben werden. In diesem Fall ein Gedicht über einen litauischen Volkshelden und sein tragisches Schicksal. Kenners Interpretation war solide, ohne technische Mängel, aber etwas sachlich und steif für den Stoff. Eine typische Eingangsinterpretation? 

Beim nächsten Stück, Schuberts Vier Impromptus op. 90 von 1827, die letztlich als die vier Sätze einer klassischen Sonate gelesen werden können, mit vier sehr unterschiedlichen Sätzen, die die ganze Bandbreite des Schubert‘schen Ausdrucks zeigen, hatte der Pianist dann die Möglichkeit, sich an reiner Musik zu erproben, was ihm von Satz zu Satz besser gelang. Im dritten Teil, dem Andante in Ges-Dur, konnte er das lyrische Thema in der rechten Hand gegen die begleitenden Achtel in der Begleitung vorzüglich herausarbeiten. Im vierten Satz sehr schön, wie es Kenner gelang, das Thema der fallenden Sechzehntel in der Melodie zu einer klanglichen Einheit gegen die linke Hand zu setzen. Nach der Pause zwei kurze Stücke von Ignacy Jan Paderewski, einem polnischen Komponisten, Klaviervirtuosen und späteren Politiker. Sein eingängiges und lyrisches Nocturne, op.16 Nr.4, ist kein Schwergewicht der Klaviergeschichte, wurde aber von Kenner sehr ausdrucksstark dargeboten.

Anders dann das letzte Stück des Abends. Es gibt zwar nur wenige Werke in Sonatenform in Chopins fast ausschließlich auf das Klavier ausgerichtetem Schaffen, aber die drei Klaviersonaten zählen mit zu den bedeutendsten. Die letzte davon war an diesem Abend zu hören, nämlich die Sonate Nr. 3 in h-Moll op. 58 von 1844. Das Werk ist in seiner Komplexität und der Vielzahl von musikalischen Ideen schwer zu fassen. Was letztlich zählt, ist der Vortrag, an dem sich pianistische Leichtgewichte die Zähne ausbeißen können.

Kevin Kenner schaffte es, mit technischen und expressiven Fertigkeiten, die nie an ihre Grenzen kamen, die einzelnen Sätze musikalisch sinnvoll und verständlich zu spielen und alle vier Sätze zu einem Ganzen zu verbinden. Als Zuhörer fühlte man sich in dem ungefähr 25 Minuten dauernden Stück zu keinem Zeitpunkt verloren, sondern immer mitgenommen in die musikalische Welt Chopins, was bei diesem Stück nur hervorragenden Pianisten gelingen dürfte. Dass Kenner, der während des gesamten Konzerts sehr konzentriert und ernst wirkte, auch lachen kann, zeigte er dann bei den sympathischen Ansagen zu zwei Zugaben von Paderewski und Chopin – auf Deutsch. Das Publikum spendete den verdienten großen Beifall.

Jürgen Kus

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