Diskussion zum Thema "Europa"

Auf das Wie kommt es an

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Sprachen über Europa in allen Facetten: (v.l.) Moderator Prof. Sigmund Gottlieb, Multivac-Chef Hans Joachim Boekstegers, Ex-Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel, Historikerin Prof. Marita Krauss und Norbert Leege, Prokurist bei der Ott-Jakob Spanntechnik GmbH.

Das Thema des Sommergesprächs „Unsere Heimat in Europa“ war bereits 2016 festgestanden. Auslöser war der Brexit. Als Unternehmer brauche man aber dauerhaft stabile Verhältnisse, so Matthias Grath, Kreissprecher der Wirtschaftsjunioren. Darüber müsse gesprochen werden.

Die Jungunternehmer luden hierzu hochkarätige Gesprächspartner ein: Norbert Leege, kaufmännischer Leiter, Prokurist bei Ott-Jakob Spanntechnik GmbH, Lengenwang, Hans-Joachim Boekstegers, geschäftsführender Direktor von Multivac und Group CEO der Multivac Sepp Haggenmüller Se & Co. KG, Wolfertschwenden, die Historikerin Prof. Dr. Marita Krauss, Professorin für Europäische Regionalgeschichte an der Uni Augsburg, Dr. Theo Waigel, CSU-Ehrenvorsitzender und ehemaliger Bundesminister für Finanzen. Die Moderation hatte Prof. Sigmund Gottlieb, Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens von 1995 bis 2017, nun als Publizist und Berater tätig.

„Ich habe den Eindruck, das Europabashing hat seinen Höhepunkt überschritten, in den Medien ebenso wie in der Politik“, so Gottlieb eingangs. Wahrscheinlich habe sich der viel geschmähte Euro in diesen turbulenten Zeiten sogar als die einigende Klammer erwiesen. Der Brexit ist ein großer Fehler, für Großbritannien selber und für Europa. Aber waren es vielleicht nicht auch der Brexit und die Wahl des Präsidenten in Amerika, das die Zweifler etwas verstummen ließ und in Europa ein Umdenken einleitete, so Gottlieb weiter.

Neu geschrieben werden müsse auf alle Fälle die angemessene Kompetenzverteilung zwischen Europa, den Nationalstaaten und den Regionen, stellt Sigmund Gottlieb in den Raum. Diesen Ball nahm Waigel nicht umgehend an. Eine Verwaltungsreform, in der die Zuständigkeiten klar geregelt sind, hält er für unumgänglich. Wenn man die Subsidiarität ernst nehmen wolle, empfiehlt er Bund und Ländern, in einem Katalog die Maßnahmen aufzulisten, die wieder aus Brüssel in die Zuständigkeit von Regionalparlamenten zurückfließen müssen und was weiterhin vom EU-Hauptsitz aus entschieden werden kann.

Wie Waigel, ist auch Prof. Krauss der Auffassung, dass Regionales – zum Beispiel die Errichtung eines Waldlehrpfades – vor Ort entschieden werden muss, damit kein Widerspruch ausgelöst wird und die Frage: „Wieso muss alles von Brüssel aus geregelt werden“ auftaucht. Als Wissenschaftlerin komme sie nicht umhin, die Geschichtsvergessenheit der Nachkriegsgeneration als gefährlich einzustufen. Europa war nach dem Krieg die Lösung für das Volk, brachte europäischen Frieden und Versöhnung. Der jetzigen Generation müsse bewusst gemacht werden, welch ein Gewinn Europa ist, der weit über das Wirtschaftliche hinaus geht.

Nicht zu trennen

Für Boekstegers und Leege ist der wirtschaftliche Erfolg ihrer Unternehmen nicht von der Einführung des Euro und der Gründung der EU zu trennen. Der Euro, so Boekstegers, wirke für Multivac wie eine Zündung, man ziehe aus Europa und der gemeinsamen Währung erhebliche kommerzielle Vorteile. Gäbe es noch die D-Mark, wären Multivac-Produkte heute sicherlich um 30 bis 40 Prozent teurer. Unsere Kontrahenten, so Boekstegers, sitzen nicht in Europa, sondern ganz woanders, zum Beispiel in China mit seiner stark subventionierten Wirtschaft. Er könne nur vor dem Aufbau von Handelsbeschränkungen im Euroraum warnen. Der Abbau von Handelsschranken, Stichwort Verzollung, und die Befriedung („ein Meisterstück“) sind für Norbert Leege die größte Errungenschaft Europas. Er spricht aber auch die Regulierungswut in Brüssel an, empfiehlt den Handelnden, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. Für Leege muss der Mensch wieder mehr in den Mittelpunkt rücken, um zu erkennen, dass man etwas für ihn tut. Vielen fehle ein Masterplan. Wo will Europa hin, wo soll Europa eines Tages stehen, das wüssten längst nicht alle. Dass man in ihren Häusern zu wenig unternehme, um den Europagedanken bei der Belegschaft zu stärken, das sehen die beiden Unternehmen nicht so. Das Thema Europa fließe regelmäßig in den Besprechungen mit ein.

Heute sei Heimat offen und es müsse auch die Möglichkeit einer zweiten Heimat geben, ist Theo Waigel überzeugt. Heimat sei ganz wichtig für die Seele, aber sie schließe nicht die Weite ab, die man heute in Europa habe.

Hildegard Ulsperger

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