Wirtschaftsjunioren laden zum "OB-Duell"

Ein schwieriges Erbe

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Lockere Runde: Moderator Thomas Häuslinger (Mitte) mit den Kandidaten Thomas Kiechle (v.l., CSU/FW), Martin Bernhard (SPD), Ullrich Kremser (FDP), Michael Hofer (UB/ödp), Michael Ulmer (Republikaner) und Thomas Hartmann (Grüne).

Kempten – „Wer erbt, der darf sich freuen“, sagt der Volksmund – und liegt damit oft daneben. Denn wer erbt, kann sich nicht aussuchen, was er haben möchte, sondern muss alles übernehmen.

Welche Hinterlassenschaften die sechs OB-Kandidaten von Noch-Amtsinhaber OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) im Falle eines Wahlsieges erwarten, wollten deshalb die Wirtschaftsjunioren (WJ) am Donnerstagabend in der kurzweiligen Podiumsdiskussion „Netzers Erbe – Das Oberbürgermeister-Duell“ herausfinden. Nach zwei Stunden stand für zumindest fünf der Kandidaten fest: In der Post-Netzer-Ära wird einiges aufzuarbeiten sein. 

Der Fürstensaal der Residenz war bereits sehr gut gefüllt, als die sechs Kandidaten zusammen mit Moderator Thomas Häuslinger (AllgäuHit) pünktlich um sieben Uhr die Bühne betraten. Schließlich war es das erste öffentliche Aufeinandertreffen der sechs Kandidaten vor einem großen Publikum. Die Themen des Abends waren vor allem die Situation der Stadt Kempten und ihre Finanzen, Bildung, Bundeswehrflächen und Einzelhandel. 

Bereits bei der Eingangsfrage zum Ist-Zustand wurde schnell deutlich, dass CSU/FW-Kandidat Thomas Kiechle an diesem Abend keinen leichten Stand haben wird. Während er die bisherige Politik Netzers verteidigen musste („Wir haben eine hervorragende Entwicklung hinter uns. Wir sind zu Recht die Metropole des Allgäus.“), durften die übrigen Kandidaten munter Klartext reden. So gab Thomas Hartmann (Grüne) zu, dass sich unter Netzer zwar viel Positives bewegt habe. „Wir haben aber auch Problempunkte“, so Hartmann weiter. Hier nannte er vor allem die schwierige finanzielle Situation der Stadt. Michael Ulmer von den Republikanern kritisierte „die Kurzatmigkeit der etablierten Parteien“. Er setze auf langfristige Konzepte zur Wirtschaftsförderung. 

Applaus für Bernhard 

Ersten Applaus an diesem Abend erntete jedoch Martin Bernhard (SPD), der zweideutig wissen ließ: „Wir haben einige Löcher, die wir stopfen müssen.“ In diesem Fall gemeint war allerdings das Loch im städtischen Haushalt in Form von zu wenigen Steuereinnahmen. Ödp-Kandidat Michael Hofer sagte: „Wir haben keinen wohlbestellten Hof – wir haben sehr viele Löcher.“ Am schlimmsten sei aber das Loch in der Stadtkasse. „Netzers Erbe ist sparen, sparen, sparen“, betonte er. 

Ullrich Kremser, Kandidat der FDP, beklagte hingegen das Fehlen eines produzierenden Mittelstandes und mangelhafte Transparenz. Beim Thema Bildung verwies Hartmann auf die Wichtigkeit von gut ausgebildeten Fachkräften für die heimische Wirtschaft. Außerdem kündigte er an, im Falle eines Wahlsieges noch einmal die Einführung eines Semestertickets zu versuchen. Thomas Kiechle sagte: „Wir sind mit Fug und Recht Bildungsstadt.“ Künftig gelte es, den Bereich Forschung und Entwicklung weiter zu stärken. „Das wird für die Zukunft unserer Stadt von ganz besonderer Bedeutung sein.“ 

Für eine sogenannte Cluster-Bildung sprach sich auch Michael Hofer aus. „Und wir brauchen Leute, die schaffen.“ Republikaner-Kandidat Michael Ulmer plädierte hingegen für günstigen Wohnraum für Studenten. „Die Absolventen der Hochschule sollten auch in Kempten bleiben“, sagte er. Die Hochschule hatte auch Martin Bernhard im Fokus. „Ich möchte mich dafür einsetzen, dass die Hochschule weiter wachsen kann“, betonte er. In Sachen Bundeswehrflächen waren sich die Duellanten einig, dass die Stadt in deren Besitz kommen müsse, um dort Dienstleistungen und Gewerbe anzusiedeln. Vor allem Ullrich Kremser sprach sich für produzierendes Gewerbe an der Kaufbeurer Straße aus. Kandidat Thomas Hartmann regte dagegen an, zu versuchen das geplante XXXLutz-Möbelhaus vom Haslacher Berg dorthin zu verlegen. 

Alles richtig gemacht? 

Deutlicher wurden die Unterschiede zwischen den Kandidaten schließlich beim Thema Einzelhandel/„großes Loch“. Zwar waren sich die Vertreter der fünf etablierten Parteien alle hinsichtlich der Sinnhaftigkeit des Kemptener Einzelhandelsgutachtens einig. Aber während die bereits im Stadtrat sitzenden Kandidaten das Loch-Debakel wortreich verteidigten (Kiechle: „Wir haben hier alles richtig gemacht!“) oder die in diesem Fall üblichen Phrasen vom „Dammbruch“ bemühten, scherten Martin Bernhard und Michael Ulmer aus. „Ich halte das für idiotisch“, sagte Bernhard zu den Überlegungen, im Erdgeschoss eine Tiefgarage zu bauen. „Der Zwangsverwalter darf das gar nicht machen“, betonte der Jurist. Er verwies auf weitere juristische Risiken und darauf, dass die Stadt womöglich ihr bereits investiertes Geld (knapp 500 000 Euro) nie wieder sehen werde. „Ihre Steuergelder müssen sicher sein – das sind sie aus meiner Sicht nicht“, betonte er. 

Der Kemptener Unternehmer Michael Ulmer forderte dagegen gegenüber dem Forum Allgäu Einzelhandel zuzulassen. „Der Markt regelt sich selbst“, sagte Ulmer.

Matthias Matz

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