Pralles Wissen vermittelt

SJR setzt auf Wissen als Prävention

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Etwa 20 in der Jugendarbeit Tätige verfolgten den vom Stadtjugendring organisierten Vortrag von Marina Wanner über den „Islam im Spannungsfeld“.

Kempten – Nur wer etwas versteht und auch die Hintergründe kennt, kann adäquat damit umgehen. Deshalb hat der Stadtjugendring (SJR) Kempten unter dem Titel „Islam im Spannungsfeld“ Leute aus der Jugendarbeit eingeladen, denn „das Thema kommt in Kempten vor“, meinte SJR-Geschäftsführer Alexander Haag mit Blick auf eine jugendliche Szene, die sich vom Salafismus angezogen fühlt.

Was steckt wirklich dahinter? Wie kann man den Jugendlichen begegnen, wie ihre Argumente sachkundig entkräften? Glück für den SJR, dass er sogar in zweifacher Hinsicht auf eine Fachkraft aus den eigenen Reihen zurückgreifen konnte. Denn die Referentin Marina Wanner ist nicht nur „seit Jahrzehnten in der Jugendarbeit“, wie sie meinte, sondern sie studiert zudem Islamwissenschaften und vermittelte in knapp zwei Stunden pralles Wissen zu Historie, Alltag und Politik an rund 20 Wissbegierige. Deutlich wurde, dass ein differenzierter Blick zwingend erforderlich ist.

Was steckt hinter diesem Begriff „Islam“, den Wanner mit „die sich Hingebenden, die sich Unterwerfenden“ übersetzte? Wichtigster Ort für Muslime sei die Kaaba in Mekka, die jeder Muslim mindestens einmal im Leben besucht haben sollte. Um die Stadt hätten dereinst viele Stämme gelebt, von denen sich immer mehr durch die neue Philosophie Mohammeds angezogen gefühlt und sich seinem Stamm der Quraisch angeschlossen hätten. Obwohl der Koran „sofort aufgeschrieben wurde“, sei die Auslegung „sehr komplex“, denn damals „wurden nur die Konsonanten geschrieben“, erklärte sie. Neben unzähligen Interpretationen gebe es heute nur wenige „anerkannte Fassungen“, dazu die „Hadithe“, mit dem Verhaltenskodex für Muslime, die im Koran selbst kaum berücksichtigt seien. Da Mohammed keine Nachkommen hatte, habe es nach seinem Tod die Spaltung gegeben in Sunniten – „sunna“ vom Wort für Tradition – und Shiiten – „shia“: Anhänger Alis. Die meisten Länder „sind sunnitisch geprägt“, wobei beide Richtungen „keine homogenen Glaubensgemeinschaften sind“.

Verbreitete Irrtümer stellte Wanner richtig. Zum Beispiel komme das Wort „Sharia“ so im Arabischen gar nicht vor, sondern „sharaa“, was ursprünglich „Weg zur Wasserstelle“ bedeutet habe, im Lauf der Zeit aber zu „Weg zum richtigen Leben“ geworden sei. „Was darunter gemeint ist, weiß vermutlich keiner“, meinte sie, „Gesetzt“ aber jedenfalls nicht. „Fatwa“ sei der Begriff für ein „Rechtsgutachten zu theologischen Fragen“, zum Beispiel, ob eine Tätowierung o.k. ist oder nicht, was in Saudi Arabien einfach beantwortet werden könne, da das „Wort Tätowierung im Koran nicht vorkommt, also verboten ist“.

Ebenso klärte Wanner über die Bedeutung des Begriffes „Dschihad“ auf: Der „große Dschihad“ zum Beispiel sei „der Kampf gegen mein Ego“; erst danach könne man darüber nachdenken, „ob es in der Welt unterdrückte Muslime gibt“. Mit den Begriffen werde „sehr gespielt“ – auch ein Bildungsproblem, „weil die Leute die echte Bedeutung nicht kennen“. Zudem sei der Koran in Hocharabisch geschrieben, was sich zu den arabischen Dialekten in etwa verhalte „wie Latein zu den romanischen Sprachen“.

Nicht alle radikal

Auch der Salafismus stellt sich nicht so einfach dar, wie Wanners differenzierter Blick verdeutlichte. Da sind einmal die Orthodoxen, die es in jeder Religion gibt und die einfach nur versuchen, sich so genau wie möglich an der Thora, der Bibel oder dem Koran zu halten, aber „nicht radikal sind“. Auch der Salafist an sich wolle sich so nah wie möglich am Leben Mohammeds orientieren und sei vielleicht mit der Glaubensgemeinschaft der Amischen in der christlichen Tradition vergleichbar. Dann gebe es aber auch die radikalen Salafisten, die den Islamischen Staat propagieren, den es, so Wanner, zur Zeit Mohammeds zwar gegeben habe, der aber schon damals wieder aufgelöst worden sei. Bei den Salafisten sei die Idee zwar da, aber auch das Bewusstsein dafür, dass es nicht gehe. Im Gegensatz dazu „wollen ihn die Islamisten mit allen Mitteln durchsetzen“, wie zum Beispiel in Syrien. Als prädestiniert dafür nannte sie Saudi Arabien, wo es allerdings wegen des Machtanspruchs mit der erforderlichen Ablehnung von Fortschritt schwierig sei. Wie Wanner aufzeigte, kommt eine Islamisierung auch mit der Lehre in Konflikt, da Missionierung im Koran ausdrücklich untersagt werde und auch keine Zwangskonvertierung erlaubt sei. Die Suren (Kapitel) des Koran, der auf Thora, Altem Testament und Historie basiere, seien „sehr schwer zu verstehen“ und man könne sich „nicht wörtlich auf den Koran berufen“, sondern müsse die Suren immer im Gesamtkontext betrachten. Schwierig werde es vor allem dann, wenn eine Religion „politisch verwendet wird“, wie zum Beispiel vom Prediger Pierre Vogel, Konvertit aus Köln und „vermutlich ein Al-Kaida-Anhänger“, dessen Predigten ja „anfangs ganz gut klingen“, bis einem bewusst werde, „dass es die volle Gehirnwäsche ist“.

Vermutlich sei der junge Kemptener David, der vor einigen Monaten in Syrien als Kämpfer ums Leben gekommen war, über das Internet auf Vogel gestoßen und so zum Islam gekommen. „Menschen, die auf der Suche sind, sind da sehr anfällig“, denn zum Einen wissen sie wenig über den Islam und zum Anderen bekommen sie hier das Gefühl angenommen zu sein und dazu zu gehören oder sogar „Geschichte mitzuschreiben“. Für nicht ganz ungefährlich hält Wanner die zwar „nicht unbedingt falschen“, aber oft „geprägten“ Übersetzungen der meist in Saudi Arabien gedruckten arabischen Medien.

Wissen ist Prävention

Gute Infos über den Islam gebe es im Internet bei Wikipedia. Sonst solle man „lieber nicht versuchen sich im Internet islamisch zu bilden“. Als Präventivmaßnahme befürwor- te sie „islamischen Unterricht an deutschen Schulen, der neutral ist“. Haag empfahl unter anderem nicht zu reagieren, wenn Jugendliche plötzlich mit auffälligen Bart kämen, da sie dann das Gefühl hätten, etwas Besonderes zu sein und Aufmerksamkeit zu bekommen. Auch dafür, mit den Jugendlichen darüber zu reden, wie Religion bei ihnen zu Hause oder von ihren Eltern gelebt werde, sei die offene Jugendarbeit gut geeignet. Und „man muss auch über die eigene Haltung nachdenken.“ So sei er immer „der absolute Kopftuchgegner“ gewesen, habe inzwischen aber begriffen, dass viele Frauen es „sehr gerne tragen und es eher schon manche Männer aufregt“. Bestätigung gab es von Wanner, denn „nicht das Kopftuch ist das Problem. Wenn Eltern ihre Kinder dazu zwingen, sind meist noch ganz andere Dinge im Spiel“.

Christine Tröger

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