Auftakt der "Starken Stücke"

Komponistinnen geben den Ton beim CLASSIX-Festival an

+
Pianist Bengt Forsberg und Cellistin Amy Norrington.

Kempten – Man könnte sich ja in Bezug auf die Geschlechterthematik, die dem diesjährigen CLASSIX-Motto innewohnt, weiter aus dem Fenster lehnen als Festivalorganisator Dr. Franz Tröger dies in seiner Eröffnungsansprache tun wollte und behaupten,

Frauen seien keine Revoluzzer, aber sie stünden auch in der Musik ihren Mann.

Denn genau diese Behauptung wurde auf sehr kurzweilige Art im Eröffnungskonzert am Sonntagabend von fünf komponierenden Frauen aus Vergangenheit und Gegenwart bewiesen. Tröger wies stattdessen auf die Ursprünge dieses Festivals hin, das es seit zwölf Jahren gibt, indem er von einem bereits vor 50 Jahren existierenden runden Tisch zu finanziellen Fragen der Kulturpflege in Kempten berichtete. Oberbürgermeister Thomas Kiechle nahm dieses Thema auf, äußerte seine Erleichterung, dass diese Fragen von ihm nicht mehr gelöst werden müssten, und schlug wieder den Bogen zur Überschrift des diesjährigen CLASSIX-Festivals, Johannes Brahms zitierend, der einmal gesagt haben soll, dass erst ein Mann ein Kind gebären müsse, bevor eine Frau zur großen Komponistin geboren würde. Nun, Oliver Triendl, der Künstlerische Leiter dieses Festivals, verfügt neben seinen pianistischen Fähigkeiten offensichtlich auch über gute Kontakte zur weiblichen Musikwelt und hatte ein erstes Konzert organisiert, das einen eindrucksvollen Vorgeschmack auf die Frauenpower in der Musik für die kommende Woche geben konnte.

Das erste Stück des Abends der 1970 geborenen Serbin Aleksandra Vrebalov „Pannonia boundless“ war eine Hommage an die virtuose Volksmusik der umherziehenden Roma ihrer Heimat. Nach intensiven Recherchen in der einschlägigen Musikszene gelang ihr ein einsätziges Werk, das vom ersten Ton an den Charakter dieser virtuosen Musik mit ihren typischen Tonleitern und Instrumentalfinessen auf die klassische Besetzung des Streichquartetts überträgt. In Auftrag gegeben wurde dieses Werk 1997 vom weltberühmten Kronos Quartet.

Das zweite Stück der Finnin Helvi Leiviskä, das Klavierquartett in A-Dur op.1, komponiert 1925, hat einen klassischen Aufbau in vier Sätzen. Die insgesamt spätromantische Musiksprache wird immer wieder von impressionistischen Klaviereinsprengsel begleitet und aufgebrochen. Oliver Triendl am Klavier und seinen Mitmusikern gelingt hier ein sehr farbiger und expressiver Vortrag.

Kempten Classix: Fulminanter Auftakt

Vor dem nächsten Stück stellte Triendl die dritte Komponistin in einem längeren Zwiegespräch auf der Bühne vor. Katia Tchemberdji nahm die Rolle der diesjährigen Composer-in-Residence an, also derjenigen Musikerin, die mit mehreren eigenen Werken und der durchgehenden Anwesenheit während des ganzen Festivals in Erscheinung tritt. Ihre sieben Klavierstücke spielte sie an diesem Abend selbst und gab so einen Einblick in zeitgenössische Klaviermusik, bei der ein sehr reduziertes Tonmaterial im Stile eines Eric Satie mit clusterhaften Flächen und perkussiven Klaviersaitenmanipulationen abwechselte. Ihr Verständnis von Musik hatte nichts mit Virtuosentum zu tun, und so ergab sich ein sehr ruhiger, unaufgeregter Vortrag auf dem Steinway-Flügel.

Wollte man eine qualitative Rangfolge des Abends einführen, so hatte das vierte Stück die Nase leicht vorne. Eine 2002 von der Serbin Isidora Zebeljan komponierte Sarabande für Klavier, Violine und Oboe wurde an diesem Abend von einem Englischhorn statt der Oboe ausgeführt. Das kurze, einsätzige Stück erzeugte eine fein austarierte, eindrucksvolle Klanglandschaft, die sich auf dem Ostinato eines immer gleichbleibenden Klaviertons im Dreiertakt aufbaute, das dunkle Englischhorn setzte sich mit langen Tönen gegen eine schnellläufige Violine ab, alles zusammen erinnerte an die Tonsprache spanischer Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts.

Das letzte Stück des Abends war das längste, das älteste und das konventionellste. Und doch ist das dreisätzige Klaviertrio Nr.2 in A-moll op. 34, von der Französin Cécile Chaminade 1887 komponiert, ein Glanzstück seiner Zeit, das auch heute nichts von seiner Strahlkraft verloren hat. Es enthält das französisch-romantische Feuer eines George Bizets, aber auch die melodiöse Durchführungskraft eines Johannes Brahms. Wichtig für diesen Abend, die drei Musiker, allen voran Bengt Forsberg am Klavier, boten ein kongeniales Zusammenspiel, das alle Qualitäten des Stücks perfekt zu Gehör brachte.

Das Festival geht weiter mit dem nächsten Konzert am Mittwoch, 27. September, um 20 Uhr wieder im Stadttheater Kempten.

Jürgen Kus

Auch interessant

Meistgelesen

… beim Blutspenden. Ein Erfahrungsbericht mit Hindernissen
… beim Blutspenden. Ein Erfahrungsbericht mit Hindernissen
Mitglieder des "Arbeitskreis Sport in Schule und Verein" kümmern sich um Schulsportwettbewerbe
Mitglieder des "Arbeitskreis Sport in Schule und Verein" kümmern sich um Schulsportwettbewerbe
Rassekaninchen geben sich in Kempten ein Stelldichein
Rassekaninchen geben sich in Kempten ein Stelldichein
Wohnungen für Studenten und Menschen mit Behinderung in Sankt Mang
Wohnungen für Studenten und Menschen mit Behinderung in Sankt Mang

Kommentare