Zum Sprechen erwecken

Manfred Röhrl berichtet bei Führungen Interessantes zu den alten Familiengräbern. Fotos: cut

Wer über den alten Friedhof um die Lindenberger Aureliuskirche geht, dem drängt sich der Eindruck von der Flüchtigkeit der menschlichen Existenz auf. Und doch haben die Menschen es verstanden, sich gerade in ihrer Vergänglichkeit ein Denkmal zu setzen. „Ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch der Stadt“, wie es Manfred Röhrl vom Arbeitskreis historischer Friedhof nennt, ist der alte Totenacker um die Aureliuskirche, der nun Zug um Zug ein Friedhofspark werden soll. Ob die Ausgestaltung zum Park im westlichen Teil heuer noch erfolgen kann, muss nun der städtische Haushaltsausschuss entscheiden.

Für den Erhalt der Grabmale wurde schon viel getan. Von den vorhandenen 245 Grabstätten wurden über 100 als erhaltenswert klassifiziert. Und auch da gibt es nochmals Abstufungen. Als künstlerisch wertvoll oder denkmalwürdig gelten rund 25 Grabstellen. Aus stadthistorischen oder personenbezogenen Gründen erhaltenswert sind über 40 Grabstätten. Und doch zeigt das Interesse an Führungen, dass die Steine der Grabmale oft stumm bleiben. Doch es bedarf kundigen Wissens, um alte Zeugnisse zu entschlüsseln. Dabei geht es nicht nur um Kunstausformung an Grabstellen, es geht um Lebenswelten, Geschichtsbezüge und Schicksale. Zum Beispiel gibt es da den unscheinbar schlichten Grabstein des Maurerpoliers Alois Monsutti (1882–1964) und seiner Frau Antonia. Seine Bedeutung wird erst klar, wenn man weiß, dass es sich um den ersten Lindenberger Gastarbeiter handelt. Monsutti kam aus Italien, wirkte beim Bau der Stadtpfarrkirche mit und blieb. Um kein Grab handelt es sich beim Stein von Hans Alois Schmitt, dem ersten rechtskundigen und hauptamtlichen Bürgermeister der Stadt. Er liegt in seiner Heimat Würzburg. Im übrigen wurde damals, anno 1924, sehr genau geprüft, wer in geweihter Erde bestattet werden durfte und wer nicht. Schließlich hatte sich Schmitt erschossen. Stadtgeschichte lässt sich nur selten direkt aus Grabsteinen lesen. So ist die Bezeichnung „Peitschenmacherswitwe“ einer Inschrift ein Hinweis darauf, dass neben der lohnenden Tätigkeit der Pferdehändler es in Lindenberg auch Handwerker gab, die für den berufsspezifischen Bedarf der Pferdehändler gearbeitet haben. Zum Teil gibt es Erläuterungsbedarf, um Aussagen auf Gräbern richtig einschätzen zu können. Geht man zum Beispiel von den jetzt vorhandenen Grabinschriften im alten Friedhof aus, so gab es in Lindenberg weit mehr Stohhutfabrikanten als Strohhutarbeiter. Der Beruf „Strohhutarbeiter“ hat sich nämlich nur auf einer Grabtafel erhalten, die jetzt in der ehemaligen Aussegnungshalle untergebracht ist. Die reiche figürliche Ausgestaltung von Grabmalen entspricht dem Bedürfnis, sich auch im Tod ein standesgemäßes Zeugnis zu setzen. Es gab für Grabstätten nur eine zeitlich befristete Nutzungsdauer und viele Angehörige haben die Grabstätten dann aufgegeben. Weil aber die Nutzungsrechte immer öfters verlängert wurden, haben sich so auch ältere Grabsteine erhalten. Greifbare Informationen So gibt es einen unlängst renovierten Stein von Xaver Maurer aus Lindenberg, der 1917 am Hochberg gefallen ist. Damit ist nicht die Höhenkuppe auf dem Pfänderrücken gemeint, sondern ein Berg bei Reims. Nach einem Ingenieurstudium zog er als „Einjährig Freiwilliger“ ins Feld und fiel als 24-Jähriger Kompanieführer. Seine Grabstätte war zunächst in Reims, seine Eltern sorgten jedoch nach dem Krieg für die Überführung nach Lindenberg. Von Maurer ist durch Bericht der Verwandten (Familie Sanitär Braun) noch einiges bekannt. Über viele andere auf Grabstätten im Alten Friedhof erwähnte Menschen schon nicht mehr. Der Katalog der erhaltenswerten Grabdenkmale macht nur Aussagen zu Beschaffenheit, Steinart und Stilistik von Grabstellen. Der Friedhof kann erst beredt werden, wenn die verstreuten, derzeit noch greifbaren Informationen zu den hier Begrabenen systematisch gesammelt und dargestellt werden. Da ergäbe sich ein verdienstvolles Wirken für den Arbeitskreis Historisches Lindenberg oder den Geschichtsverein. So erklärte zum Beispiel Dr. Hans W. Thum aus Lindenberg im Schreiben an Röhrl zur Grabstätte seines Großvaters Josef Steinleitner: „Wenn ich mir überlege, was ich über ihn alles an geschichtlich interessanten Fakten berichten könnte: Bahnhofsvorstand in Lindenberg während des Zweiten Weltkriegs und Zeitzeuge der Unterbringung marokkanischer Besatzungstruppen in den abgerissenen Bahnhofshallen, königlich bayerischer Soldat im Elsass im Ersten Weltkrieg …“ Aus diesem Grund ist es eines der Fernziele, den Lindenberger Friedhof sprechend zu machen und mit einem Kunst- und Geschichtsführer Schicksale und Lebensgeschichten von dort Bestatteten sowie Bezüge zur Stadtgeschichte aufzuzeigen.

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