Stadt soll sich mehr einbringen

Deutliche Kritik an der städtebaulichen Entwicklung des Brauhausgeländes und an der Diskussion über die Zukunft des Sudhauses übte jetzt das architekturforum kempten. Den von den Investoren ins Spiel gebrachten Vorschlag, das Sudhaus abzubrechen, um es vier Meter versetzt wieder aufzubauen (der KREISBOTE berichtete), hält das architekturforum für absolut unangemessen.

Das Verfahren, das zum jetzigen Stand der Diskussion führte, müsse daher als vermeintlich richtiger Weg zu einer zukunftsfähigen, identitätsstiftenden Lösung für das Brauhaus-Gelände in Frage gestellt werden. „Anstatt selbst als Auslober und federführender Auftraggeber des Wettbewerbs einen klar umrissenen städte- baulichen Wettbewerb auszuschreiben – auch mit der Option in kleineren Einheiten zu denken – überließ die Stadt dies Investoren, deren Interessen sich an der bestmöglichen kommerziellen Verwertbarkeit orientierten“, kritisierte das architekturforum. Preisrichter und Vorprüfer aus dem Wettbewerb sind jetzt als Planer für die neuen Investoren tätig, was in Fachkreisen als eindeutiges Tabu gilt. Der seinerzeit siegreiche Entwurf von Münchener Kollegen sei mittlerweile hinsichtlich der Bedürfnisse des Investors wiederholt umgestaltet worden und die bewerteten Qualitäten kaum mehr erkennbar. Die Stadt bzw. der auslobende Investor hatte im fortgeschrittenen Wettbewerbsverfahren den Abriss des Sud- hauses zur Auflage gemacht. Der Ansatz einiger Wettbewerbsteilnehmer, die den Erhalt als Bereicherung für das Stadtbild und emotionales Kapital befürworteten, wurde nicht aufgegriffen. Erst nach öffentlichem Protest wurde das Sudhaus wieder in die Planungen einbezogen, so die Kritik weiter. „Andere Städte füllen mit großem Aufwand historisch gewachsene und unverwechselbare Areale sensibel mit neuem Leben“, führt das architekturforum das ehemalige Warteck–Brauerei-Areal in Basel ist als Beispiel an. „Die Stadt Kempten dagegen vergibt nach dem derzeitigen Stand der Dinge die Chance, ein städtebaulich und historisch bedeutendes Kernstück durch hochwertige bauliche Ergänzung zu einer Bereicherung für die ganze Stadt weiterzuentwickeln“, bemängelten die Experten. Bevölkerung sensibler Nach vielen Abrissen und geschichtsvergessenen Bebauungsfehlern der letzten Jahrzehnte sei die Bevölkerung sensibler geworden, was die Uniformierung ihrer Innenstadt angehe. Die Auslöschung nahezu aller Gründerzeitbauten an der Ecke Bahnhof-/Beethovenstraße und deren Ersatz durch Zentralhaus, Illerkauf, ehemalige Quelle und Oberpaur, funktioniere schon nach wenigen Jahrzehnten sowohl inhaltlich, als auch gestalterisch nicht mehr, beanstandet das architekturforum weiter. „Leerstand und die mühsame Aufhübschung der Fassaden können nicht über die Tatsache hinweg täuschen, dass die Akzeptanz der Kemptener nicht gegeben ist und hier keine Orte entstanden sind, die einer lebendigen, unverwechselbaren Innenstadt ihr Gesicht geben.“ Was das Sudhaus betrifft, drängt sich dem architekturforum zufolge momentan der Verdacht auf, dass mit Führungen durch das Gebäude und dem Versuch einer einseitig gesteuerten öffentlichen Meinung die angebliche Wertlosigkeit des Sudhauses demonstriert und so einem ersatzlosen Abriss das Wort geredet werden solle. Vorausschauende, auf den historischen Bestand bezogene städtebauliche Überlegungen würden hier wirtschaftlichen Interessen mit fragwürdiger Halbwertszeit geopfert. Das architekturforum schlägt für die Zukunft eine Vorgehensweise vor, an deren erster Stelle ein von der Stadt selbst auszulobender städtebaulicher Ideenwettbewerb steht, in engem Diskurs mit der Bürgerschaft. Daraus sollten politische Entscheidungen über die gewünschten Rahmenbedingungen hervorgehen. Dann erst sollten Bebauungsplan, Suche nach Investoren, gegebenenfalls ein Realisierungswettbewerb oder die Begleitung durch einen Gestaltungsbeirat folgen.

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