Kunstrasen auf dem Prüfstand

Stadt sucht nach Alternativlösungen, um Mikroplastik einzudämmen

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Das Problem Mikroplastik ist in aller Munde. Auch der Kunstrasen auf Sportplätzen ist in den Fokus gerückt.

Kempten – Es sei „ein Thema, das man unterschätzt hat in der Vergangenheit“, eröffnete Bürgermeisterin Sibylle Knott den Tagesordnungspunkt „Mikroplastikanteil in Kunstrasenplätzen“.

Als Vertretung von OB Thomas Kiechle leitet sie die Sitzung. Genau genommen geht es dabei um das in den Kunstrasen eingearbeitete Granulat, präzisierte Thomas Baier-Regnery, Referent für Jugend, Schule und Soziales, das Thema. Wegen der Bestrebungen eines Kunstrasenverbots auf EU-Ebene stehen bei der Stadt sechs große Sportrasen sowie acht Laienspielfelder auf dem Prüfstand. 

Durch das Verbot sollen vor allem die im Plastik enthaltenen Weichmacher vermieden werden, die „ausgeschwemmt, verpustet“, durch Reinigungsmaschinen oder Gummiabrieb allgemein ins Grundwasser und in die Umwelt gelangen. Aber, konnte Baier-Regnery das Gremium hinsichtlich befürchteter Sportplatzschließungen beruhigen, „es sieht nicht so aus, dass es ein umfassendes Verbot geben wird“, sondern eher Richtlinien. 

Deshalb will die Stadt auch die Sanierung des Sportplatzes in Thingers so lange zurückstellen, bis klar ist, welches Material eine Zukunft hat. Eine alternative Möglichkeit zu Plastikgranulat sieht Baier-Regnery durch die bereits vereinzelt eingesetzten Hybridrasen. Hier wird als Füllstoff entweder auf Kork gesetzt – das sei allerdings „sehr schimmelanfällig“ – oder auf Sand, der den Belag hart mache und die Verletzungsgefahr erhöhe. 

Erst einmal aber soll „durch erhöhten Pflegerhythmus“ versucht werden, das Granulat möglichst im Rasen zu halten. Zwar wolle man natürlich die Umweltbelastung minimieren, aber „die Plätze jetzt stilllegen wäre Blödsinn“, übergab Baier-Regnery damit das Wort an Betriebshofleiter Michael Kral. Dieser bestätigte, dass sich die Halme durch regelmäßige Pflege wieder aufstellen und so das Granulat im Rasen gehalten werde. Allerdings wies er im selben Atemzug darauf hin, dass eine erhöhte Taktung von bislang vier Wochen auf künftig zwei Wochen „personell nicht zu stemmen ist“. 

Für den Mehrbedarf an einer Arbeitskraft plus zusätzlich benötigter Gerätschaft, rechnete er 100.000 Euro an zusätzlichen Kosten pro Jahr vor. Die Trockenreinigung werde nachdem der Rasen „abgeblasen“ worden sei, mit einem „extra kleinen Traktor“ durchgeführt. Auch eine Nassreinigung sei möglich, so Kral, aber die sei sehr teuer. Mehr als die Kosten trieb Katharina Schrader (SPD) die Sorge darüber um, dass die Kinder in den Schulen ebenfalls zur Verteilung der „schwarzen Boppel“ beitrügen, wie sie aus eigener Erfahrung berichten konnte. „Das Zeug ist überall“, berichtete sie, sogar in den Schuhen ihrer Kinder und über die Waschmaschine gelange dann alles weiter ins Wasser. 

Laut Kral müssen pro Jahr und Rasen „immer so eine Tonne“ Granulat nachgefüllt werden, was die Größe des Problems erahnen ließ. Siegfried Oberdörfer (SPD) begrüßte eine Intensivierung der Pflegemaßnahmen. „Das sind wir unseren Sportlern und Kindern schuldig.“ Alexander Buck (CSU) berichtete, dass die Stadt Solingen bereits angefangen habe auf, wie von der EU auch empfohlen, Sand umzustellen und damit „gute Erfahrungen“ gemacht habe. Er regte an, sich dort doch entsprechend kundig zu machen. Sein Fraktionskollege Harald Platz wollte wissen, ob auch vom Rasen selbst eine Gefährdung durch Mikroplastikabrieb ausgehe. „Auch die Fasern brechen“, sagte Kral, der die Lebensdauer des Plastikrasens mit zwölf Jahren angab. „Eigentlich ist das Gesamtsystem“ hinsichtlich Mikroplastik relevant. Letztendlich gebe es aber noch keine echte Alternative. Neu sei derzeit Kurzflor in der Erprobung, der einen anderen Aufbau als der bisherige Kunstrasen habe. 


Christine Tröger

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