Anschuldigungen "nicht ausreichend"

Stadt will Knussertstraße behalten– Initiative legt jetzt nach

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Das Schild des Anstoßes: Für nicht angemessen halten einige Bürger die Ehrung von Richard Knussert mit einer Straße.

Kempten – Die Forderung ehemaliger Schüler von Dr. Richard Knussert, die ihm gewidmete „Knussertstraße“ neu zu benennen (der Kreisbote berichtete), hat mittlerweile Wellen geschlagen. Zwischen den Aktivisten und dem Büro des Oberbürgermeisters ist ein reger Briefwechsel entstanden,

OB Thomas Kiechle äußert sich in zwei Stellungnahmen. Und auch der Süddeutschen Zeitung ist die Sache ein Artikel wert.

„Die Stadt Kempten prüft bei Straßenbenennungen nach Personen grundsätzlich wie aktuell den Sachverhalt im Einzelnen und arbeitet dabei eng mit Archiven und wissenschaftlichen wie sonstigen Institutionen zusammen“, schreibt Oberbürgermeister Thomas Kiechle an den Theologen Dr. Michael Mayr, der mit seinem früheren Klassenkameraden Prof. Dr. Georg Karg den Stein ins Rollen gebracht hatte. Die beiden hatten sich an die Stadt Kempten gewandt und dargestellt, wie schwärmerisch sich ihr ehemaliger Lehrer im Unterricht über Hitler und sein Reich geäußert habe. Von 1936 bis Kriegsbeginn war Dr. Richard Knussert Gaukulturwart gewesen und hatte somit eine Führungsposition in der NSDAP-Gauleitung Schwaben bekleidet.

"Jeder Einzelfall ist zu prüfen"

Mit dem Straßennamen „Knussertstraße“ sind Karg, Mayr und ihre Mitstreiter, zu denen unter anderem der Geschichtskenner und Autor Jakob Knab aus Kaufbeuren gehört, nicht einverstanden. Sie wollen erwirken, dass die Leistungen Knusserts als Historiker bei der Erforschung der Römerstraßen auf andere Art und Weise honoriert werden. Die Stadt könne aber von Behauptungen einzelner und wenigen Arbeiten nicht das Gesamtbild einer Person abhängig machen, so der Oberbürgermeister in seiner schriftlichen Antwort an die Initiative.

Die Indizien, die eine Straßenumbenennung begründen würden, seien nicht ausreichend. In der von Mayr und Karg herangezogenen wissenschaftlichen Arbeit „Ethnische Gewissheiten“ der Geschichtsprofessorin Dr. Martina Steber könne man auch lesen, dass die Unterlagen aus dem Augsburger Stadtarchiv „leider wenig aussagekräftig“ seien, so Kiechle.

Der Entnazifizierungs-Hauptausschuss Telgte/Kreis Münster-Land vom 18. Dezember 1948 würde ihn als Mitläufer einstufen. „Wenn wir vergleichbare Sachverhalte als Kriterium für Straßenumbenennungen heranziehen würden, müssten wir bundesweit in allen deutschen Städten flächendeckend nahezu alle nach Personen der Geburtsjahrgänge ca. 1890 bis 1920 benannten Straßen konsequent umbenennen“, schreibt Kiechle.

Knab hält diese Argumente für „geschichtspolitische Schaumschlägerei“ und führt die Ehrung von Else Eberhardt-Schobacher für die Mundart-Stücke „Funkensonntag“ durch Gaukulturwart Knussert an. Heimatpflege sei damals eine hochideologische Angelegenheit gewesen, die der Legitimierung von Antisemitismus und Biologismus gedient habe. Auch Knab bezieht sich hier auf die Arbeit von Steber.

Auf den Sachverhalt angesprochen, möchte die Historikerin sich verständlicherweise nicht über die Presse in die Kontroverse einschalten. Der Oberbürgermeister führt in seiner schriftlichen Begründung außerdem an, dass die Stadt ihre Erinnerungskultur pflege und wo nötig, nach „sorgfältiger Prüfung bereits vor Jahrzehnten mit Umbenennungen begonnen habe, wo diese angezeigt waren.“ Als Beispiele führt er General Dietl und Carl Diem an.

Für die Umbenennung der General-Dietl-Straße hatten allerdings die Grünen-Stadträte Edi Bühler und – federführend – Klaus Spiekermann, die damals die Grünenfraktion stellten, zehn Jahre vor allem gegen CSU-Widerstand im Stadtrat kämpfen müssen. Weltweit sammelten sie Unterschriften. Sogar Inge Scholl, die Schwester der Widerstandskämpfer Sophie und Hans Scholl setzte sich mit einem Brief für die Umbenennung ein. Erst auf Druck der Regierung aus Bonn musste 1996 sowohl die General-Dietl-Kaserne in Füssen als auch die gleichnamige Straße in Kempten umbenannt werden.

Karg und Mayr sind jetzt nach eigenen Angaben bereit, ihre Aussagen über die verherrlichenden Aussagen Knusserts über das Dritte Reich, die er im Unterricht verbreitet habe, in einer eidesstattlichen Versicherung glaubhaft zu machen. „Es kann nicht sein, dass man zwei so diametral verschiedene Menschen wie Alfred Kranzfelder und Richard Knussert – der eine setzte sich für den totalen Widerstand gegen das Nazi-Regime ein, der andere unterstützte es – auf ein und dieselbe Weise ehrt.“ 

Knabs Vorschlag, an der Römerstraße zwischen Pfronten und Füssen eine Gedenktafel für Knussert anzubringen, ist nach Karg eine stimmige Würdigung von Knusserts Forschungsarbeiten. Ein Straßenschild nehme dagegen immer die Gesamtpersönlichkeit in den Blick, die bei Knussert wegen vieler ungeklärter Fragen problematisch sei.

Die Süddeutsche Zeitung zeigt in ihrem Artikel „Stadt verteidigt Heimatforscher mit Nazi-Begeisterung“, erschienen am Freitag, 13. Juli, im Tenor eher Unverständnis für die Haltung der Stadt. Auch aus Sicht einiger Bürger ist es befremdlich, dass es der Stadt Kempten für eine Straßenumbenennung nicht allein schon ausreicht, dass Knussert ein hohes Amt in der NSDAP-Gauleitung Schwaben inne hatte.

Susanne Kustermann

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