Jahrzehnte durchwachsener Stadtgeschichte konzentriert sich an einem Ort

Stadtgeschichte: Die Allgäuhalle in Kempten

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Blick auf das Gelände: Die Aufnahme muss zwischen 1928 und 1931 entstanden sein, da hier die 1931 fertiggestellte „Halle 2“ noch fehlt.

Kempten – Wer das Wetter im Allgäu kennt, weiß ganz gut, dass sich die Situation von einer Minute auf die andere schlagartig verändern kann. So wurde auch für die in der Region wichtige Viehwirtschaft eine überdachte Möglichkeit für den Handel mit Zuchtvieh notwendig. Dem von 1919 bis 1942 amtierenden Bürgermeister von Kempten, Dr. Otto Merkt (1877-1951), schien besonders eine „Bauernpolitik“ erforderlich; er versuchte Kempten zum Zentrum des agrarisch und vor allem durch die Milchwirtschaft geprägten Allgäus zu machen, zum „Mittelpunkt … auf theoretischem Gebiete, hinsichtlich der Organisation, der Herstellung und des Absatzes“. So lag die Einrichtung einer hochwertigen Halle für den Handel mit Zuchtvieh in Merkts „Hauptstadt des Allgäus“ nahe.

Und so rückte in den 1920ern des vergangenen Jahrhunderts die Errichtung einer Tierzuchthalle immer näher, denn Otto Merkt sprossen die Ideen wie Unkraut aus dem Kopf für Kempten: Auf dem ehemaligen Viehmarktplatz östlich der Gleisanlagen des 1969 stillgelegten und später abgerissenen Kopfbahnhofs wurde eine massive, repräsentativ wirkende Anlage erbaut. Die Pläne für den Zweckbau lieferten die lokalen Architekten Otto (1885–1960) und Leonhard (1871–1958) Heydecker, die als Söhne einer eingesessenen Schreinerfamilie in ihrem Heimatort Kempten das Stadtbild nachhaltig prägen. So stammen von den Architekten das Gebäude der heutigen Realschule an der Salzstraße, die Neuapostolische Kirche an der Immenstädter Straße, das Haus der Milchwirtschaft in der Hirnbeinstraße oder die nah gelegene Abfüllhalle des Allgäuer Brauhauses wie auch der alte Stammsitz von Auto-Abt in der Burgstraße. Auch die „Christuskirche“ in Kottern/Stankt Mang ist auf dieses Architekturbüro zurückzuführen. Selbst das heute in der Kemptener Bahnhofstraße gegenüber vom heutigen K&L als Christliches Hospiz errichtete Haus stammt von den Architekten, ist aber mittlerweile stark verändert. Die selbstbewusste, einzigartige, damit auch erfolgreiche Formensprache mit massiven Bauelementen der Brüder machte ihnen kaum ein anderer nach. Selbst in Heidelberg, Görlitz an der heutigen deutsch-polnischen Grenze oder gar in Köln wurden Architekturwettbewerbe von den beiden gewonnen.

Viel Platz 

Das weiträumige, mit hölzerner Umzäunung versehene Gelände war nicht nur der Viehwirtschaft gedacht. Am Eingangsbereich wurden zwei kleine Pavillons errichtet: Der eine beherbergte eine Kasse, der andere diente dem Sanitäts- und Veterinärdienst. Der Zuschauerraum wurde amphitheatralisch errichtet, bot eine Kapazität für rund 1000 Personen. Zentral befindet sich die Vorführungsfläche als „Arena“. Franz Weiß (1903-1982), der eine große Zahl von Fassaden in Kempten mit seinen Malereien ausstattete und wie die Architekten Heydecker das Stadtbild prägt, gab auch in den Innenräumen und auf der Außenfassade der Allgäuhalle seine persönliche Note ab. Die Decke in der Halle, eine aufwendige Holzkonstruktion zeigt die Herkunft der Architekten aus einer Schreinerfamilie. Wer den Kopf nach oben wendet, sieht die einem verkehrten Schiffsrumpf ähnelnde Konstruktion. Großzügige Dachfenster durchfluten den Großraum mit Licht. Abgetrennt von dem großen Saal ermöglichen kleine Stallungen ringsherum eine genaue Begutachtung des Viehs. Trotz der aktiven Nutzung der Halle war das Vorhaben ein Verlustgeschäft: Die Tierzuchthalle ging kurze Zeit nach Fertigstellung in Konkurs und wurde von der Stadt übernommen. Drei Jahre nach Einweihung des Geländes, 1931, wurde die „Halle 2“ errichtet, die mit einem überdachten Gang zur Haupthalle angebunden ist. Auch diese Halle hat eine besondere Dachkonstruktion; das sogenannte „Zollingerdach“ ist eine Erfindung des frühen 20. Jahrhunderts und ermöglichte eine Einsparung von Baumaterial bei optimaler Statik. In den ersten Jahren galt die Tierzuchthalle übrigens als „einzigartig“ im süddeutschen Raum.

Tierzuchtdenkmal "Roman" 

Vom Geländeeingang führt eine großzügig ausgelegte Freitreppe zum Eingangsbereich der Haupthalle. In der Mitte dieser Treppenanlage steht Roman auf einem Sockel. Doch wer ist Roman? Roman ist eine aus Muschelkalk geschlagene Stierskulptur. Der Name selber stammt von dem mächtigen Stier eines Landwirts in Weitnau, der hier als Maßstab für Proportionen, Muskeln und Ausdrucksstärke diente. Ludwig Eberle (1883-1956) aus Grönenbach führte im Stall in Weitnau nur seine plastischen und zeichnerischen Studien aus. Den Werkstein selber bearbeitete er in seinem Atelier im Münchner Park Biederstein. Nach der Aufstellung in Kempten war Eberle als Perfektionist noch zwei Wochen dem Feinschliff der angeblich 2,5 Tonnen schweren Skulptur versessen. Eberle schaffte es nicht bis zur offiziellen Einweihung des Geländes am 18. September 1928 sein Werk zu vollenden.

Um Kemptens Rolle als attraktive Einkaufsstadt der Region zu beweisen, wurde die Stierskulptur irgendwann in den 1950ern vom Sockel entfernt und zwischen parkende Fahrzeuge gestellt. Selbst der ursprüngliche Name der Gebäude „Tierzuchthalle“ wurde in „Allgäuhalle“ abgewandelt um den landwirtschaftlichen Charakter zu verdrängen. 2008 wurde Roman wieder auf seinen Sockel gestellt: Der Blick des Stiers ist wieder zum Haupteingang der Tierzuchthalle und das Hinterteil begrüßt den Betreter des Geländes.

Adolf Hitler in Kempten 

Auch Veranstaltungen und Versammlungen sollten hier stattfinden. Eine fand im Nachhinein in den frühen 1930ern ihren unangenehmsten Höhepunkt. Auch hier in Kempten zeigte Adolf Hitler seine Weltanschauung, um diese nach der Machtübernahme über das Deutsche Reich zu verwirklichen. Um sein politisches Programm und seine fremdenfeindlichen Hassreden möglichst vielen in den turbulenten Zeiten zu propagieren, war Hitler deutschlandweit unterwegs, um auf organisierten Wahlveranstaltungen Stimmen einfangen zu können. Vom 3. bis zum 30. Juli 1932 hatte Hitler insgesamt 53 öffentliche Auftritte. Laut polizeilichen Angaben besuchten am 30. Juli 1932 etwa 15.000 bis 18.000 Menschen die 30-minütige Rede von Hitler auf dem weiträumigen Gelände der Tierzuchthalle. Das publizistische Parteiorgan, der „Völkische Beobachter“ der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) sprach hier gar von 30.000 Besuchern, was jedoch aufgrund der fehlenden Seriosität als Propagandablatt der Partei nicht stimmt. Abgesichert durch Polizeikräfte hörten angereiste Vorarlberger aus Österreich, Besucher aus dem Bodenseeraum und dem restlichen Schwaben die Rede an, die durch große Lautsprecher in ihrer Wirkung nochmals verstärkt wurde. Im Staatsarchiv Augsburg sind von dieser Veranstaltung „Sicherheitspolizeiliche Vorkehrungen“ hinterlegt. Hitler setzte kurze Zeit nach dem Ende der Veranstaltung seine Reise mit der Eisenbahn fort.

Missachtung jeglicher Menschenwürde

Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers 1933 als Reichskanzler, die noch im gleichen Jahr eingeleitete Aufhebung der bisherigen Gesellschaftsform („Gleichschaltung“) und die Einrichtung der Diktatur ebnete den Weg zur Verfolgung von Andersdenkenden, sich nicht anpassen Wollenden und der neuen politischen Ideologie nicht zustimmenden Bevölkerung. Somit wurde auch die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung immer intensiver und zeigte hier die bisher wohl schlimmsten Verbrechen an der Menschlichkeit der Weltgeschichte. So wurden wie üblich am Anfang jüdische Geschäfte boykottiert, Juden später verhaftet und in die europäischen Konzentrationslager abtransportiert, dort ausgenutzt und getötet.

In Kempten befand sich ab 15. September 1943 ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau, in welchem hauptsächlich politische Gefangene zwangsbeschäftigt wurden. Das Außenlager befand sich zunächst in der Spinnerei und Weberei Kempten unterhalb der Tierzuchthalle an der Iller, wurde zum April 1944 jedoch in dieser untergebracht.

Nach Aussagen von Inhaftierten waren dort 200 Menschen untergebracht, darunter Jugoslawen, Polen, Russen, Tschechoslowaken und Italiener. Bei der Tierzuchthalle gab es keine zusätzliche Einzäunung, sie war nur durch Wachposten gesichert, die auf der obersten Tribünenstufe in der Halle aufpassten. Außer bei Fliegeralarm brannte das Licht in der Halle den ganzen Tag, so konnten sich die Inhaftierten auch nur schwer von der anstrengenden Arbeit für die Rüstungsproduktion von Jagdflugzeugen der „Helmut Sachse KG“, an der die Bayerischen Motorenwerke (BMW) beteiligt waren, ausruhen.

Bei den Tribünenstufen wurden die Rückenlehnen abmontiert und mit Tischen und Stühlen zugestellt. In der Arena reihte sich ein Doppelstockbett an das nächste. Augenzeugen erinnerten sich, dass es auch französische Häftlinge gab und diese von den anderen Inhaftierten getrennt waren. Passanten und Einwohner in Kempten wollten von dieser Einrichtung nichts wissen oder schauten gezielt weg. Überliefert ist übrigens, dass Circus Krone von März 1943 bis April 1944 die „Halle 2“ zur Unterbringung von Elefanten und Rassepferden diente.

Ende der Schreckenszeit 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Tierzuchthalle noch 1945 als Unterkunft für deutsche Flüchtlinge aus Mittel- und Osteuropa verwendet. Danach etablierte sich ab den 1950er Jahren der Name „Allgäuhalle“ für den Zweckbau. Noch bis 1970 wurde das Gebäude amtlich als Tierzuchthalle bezeichnet.

Als geschütztes Baudenkmal wurde die Allgäuhalle mit dem Tierzuchtdenkmal Ende 2015 eingetragen. Heute ist das Gelände am ehesten für die zahlreichen Flohmärkte, Zirkusbetriebe, Konzerte und als umkämpfte Parkmöglichkeit für Einkaufswillige bekannt. 2015 bejubelten begeisterte Fans den Stargeiger David Garrett und den aus New York stammenden Rocksänger Lenny Kravitz auf Open-Air-Konzerten. Nach wie vor hat die Allgäuhalle eine wichtige Rolle für die Viehzucht. So begegnen einem doch hin und wieder die aus der Allgäuhalle ausgebüxten Nachkommen von Stier Roman auf Straßen und der Fußgängerzone oder rennen gegen Schaufensterscheiben des nahen Einkaufszentrums Forum Allgäu, wie erst vor Kurzem geschehen.

Peter Kumpert

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