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Stadtgeschichte Kempten: Das Stadtarchiv – Teil 3

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Von: Dr. Willi Vachenauer

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Brieftürmle Kempten
Das Brieftürmle coloriertes Bild von Josef Buck. © Archiv Schmidt

Kempten – Das Stadtarchiv als historisches Gedächtnis Kemptens hat eine bewegte Geschichte. Teil 3 der Serie über das Stadtarchiv Kempten.

Das Stadtarchiv am Rathausplatz kann ohne Übertreibung als historisches Gedächtnis Kemptens bezeichnet werden. Denn in ihm sind geschichtlich bedeutsame Schrift- und Bildquellen der unterschiedlichsten Art aus sieben Jahrhunderten für die Nachwelt aufbewahrt. Nach dem ersten Teil, u.a. über die Aufgaben des Stadtarchivs (siehe Kreisbote vom 16. März 2022), und Teil 2, u.a. zur Sammlung und zu den Stadtarchivaren (siehe Kreisbote vom 13. April 2022), hier nun der dritte und letzte Teil.

Die Archivgebäude in Kempten

Wann in Kempten erstmals ein Archiv eingerichtet wurde, ist nicht bekannt. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass es im Zusammenhang mit dem Freiheitskampf der Kemptener Bürgerschaft von der Abhängigkeit der Fürstäbte zu sehen ist.

Schon im 13. und 14. Jahrhundert stellten die Bürger die ersten Weichen, um mehr Unabhängigkeit von den Einflussmöglichkeiten der Fürstäbte auf die Stadtpolitik zu erlangen. Bis dahin entschied der Fürstabt als Stadtherr weitgehend die Geschicke der städtischen Bürgerschaft und die wichtigen Urkunden wurden im Fürststift aufbewahrt.

Im Zuge dieser Emanzipationsbewegungen gingen die Stadtbürger im Jahre 1362 eigenmächtig daran, ihren ersten Bürgermeister „Heinrich Schultheiß“ auch „Heinrich Spickel der Alte“ zu wählen und wenig später einen Rat einzurichten. Als dann im Jahre 1368 die Bürgerschaft ihr eigenes Rathaus errichtete, dürften sich auch erste Anfänge einer damals noch bescheidenen städtischen Verwaltungsstruktur ausgebildet haben.

Kemptener Bürgerschaft

Im Zuge dieser Aktionen, die auf den Widerstand der Fürstäbte stießen, werden sich auch die schriftlich abgefassten Verwaltungsvorgänge vermehrt haben, die einer Archivierung bedurften. Es ergab sich also die Notwendigkeit, sowohl schriftliche Dokumente mit Tageswert, die also häufig benutzt wurden und solche mit Dauerwert, die längerfristig in Verwahrung bleiben mussten, in Räumlichkeiten innerhalb der Stadt sicher aufzubewahren.

Dafür bot auch das neue Rathaus gute Möglichkeiten. Auch die Einführung der Zunftverfassung ab 1378 und die dann ab 1419 erfolgte Bildung der ersten Handwerkszünfte sind Ausdruck des Unabhängigkeitsstrebens der Kemptener Bürgerschaft. Die Zunftbriefe, die als wichtige Gründungs- und Ordnungsinstrumente der jeweiligen Handwerksorganisationen dienten, fanden ihren Platz in den Zunftstuben und den Zunftschreinen der jeweiligen Handwerksorganisation. Über sie wachten der Zunftmeister, der Zunftwirt und der Zunftknecht.

Brieftürmle mit Kirchenbezirk auf der Stadtansicht von Hain und Raidel
Brieftürmle mit Kirchenbezirk auf der Stadtansicht von Hain und Raidel aus dem Jahre 1628. © Repros: Vachenauer/Stadtarchiv

„Gewelb“ im „Brieftürmle“

Für besonders wichtige Dokumente musste die Stadtobrigkeit einen besonders sicheren, aber auch geeigneten Aufbewahrungsort innerhalb der Stadt finden. Es ist aber unbekannt, zu welcher Zeit diese Unterlagen ihr eigenes Archivgebäude beziehen konnten. Allerdings sprach man damals noch nicht von Archiv oder einem Archivar, sondern von „Canzley“ oder auch einem „Gewelb“, ein Begriff, der uns auch einen Hinweis auf den Ort eines möglichen Archives liefert.

Einen dafür geeigneten Raum fand sich damals im Kellergewölbe des sogenannten „Brieftürmle“, das an der nordwestlichen Ecke der St.-Mang-Kirche stand. Wahrscheinlich hat die Stadt diesen Turm für die Archivierung bedeutsamer Stadtakten genutzt, denn seit 1358 ist dort ein sogenanntes „Gewelb“ (Gewölbe) bekannt.

Die unteren Kellergewölbe des massiv gebauten und damit feuerfesten Turmes boten beste Voraussetzungen, um die wichtigen Dokumente sicher aufbewahren zu können.

Kanzleigebäude am St. Mang-Platz in der Stadtansicht von Hain und Raidel aus dem Jahre 1628
Kanzleigebäude am St. Mang-Platz in der Stadtansicht von Hain und Raidel aus dem Jahre 1628. © Stadtarchiv

Biertürmle 1835 abgebrochen

Dieses Brieftürmle an der Nordwestecke des Kirchenbezirks der Pfarrkirche St. Mang bildete bis zu seinem Abbruch im Jahre 1835 den Tordurchgang in Richtung Reichsstraße. Das Gebäude hat vor 1835 der Maler Josef Buck bildlich festgehalten. Es trug auch den Namen Bildgatter, da sich an ihm verschiedene Bemalungen befanden. Rechts vom Türmle befand sich das Haus des Metallgießers Götschel.

Da die Verwaltungsvorgänge zunahmen, reichte für die wichtigen städtischen Dokumente und Schriftstücke der Platz im Kellergewölbe des Brieftürmleins nicht mehr aus. Wahrscheinlich hat man die Akten in das Gebäude der „Canzley“ ausgelagert, das sich am östlichen Ende des St.-Mang-Platzes befand (heute befindet sich dort das Sekretariat der Pfarrkirche St. Mang). Nachdem ein Feuer diese „Canzley“ im Jahre 1524 niederbrannte, hat man sie neu aufgebaut und dann dessen Kellerräume wieder als städtisches Archiv genutzt.

Dreißigjährigen Krieg

Unter den Kampfhandlungen des Dreißigjährigen Krieges hatte auch das städtische Archiv schwer zu leiden. Wiederum traf es das „Canzley“ -Gebäude, das schwere Beschädigungen erlitt, wobei viele Bestände des Archivs verloren gingen. Nach dem schrecklichen Krieg wurde dieses Gebäude wieder aufgebaut und erneut als Archiv genutzt.

Gottseidank überstanden die wichtigen Dokumente und Urkunden, die im Keller des Brieftürmles lagerten, die Zeit des Dreißigjährigen Krieges ohne Schaden zu nehmen.

Das Stadtarchiv zu Zeiten der Mediatisierung

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bestand das Stadtarchiv aus drei Abteilungen, die sich an drei verschiedenen Orten der Stadt befanden. In den sicheren Kellergewölben des Brieftürmles, auch Hauptarchiv genannt, befanden sich in chronologisch geordneter Form die bedeutsamen Dokumente mit Dauerwert. Dazu zählten Originalprivilegien, Kaufbriefe und Verträge, die besonders wertvoll erschienen.

Von den wichtigsten Unterlagen hat die Stadtobrigkeit dabei schon früher Kopien zur Sicherheit anfertigen lassen, die sich aber in der Canzlei befanden, damit man darauf jederzeit zugreifen konnte. Die Canzlei am St.-Mang-Platz bildete die zweite Abteilung des Archivs. Hier lagerte das sogenannte Manualarchiv, das aus Unterlagen bestand, die man im täglichen Verwaltungsverkehr benötigte. Das Manualarchiv hatte bis dahin aber noch keine systematische Ordnung erfahren. Das Gerichtsarchiv, die dritte Archiv-

abteilung, hatte ihren Platz in der sogenannten „alten Registratur“, einem Raum im Rathaus, einem besseren Verschlag zwischen Rechenstüble und Ratsstube. Hier befanden sich u.a. alle Unterlagen der Stadtrechnerei, die Ratsprotokolle und zahlreiche Akten über zum Teil sehr alte Streitfälle, die mit dem Stift ausgefochten wurden.

„Archivkonservatorium Kempten“

Nach der Mediatisierung ab 1802/1803 hatte ein neu eingerichtetes „Archivkonservatorium Kempten“ dann die Aufgabe, die Bestände des früheren reichsstädtischen Archivs an das „Königliche Allgemeine Reichsarchiv“ in München weiterzuleiten. Dazu mussten auf höheren Befehl all die Archivmaterialien, die man nicht direkt für die Verwaltung der Stadt benötigte, nach München verschickt werden. Dafür kam extra aus München der „Hofkomissär und Reichsarchivdirektor“ von Samet nach Kempten, um diese Aufgabe zu organisieren.

Nachdem das Archivkonservatorium diese Aufgabe weitgehend erledigt hatte, wurde es 1817 wieder aufgelöst. Für alle Schriftstücke, dazu zählten seinerzeit auch die Verwaltungsakten, richtete man dann eine sogenannte Depotsregistratur ein.

Da in dieser Zeit die Archivmaterialien oft ungeordnet in Kisten nach München kamen, waren die Verluste an wichtigen Dokumenten auch in den Folgejahren immens. Niemand kümmerte sich damals um eine geordnete Aufbewahrung der Akten, die oft in ungeeigneten Räumen lagerten und daher entsprechend Schaden nahmen.

Stadtsteueramt an der Salzstraße.
Stadtsteueramt an der Salzstraße. © Stadtarchiv

Archiv zieht ins Stadtsteueramt an der Salzstraße

Im Jahre 1882 kam Otto Konrad Rieder nach Kempten und übernahm erste Ordnungsarbeiten am vorhandenen Archivmaterial. Diese Arbeiten wurden dann von Dr. Friedrich Dobel fortgeführt, indem er die Zusammenfassung der bisher in verschiedenen Räumen gelagerten Archivmaterialien zunächst in ein Haus in der Neustadt, dann in der Salzstraße, im Stadtsteueramt, durchführte.

Tatkräftige Unterstützung fand er dabei beim altkatholischen Pfarrer Dr. Adolf Thürlings und vom Architekten Adolf Leichtle, so dass diese Arbeiten im Herbst des Jahres 1884 beendet werden konnten. Der Umzug in die Salzstraße erfolgte unter Bürgermeister Horchler. Nun konnten ab dem Jahr 1882 sowohl das städtische Archiv als auch die städtische Bücherei in neue Räume im Stadtsteueramt an der Salzstraße umziehen (heutiger Parkplatz der Volkshochschule).

Diese Zimmer im Stadtsteueramt, in denen die Bestände dann bis ins Jahr 1919 lagerten, erwiesen sich dafür als nicht besonders geeignet, da sie eng und feucht waren. Trotz dieser ungünstigen Verhältnisse gelang es dem Archivsekretär Otto Konrad Rieder, die Archivbestände endlich zu inventarisieren und neu zu ordnen.

„Städtische Höhere Töchterschule“ im Neubronner Haus.
„Städtische Höhere Töchterschule“ im Neubronner Haus. © Archiv Schmidt

Stadtarchiv im Neubronner Haus

Diese Verhältnisse änderten sich, als am 24. Oktober 1919 der Kemptener Stadtrat die Genehmigung erteilte, das Neubronner Haus, erbaut von Jakob Scheiterle im Jahr 1796, als neues Stadtarchiv zu verwenden. Bis dahin hatten sich in diesem Hause ab dem Jahr 1892 auch die „Städtische Höhere Töchterschule“ mit insgesamt sechs Jahrgangsstufen befunden.

Die Bestände, die bis dahin noch im Stadtsteueramt lagerten, fanden nun im neuen Archivgebäude in drei massiven Gewölben des Erdgeschosses ihren neuen Platz, wobei die ehemalige Waschküche mit einem Nebenraum als Reserve für das Archiv eingeplant war. Im ersten Stock des Hauses ließ man für den Archivar ein beheizbares Amtszimmer und einen Benutzerraum einrichten. Sowohl Stadtarchivar als auch Hausmeister erhielten im 2. Stock des Hauses eine eigene Wohnung. Die übrigen Räume konnte dann der Historische Verein als Archiv und Bibliothek nutzen.

Die seinerzeitige Verbindung zwischen dem städtischen Archiv und dem Historischen Verein wirkte sich vorteilhaft aus, da dessen Bestände halfen, einige Verluste des 19. Jahrhunderts auszugleichen und somit Archivlücken zu schließen.

Erweiterung des Stadtarchivs

Da die Bestände des Archivs im Laufe der Zeit immer größer wurden, genügten bald die Räumlichkeiten im Neubronner Haus nicht mehr und es musste Abhilfe geschaffen werden.

So kam es in der Zeit zwischen 1977 und 1983 zur schon erwähnten baulichen Erweiterung, bei dem das Neubronner Haus mit dem danebenstehenden Gebäude des alten Zollamtes mittels eines Mauerdurchbruchs verbunden wurde. Nach Abschluss dieser Erweiterungsarbeiten stand das neue Stadtarchiv im Jahre 1985 der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Klimatisierter Schutzraum

Seit der Zeit gibt es im Keller einen klimatisierten Schutzraum, in dem besonders wertvolle Archivmaterialien untergebracht sind. Im Archiv gibt es auch eine Restaurierungswerkstätte, die sich um die Erhaltung besonders bedeutsamer Dokumente kümmert.

Eine räumliche Erweiterung des Archivs gab es Ende des Jahres 2003, als das Kulturamt aus Räumen im 2. Stock auszog, die dann das Stadtarchiv benutzen konnte. Den Lesesaal, der sich barrierefrei im Erdgeschoss der Gewölberäume befindet, können Interessierte nach Anmeldung für ihre Arbeiten nutzen.

In „coronafreien Zeiten“ traf sich dort auch der „Historische Arbeitskreis“, der sich unter fachkompetenter Leitung des heutigen Stadtarchivars Dr. Franz-Rasso Böck mit verschiedenen Themen der Kemptener Geschichte beschäftigte. Es ist zu hoffen, dass dieser Arbeitskreis bald wieder geregelt seine Arbeit in den historisch bedeutsamen Räumen des Kemptener Stadtarchivs aufnehmen kann.

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