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Stadtgeschichte Kempten: Die Harmoniegesellschaft Teil II

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Von: Christine Tröger

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Das ehemalige Konditorei-Café Karl Peuschel in Kempten
Das ehemalige Konditorei-Café Karl Peuschel wurde 1926 an der Sedanstraße 13 eröffnet. Im Zweiten Weltkrieg wurde diese Straße nach Mussolini benannt, nach Kriegsende erhielt sie den Namen Beethovenstraße. © Repro/Quelle: Stadtarchiv

Kempten – Neues über die Harmoniegesellschaft in Kempten bringt ein Dachbodenfund.

Fast 150 Jahre währte die Geschichte der als Lesegesellschaft gegründeten „Harmonie“ in Kempten. Einen umfassenden Einblick bietet ein jüngst bei der Auflösung der Firma Kremser-Planen in der Eberhard-Straße entdecktes, recht umfangreiches Konvolut an diversen Unterlagen, die Ullrich und Maria Kremser — Ullrich Kremsers Großonkel Wilhelm Kremser (1880 – 1949) war einer der letzten Harmonie-Vorstände und auch Kommerzienrat Alfred Kremser spielte eine Rolle in der „Harmonie“— nun dem Stadtarchiv übergeben haben (siehe Artikel im Kreisboten vom 19. November 2022). Recherchen des Kreisboten haben noch vor der offiziellen Übergabe der kistenweise Rechnungen, Satzungen, Mitgliederlisten – darunter alles was Rang und Namen hatte in der Stadt – und anderen Dokumenten eine wechselvolle Geschichte der „Harmonie“ zu Tage gefördert. Nach Teil 1 nun der zweite und letzte Teil:

Stadtgeschichte Kempten: Die Harmoniegesellschaft

1855 war Jubiläumsjahr für die Harmonie. Damals waren noch drei der Gründungsmitglieder am Leben: Buchhändler Dannheimer, Dr. Michael Billmair und Hofrat Dr. von Jäger. Das Jubiläum schien jedenfalls „werbende Kraft“ besessen zu haben, denn bis 1856 stieg die Mitgliederzahl von 110 auf 163. 1856 begab sich die Harmonie erneut auf Lokalsuche, da man die Miete als zu hoch befand und über den Kauf eines Hauses nachdachte.

Zur Disposition standen der Bau eines Gebäudes im Hasengarten, Ankauf des „Bauerntanz“ (heute steht dort das Nürnberger Haus) oder des Sommerlokals der Stadtwirtschaft (später bekannt unter „Zum Grünen Baum“ in der Promenadestraße 7). Am Ende blieb man aber doch lieber, wo man bereits war.

An der Klostersteige
An der Klostersteige: Bauerntanz (Gebäude hinten) und links das Modehaus Wagner. © Archivfoto: Familie Schnetzer

Fortschritt hat seinen Preis

Bis etwa 1835 wurden ausschließlich gezogene, „gethunkte“ oder gegossene Kerzen und in zylinderlosen Lämpchen Rübsöl verwendet — seit 1837 finden sich Abrechnungen für Zylinder —, wurde 1848 für 9 fl. eine „dynamische Lampe angeschafft“. 1857 wurde die Einführung einer Gasbeleuchtung beschlossen. Petroleum fand etwa zeitgleich mit Gaslicht Verbreitung. „13 Gasflammen wurden eingerichtet. Dass die mit 180 fl. veranschlagten Kosten dafür schließlich 252 fl. betrugen, führte zum Austritt des Bürgermeisters Arnold, „der sich sehr für die Einführung ins Zeug gelegt hatte“.

Einen „schlimmen Rückschlag“ musste die Harmonie 1858 verkraften. Das 1. Bataillon des Infanterieregiments wurde versetzt und damit sank die Mitgliederzahl von 196 auf nur mehr 118. Einige Mitglieder begründeten ihren Austritt damit, dass „zu wenig geboten“ werde. Nach einer durchgreifenden Haushaltsreform wurde die ordentliche Mitgliedschaft abgeschafft und von jedem Mitglied 8 fl. Beitrag verlangt, von Witwen und „ledigen Frauenzimmer“ 5 fl. Erst ab 1894 wurden wieder außerordentliche Mitglieder aufgenommen. Um die Einrichtung des Gaslichts begleichen zu können erhob man eine außerordentliche Umlage von 1 fl. Nachdem das gesamte Offizierskorps 1865 aufgrund persönlicher Differenzen ausgetreten war, einzelne der Herren aber nach und nach auch wieder eingetreten waren, entflammten die Differenzen 1867 erneut, u.a. wegen der Frage, ob es schicklich sei in der Harmonie hemdsärmelig zu kegeln. Dies führte aber „erfreulicherweise zu keiner dauerhaften Entfremdung“ wie in der Festschrift von 1905 festgehalten ist.

Eine nie mehr erreichte Blütezeit

Glaubt man den Aufzeichnungen, beginnt 1866/67 eine später nie mehr erreichte Blütezeit des geselligen Lebens innerhalb der Harmonie. Unter anderem wurde die Bibliothek „in beachtlichem Umfang“ zeitgemäß aufgerüstet, es wurden regelmäßig Musikunterhaltungen und Vergnügungen veranstaltet, Mobiliar und Inventar ergänzt und neben komfortablen Gartenmöbeln sogar ein Flügel angeschafft. Und auch die Mitgliederzahl knackte die 200er Marke und erreichte ihren höchsten Stand 1867/68 mit 228. Viele der Herren trafen sich immer mittags in der Harmonie um Schach, Karten oder Billard zu spielen oder zu Würfeln. Auch die von 1867 bis 1869 „in großem Stile“ abgehaltenen Sommerfeste galten als Magneten.

Politische Differenzen der Mitglieder führten 1870 bereits wieder zu einem Absinken der Mitgliederzahl unter 200. 1873 bot Brauereibesitzer Wäßle einen Bauplatz neben dem Merkt‘schen Anwesen in der Salzstraße für 12.000 Mark an, was die aufgekommenen Gedanken über den Bau eines eigenen Hauses zwar beflügelte, aber schließlich an den Finanzen scheiterte. Im selben Jahr erwarb die Gesellschaft die Konzession für den Betrieb einer öffentlichen Wirtschaft, war aber in den 1880ern glücklos mit häufiger wechselnden Pächtern der dafür freigegebenen vorderen Räume. 

Die Harmonie als anerkannter Verein

1874 schließlich erwarb die Harmonie die Rechte eines anerkannten Vereins und konnte sich in den folgenden Jahren über „lebhaften Besuch der Gesellschaftsräume“ freuen. Während der 1880er Jahre schwanden die Mitglieder allerdings schon wieder beständig (1890 zählte der Verein nur noch 120 Mitglieder) und, wie vermerkt ist, erlaubten die Finanzen 1885 nur das Aufstellen eines Ofens, der bei großer Kälte nicht ausreichte. Die nur schwach besuchten Wintervergnügungen wie Bälle, Christbaumfeiern etc. wurden zudem gestrichen und nur mehr in gut besuchte Sommervergnügungen investiert.

Auszug aus der Satzung der Harmoniegesellschaft in Kempten vom 12. Juni 1874.
Auszug aus der Satzung vom 12. Juni 1874. © Foto: Tröger/Quelle: Registergericht

Gesellige Abendunterhaltungen sollten aber in den Gesellschaftsräumen auch in den Wintermonaten stattfinden und so wurden „besonders, während der für die Gesellschaft sehr tätige Amtsrichter Haneberg Vorstand war, musikalische Unterhaltungen, gesellige Abende mit Münchener- und Weitnauer Bier, Schlittenfahrten nach Dietmannsried, Martinszell u.s.w. veranstaltet“. Und auch die sommerlichen Ausflüge größeren Stils erfreuten sich weiterhin großer Beliebtheit. 1887 entwickelten sich die wöchentlichen Kegelgesellschaften „zu förmlichen Vereinen“, die ihrerseits zahlreiche Veranstaltungen durchführten.

Krise mit Zitterpartie

Nach 85 Jahren waren die Zeichen von „Altersschwäche“ der Harmonie kaum mehr zu übersehen. Dennoch wurden —teils wohl eher lieblose — Wiederbzw. Weiter-Belebungsversuche wie „Gartenunterhaltung aber ohne Musik“ gestartet, was bei den Mitgliedern kaum fruchtete. Der (wieder einmal) maue Kassenstand so wie das schlechte Wetter im Sommer 1890 machten dazu sämtliche Veranstaltungen im Freien unmöglich. In der Generalversammlung im Herbst 1890 wollte schließlich niemand die Wahl zum Vorstand annehmen. Vor der Auflösung fand sich aber dennoch ein Retter in Gestalt des K. Landgerichtsrates von Wachter, der bis 1895 Vorsitzender blieb.

Auch die Veranstaltungen wurden wieder mehr, mit Lesungen, Tanzveranstaltungen, einer maskierten Kinderunterhaltung und musikalischen Familienunterhaltungen in der Krone. Trotz der leicht steigenden Mitgliederzahlen „war die Gefahr erst 1896 vollständig überwunden“, wie der Chronist vermerkt. Dass die Gesellschaft noch lebensfähig war, lässt sich an einer deutlichen Belebung, u.a. in Form von Ausflügen in die Berge, einem großen Festball und der Feier des 90 jährigen Bestehens der Harmonie ablesen.

Große Pläne 

Einen „neuen Aufschwung“ aber lieferte ein anderer Grund: Die Stadt hatte den Grund erworben, auf dem die Kegelbahn der Gesellschaft stand, was Anlass zu einer „bedeutungsvollen Umgestaltung der Gesellschaftsräume“ gab. So wurde im Februar 1896 beschlossen die Kegelbahn, einen Wirtschaftsraum und eine Gartenhalle mit Pavillon neu zu bauen. Kostenvoranschlag: 16.000 Mark, wovon der Hauseigentümer die Hälfte bereit war zu übernehmen, sollten die Mitglieder die anderen 8.000 Mark aufbringen. Am 29. Februar 1896 wurde ein neuer Mietvertrag unterzeichnet, der der Harmonie die neugestalteten Räume auf zehn Jahre (von 1. Januar 1897 bis 1. Januar 1907) unkündbar zu einer Jahresmiete von 1.800 Mark sicherte. Für den Neubau waren bereits 7.200 Mark gezeichnet, ohne Anspruch auf Rückzahlung seitens der Zeichner, die auch nicht genannt werden wollten. Da der bisherige Vorstand gegen den Neubau war, wurde Kommerzienrat Alfred Kremser (1878–1946) gewählt, unter dessen Leitung, zusammen mit dem Architekten Leichtle, der „gefällige“ Gartenneubau durch den Baumeister Ambros Madlener entstand und im Oktober 1896 fertiggestellt wurde. Eine neue Kegelbahn und ein neues Billard lockten zwar „fast täglich Kegelgesellschaften“ an, aber ab 1897 wurden die alten Räume im ersten Obergeschoss nur noch ab und an für musikalische Abende oder Proben genutzt, so dass der größte dieser Räume zu günstigen Konditionen dem Kunstverein überlassen werden konnte.

Text des Bundesliedes der Dienstagskegelgesellschaft „Harmonie“ in Kempten
Im Text des Bundesliedes der Dienstagskegelgesellschaft „Harmonie“ tauchen prominente Kemptener Namen auf, wie u.a. Baumeister, Biechteler oder Chapuis. © Foto: Tröger/Quelle: Stadtarchiv
Harmoniegesellschaft in Kempten: Buchführung
Kegel- und Billardgeld, Mitgliederbeiträge, Aufnahmegebühren ... über sämtliche Einnahmen (und natürlich auch Ausgaben) wurde fein säuberlich Buch geführt. © Tröger

Es folgten Jahre mit zahlreichen, auch größeren Veranstaltungen, z.B. Motto-Bälle wie 1899 das „Oktoberfest“, 1901 „Ein Abend in Yokohama“ oder im Jahr darauf ein „Biedermeier-Ball“. Seit 1899 wurde auch die Bibliothek stark aufgestockt und ab 1897 stiegen die Mitgliederzahlen wieder stetig auf 193 zum Ende des vollendeten Jahrhunderts. Zum Abschluss der Festschrift bedauert Chronist und seinerzeit (Mai 1905) Schriftführer M. Wührer, dass die als Lesegesellschaft gegründete Harmonie diesen „Charakter auch nie verloren“ habe, sich das „recht gut ausgestattete Lesezimmer“ aber — im Gegensatz zur Bibliothek — „gegenwärtig eines nicht sehr zahlreichen Besuches erfreut“. Verbesserungen konnte er sich durch eine Verbindung des Raumes mit einem „modernen Café“ vorstellen. Seines Erachtens war es für ein echtes „Zusammengehörigkeitsgefühl“ auch nicht ausreichend, in erster Linie zusammen zu Kegeln. Dagegen würden regelmäßige Abendveranstaltungen mit wissenschaftlichen und musikalischen Vorträgen die Aufgabe erfüllen, „die die Harmonie hat“ und alle Harmoniefähigen es für „wünschenswert halten, der Gesellschaft anzugehören“. Für das 20. Jahrhundert träumt Wührer von einem eigenen Heim, bzw. einem Clubhaus für die Harmonie, in dem der Saal groß genug sein würde, „die ganze Gesellschaft aufzunehmen“ und das Interesse an der Harmonie zu erhöhen. 

Dünne Datenlage 

So gut die 100 Jahre nach der Gründung der Harmonie dokumentiert sind, so dünn wird die Datenlage danach. Ab 1928 jedenfalls war die neue Heimat der „Harmonie“ das 1926 eröffnete Café Peuschel in der Sedanstraße 13 (nach Ende des 2. Weltkriegs umbenannt in Beethovenstraße 13). Am 22. Oktober 1936 wendet sich die Vorstandschaft, bestehend aus Wilhelm Kremser (Vorstand), F.X. Kaemmerle (stellv. Vorstand), Hermann Ade (Kassier), Dr. Karl Blenk (Bücherwart) und Dr. L. König (Schriftführer), per Rundschreiben an die Mitglieder, nachdem die Hauptversammlung vom 1.10.1936 ergeben hatte, „dass die Gesellschaft, die nun seit 131 Jahren besteht, nicht aufgelöst werden soll“.

Kemptener Fabrikant Wilhelm Kremser.
Eines der letzten Vorstandsmitglieder war der Kemptener Fabrikant Wilhelm Kremser. © Repro: Tröger/Archiv Kremser

Allerdings erscheint die Fortführung wie bisher infolge der veränderten Zeitverhältnisse „nicht mehr zweckmäßig“. Zudem weisen sie darauf hin, dass man Ende des Jahres die Vereinsräume im Café Peuschel verliere, weshalb die Gesellschaft nur mehr als Lesegesellschaft weitergeführt werden soll. Mitglied und Direktor Kämmerle stellt für die Bücherei einen Raum bei der Firma Kösel & Pustet zur Verfügung, so dass es den Mitgliedern möglich ist, die Bücher täglich umzutauschen. Da der Buchbestand in den vorangegangenen Jahren erheblich erweitert wurde und „sämtliche freie Mittel“ künftig für die Beschaffung weiterer Bücher verwendet werden soll, ist geplant einen Jahresbeitrag in Höhe von 5 RM zu erheben. Ein Schreiben mit dem Betreff „Vereinsregister-Führung“ des Amtsgerichtsrates Meinel an den damaligen Oberbürgermeister Dr. Merkt legt eine Anfrage zu Bestand oder Auflösung der Harmonie nahe. Leider ist das Datum der Abschrift nicht lesbar, in dem die Anerkennung der Harmonie als Verein am 12.6.1874 bestätigt wird und aus dessen „damals übergebenen Statuten vom 14. und 24.4.1874“ sich ergebe, „dass der Verein zum Zwecke geistiger und geselliger Unterhaltung unter dem Namen Harmonie am 3.6.1805 gegründet wurde. Weiter geht aus dem Dokument hervor, dass der Verein im Vereinsregister Kempten Band 1 Nr. 3 weiterhin eingetragen sei und erst am 2.6.1938 neue Satzungen beschlossen habe. Als eingetragene Vorstandsmitglieder sind seit 12.7.1938 genannt der Kemptener Fabrikant Wilhelm (Willy) Kremser sowie Direktor F.X. Kämmerle.

Das Ende der Harmonie  

Mit Eintragung vom 8.6.1951 wurde der Verein von Amts wegen aufgrund Mitgliederwegfalls aus dem Register gelöscht. Weitere Recherchen im Staatsarchiv Augsburg haben ergeben, dass im Grundbuch offenbar noch ein Vorkaufsrecht für die Gesellschaft eingetragen war, das durch einen eigens eingesetzten Liquidator, den Immobilienkaufmann Erwin Städele aus Kempten, beseitigt werden musste. „Dessen Tätigkeit war am 2. Juli 1969 beendet, was am 31. Juli durch das Amtsgericht Kempten bestätigt wurde“.

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