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Stadtgeschichte Kempten: Die Marienkapelle - Teil 2

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Von: Dr. Willi Vachenauer

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Der Maggmannshofer Altar in der Kemptener Marienkapelle.
Der Maggmannshofer Altar in der Kemptener Marienkapelle. © Vachenauer

Kempten - Nur wenige Meter vom Kornhaus und der St.- Lorenz-Kirche entfernt befindet sich die Marienkapelle. In dem zwischen alten Bäumen hervorblitzenden kleinen Gotteshaus verbirgt sich ein religiöser Schatz.

Im Bereich zwischen Wartenseestraße, Joseph-Kösel-Weg, Mühlstraße und Poststraße, am Kanalweg, ganz unter Bäumen versteckt, steht dieses fast vergessene kirchliche Kleinod. Vermutlich dürften nur wenige Passanten, die an dieser kleinen Kirche vorbeigehen, wissen, welchen historischen Hintergrund diese Kapelle aufweist und vor allen Dingen, welches religiöse Kunstwerk sich im Inneren befindet. Hier nun der zweite und letzte Teil zur Kapelle (Teil 1 siehe Kreisbote vom 27. Juli 2022).

Die kirchliche Einweihung der Marienkapelle in Kempten

Bei der Firmung im Mai 1898, die der Augsburger Bischof Petrus von Hötzl in Kempten vornahm, sagte der Bischof zu, die Marienkapelle so bald wie möglich persönlich einzuweihen. Da aber Ludwig Huber wegen einer Erkrankung längere Zeit verhindert war, verzögerte sich die Einweihung bis in den Spätherbst des Jahres. Am Sonntag, dem 6. November 1898, kam der Bischof gegen 11 Uhr vormittags am Kemptener Bahnhof an und nahm im Pfarrhof von St. Lorenz Quartier. Am Montag, dem 7. November um 8.30 Uhr erfolgte dann die kirchliche Einweihung durch Bischof Petrus von Hötzl.

Die Kemptener Marienkapelle heute

Noch vor 1900 wurde testamentarisch festgelegt, dass die Verwaltung und Pflege der Kapelle in den Händen der Familie Huber bleiben. Falls dies aber, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr möglich wäre, dann sollte die Kapelle mit dem kostbaren Altar der Pfarrei St. Lorenz geschenkt werden. Im Falle der Ablehnung sollte das Kirchlein an das Heimatmuseum Kempten gehen. Nachdem sich die Mitglieder der Familie Huber weit verstreut hatten und teilweise keine Beziehung mehr zu diesem Gotteshaus und seinen Kostbarkeiten hatten, kamen auch Stimmen auf, den kostbaren

Altar für viel Geld nach Amerika zu verkaufen. Da sich diese Vorstellungen gottseidank nicht durchsetzten, einigte man sich aber darauf, das Kirchlein an die Pfarrei St. Lorenz zu übergeben. Diesem Plan stimmte der damalige Stadtpfarrer und Prälat Dr. Albert Lupp zu, der auch plante, sich nach seinem Ruhestand stärker um die Marienkapelle im Huberpark am Kanalweg zu kümmern und noch Messen dort abzuhalten. Damit wollte er das Kirchlein wieder stärker ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken.

So steht die Kapelle, die durch eine Alarmanlage gut gesichert ist, seit 1987 unter der Verwaltung der Pfarrei St. Lorenz.

Maggmannshofen und die Einöde Katzenloch in einem Plan von 1823 im Bayern-Atlas.
Maggmannshofen und die Einöde Katzenloch in einem Plan von 1823 im Bayern-Atlas. © Repro: Vachenauer

Der Maggmannshofer Altar

Der Altar in der Huber‘schen Marienkapelle, auch Maggmannshofer Altar genannt, gehört zweifelsohne zu den wenig bekannten religiösen Kunstschätzen der Stadt Kempten. Wer als interessierter Besucher die Gelegenheit erhält, dieses Kunstwerk persönlich in Augenschein zu nehmen, ist von seinem Anblick überwältigt und erkennt dessen Bedeutung. Das Relief beeindruckt mit seiner Mehrdimensionalität und der Feinheit der ausgearbeiteten Figuren, aber auch mit seiner Farbenpracht. Fotografien von diesem Altar können diesen Eindruck nur unzureichend wiedergeben.

Der Altar misst in der Breite 1,45 und in der Höhe 1,80 Meter und setzt sich aus sechs, genau aneinander angefügten Lindenholzblöcken zusammen. Das Bildwerk besteht aus 24 Figuren. Bei genauer Betrachtung erkennt man im Mantel Mariens und des heiligen Stefans zwei Löcher. Sie sollen ein Hinweis auf Bleikugeln sein, die in Kriegszeiten in die Figuren eingeschlagen sind.

Zur Frage, aus welcher Gegend dieser Altar ursprünglich stammt, gibt es verschiedene Ansichten. Eine Annahme geht davor aus, dass er in Memmingen entstanden sein könnte. Nach einer zweiten Auffassung kam er aus dem Kloster Isny. Dort soll er wegen der Ereignisse des 30-jährigen Krieges in den einsamen Weiler Maggmannshofen in Sicherheit gebracht worden sein. Daher stammt auch der Name Maggmannshofer Altar. Der Weiler Maggmannshofen gehört zur Gemeinde Frauenzell. Vielleicht hat der Altar bis dahin in Frauenzell als Teil eines Seitenaltars die dortige Pfarrkirche geschmückt.

Später scheint es aber so gewesen zu sein, dass der Altar längere Zeit in dem Einödhof des Bauern Hiemer in Katzenloch gestanden hat. Die Einöde Katzenloch, so ihr offizieller Name im Katasterplan Bayerns im Jahre 1823, heute Katzenloh genannt, liegt nördlich des Weilers Maggmannshofen.

Altar auf einem Bauernhof

Der Einödhof ging dann in das Eigentum des Bauern Andreas Endres über. Dabei ist aber unbekannt, wie lange sich der Altar im Besitz des Andreas Endres oder seiner Vorbesitzer befunden hat. Hier dürfte der Altar nicht auf dem Dachboden des Hofes, sondern in einer Feldkapelle gestanden haben, die später als Gartenhaus, bzw. auch als Bienenhaus und Schuppen für verschiedene Feldgeräte diente. Dieses Gartenhaus erwarb dann ein Muthmannshofer Bauer, der es dann abgebrochen hat. Man geht aber davon aus, dass sich der Altar längere Zeit im Einödhof im Katzenloch befunden hat, dessen seinerzeitiger Eigentümer Viktorian Graf hieß.

Zwei Pfarrherren, einer aus Kimratshofen und einer aus Muthmannshofen, die den Altar kannten, haben öfters versucht, das Kunstwerk zu erwerben. Jedoch konnte sich der Eigentümer, der offensichtlich den Wert des Schnitzwerkes erkannt hat, nicht dazu durchringen, es zu veräußern.

Aber im Jahre 1880 gelang es dem Kunstsammler Johann Leichtle, diesen Altar von Andreas Endres vom Katzenloch um 300 Goldmark zu erwerben. Nach dem Tode von Johann Leichtle im Jahr 1887 erbte sein Sohn, der Gutsbesitzer Martin Leichtle, dem das Gut auf dem Reichelsberg gehörte, das Kunstwerk und ließ für den Altar zum Schutz eigens einen gotischen Schrank anfertigen. Neben anderen Kunstschätzen bewahrte Martin Leichtle auch den Altar in seinem Haus am großen Kornhausplatz auf. Durch einen glücklichen Umstand konnte nun Ludwig Huber diesen Altar von Leichtle käuflich erwerben. Am 4. Oktober 1897 erfolgte durch einen Kemptener Schreinermeister der Transport in das Wohnhaus von Ludwig Huber.

Renovierung des Maggmanshofer Altars in München

Die wechselvolle Geschichte, die der Altar über Jahrhunderte durchlebte, hinterließ ihre Spuren an dem Kunstwerk. Farben waren abgebröckelt und es fehlten auch etliche Teile an den Figuren. So waren Finger und Zehen abgebrochen und Zacken aus der Krone verschwunden. Wollte man den Altar wieder für gottesdienstliche Zwecke verwenden, dann musste er restauriert werden. Ludwig Huber übertrug diese Arbeit an die „Königliche Mayer‘sche Hofkunstanstalt in München“, die viel Erfahrung mit der Restaurierung von Kunstwerken dieser Art besaß. Am 18. Januar 1898 ging der Alter, gut verpackt in einer großen Kiste an die Firma nach München. Nach seiner Renovierung konnten Interessierte das Kunstwerk noch eine Zeitlang im Atelier der Mayer‘schen Hofkunstanstalt in München besichtigten. Am 27. September 1899 traf der restaurierte Altar in Kempten ein und kam sofort an seinen vorgesehenen Platz in der Kapelle.

Der Maggmannshofer Altar in der Kemptener Marienkapelle.
Der Maggmannshofer Altar in der Kemptener Marienkapelle. © Vachenauer

Wer hat den Altar geschaffen?

Was das Entstehungsjahr und den Künstler angeht, der diesen Altar geschaffen hat, gab es in der Vergangenheit verschiedene Theorien. Eine schrieb das Relief dem Künstler Jakob Schick aus Kempten zu. Falls der Altar, wie das einst Pfarrer Kocher aus Muthmannshofen aufgrund seiner früheren Nachforschungen vermutete, aus Isny stammen sollte, käme der Bildschnitzer Konrad Schlinsperg in Frage. Wenn Memmingen der Herkunftsort wäre, wie das einst Pfarrer Bertle aus Sigmarszell zu wissen glaubte, dann könnte ihn Mathis Werntz geschaffen haben.

Heute sind sich die Kunstfachleute einig, dass das Schnitzwerk in Verbindung zur Ulmer Schule steht. Damit kommt als Schöpfer dieses Altars nur der Bildschnitzer Daniel Mauch (* um 1477 Ulm; † 1540 Lüttich) in Frage, der als der letzte große Künstler aus der langen Reihe der Ulmer Schule gilt. Mauch arbeitete als Bildschnitzer an verschiedenen spätgotischen Altarprojekten mit und soll demnach den Maggmannshofer Altar um 1510 geschaffen haben. Für welchen Zweck er dieses Kunstwerk einst geschaffen hatte, ob Kirche, Kloster, Burg oder Herrenhaus, bleibt aber unbekannt.

Hier geht‘s zu Teil 1 der Historie der Kemptener Marienkapelle

Lesen Sie auch: Das Schusterhäusle - ein Relikt aus Lenzfrieds Vergangenheit

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