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Stadtgeschichte Kempten: Die Geschichte der öffentlichen Beleuchtung in der Stadt Kempten – Teil I 

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Von: Dr. Willi Vachenauer

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Ein Mann und eine Frau mit Kienspanlichtern im Mund.
Ein Mann und eine Frau mit Kienspanlichter im Mund. © Repros: Vachenauer/Quelle: Internet (gemeinfrei)

Dr. Willi Vachenauer erhellt die Geschichte der öffentlichen Beleuchtung in der Stadt Kempten.

Nach einem Bericht im Kreisbote vom 8. Oktober 2022, mit dem Titel: „Dunkler, aber nicht Duster“, sorgt die momentane Energiekrise dafür, dass in Kempten die Beleuchtung während der Nacht und über die kommenden Festtage deutlich reduziert werden muss. Im heutigen Kempten, das eine Fläche von 63,28 Quadratkilometern und 69.053 Einwohnern hat (Stand 31. Dezember 2021), liefern nach diesem Kreisbote-Bericht an die 10.000 Straßenlaternen während der Nacht ausreichend Helligkeit.

Daneben sorgten bis vor Kurzem zahlreiche beleuchtete Schaufenster und weitere Fassadenbeleuchtungen für zusätzliche Helligkeit. Diese Situation hat sich nun verändert und viele Menschen hoffen, dass über die Wintermonate die Beleuchtung nicht noch weiter reduziert werden muss und es nicht noch dunkler, vielleicht sogar duster in Kempten wird. Vorsorglich raten manche Zeitgenossen schon dazu, Zündhölzer und Kerzen bereitzulegen, um gewappnet zu sein für solch dunkle Zeiten, die in der Kemptener Vergangenheit während der Nachtzeit etwas ganz Normales darstellte.

Stadtgeschichte Kempten: Dunkelheit im frühen Kempten

In Städten des späten Mittelalters und der Neuzeit, bis Anfangs des 19. Jahrhunderts, lagen die Straßen und Gassen während der Nacht im Dunkeln. Nur in einigen Großstädten, wie z.B. Paris und Wien gab es schon ab dem 17. Jahrhundert eine bescheidene Stadtbeleuchtung, München folgte im Jahre 1729. Für die Menschen, die in kleineren Städten lebten, stellte seinerzeit das Fehlen von künstlichem Licht während der Nacht etwas „alltägliches“, oder sollte man besser sagen „allnächtliches“ dar. Je nach Wetterlage und entsprechender Mondphase sorgte nur hin und wieder ein fahles Mondlicht für etwas Beleuchtung in den Gassen. Dieser nächtliche Lichtmangel galt auch für die Bewohner der damaligen „Freien Reichsstadt Kempten“ bis hinein ins frühe 19. Jahrhundert. Damals hatte das wesentlich kleinere Kempten eine Fläche von 1,85 Quadratkilometern innerhalb der damals noch bestehenden Stadtmauern und an die 3.000 Einwohner. Für sie gab es während der Dunkelheit in der Regel bis dahin in der Stadt weder öffentliche Lichtspender oder gar eine Stadtbeleuchtung wie wir sie heute kennen. 

Künstliche Beleuchtung für die Innenräume

In der Vergangenheit diente die künstliche Beleuchtung vorwiegend zur spärlichen Erhellung der Innenräume. Die wichtigsten Lichtspender der einfachen Bürger während der dunklen Zeit waren das offene Herdfeuer, Kienspäne und Talglichter aus Unschlitt. Kienspäne bestanden meist aus harzreichem Kiefern-, aber auch Buchen- und Birkenholz mit unterschiedlicher Länge, zum Aufstecken auf einen Klemmleuchter aus Schmiedeeisen. Daher betrug die Brenndauer dieser Späne zwischen 20 Minuten und einer Stunde. Der Nachteil bestand darin, dass das Licht durch den bestehenden Luftzug flackerte und stark rußte, mit entsprechender Auswirkung auf die Raumluft. Wegen der Rußentwicklung waren die Decken und Wände der Räume oft schwarzgefärbt. Wie man auf alten Darstellungen sieht, hielten die Menschen die Kienspäne auch zwischen den Zähnen um so das Licht transportieren zu können. Talglichter oder Talgkerzen bestanden aus sogenanntem Unschlitt. Sie wurden durch das Schmelzen von Fetten von Rindern, Schafen und Ziegen hergestellt.

Ein Laternenmacher.
Ein Laternenmacher. © Quelle: Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung zu Nürnberg

In besser gestellten bürgerlichen und vor allem im kirchlichen Bereich bestand die Beleuchtung aus teuren Kerzen aus Bienenwachs, die ein helleres Licht abgaben und rußfreier abbrannten. Das spärliche Licht, das diese Leuchtkörper lieferten, genügte aber meist nicht um diffizile Arbeiten durchzuführen. Daher waren die Menschen während ihrer Arbeit auf Tageslicht angewiesen. So begann die Arbeit bei Sonnenaufgang und endete spätestens bei Sonnenuntergang und passte sich der Jahreszeit an. Eine Ausnahme bildete die sogenannte Schusterkugel. Damit ließ sich das Licht einer Kerze bündeln und auf einen bestimmten Fleck konzentrieren. Sie bestand aus einem Ständer (dem „Lichtgalgen“), einer oder mehreren daran aufgehängten wassergefüllten Glaskugeln und einem höhenverstellbaren Kerzenhalter.

Damit ließ sich das Kerzenlicht auf einen kleineren Fleck bündeln und ermöglichte besseres Sehen innerhalb dieses Lichtflecks. Auch Angehörige anderer Berufsgruppen, wie etwa Schneider, Goldschmiede, Uhrmacher oder Schreiber nutzten die Schusterkugel für ihre Arbeiten. Als weitere Leuchtkörper gab es teilweise kunstvoll geschmiedete Laternen, in denen Kerzen brannten, die ein spärliches Licht abgaben und nicht nur im Innenbereich als Leuchtmittel für verschiedene Arbeiten benutzt wurden. Laternen fanden auch im Freien nicht nur als stationäre Lichtquelle Verwendung. Tragbare Laternen in Form von windgeschützten Kerzenlaternen in Form von zylindrischen oder kastenförmigen Holz- oder Eisenblechlaternen hatten oft eine Gitterverkleidung, um Brandgefahren möglichst kleinzuhalten und spezielle Hornplatten sollten die Feuerquelle vor Luftzug schützen. Solche Windlichter ermöglichten den Transport von Licht und damit konnte den Menschen auch „heimgeleuchtet“ werden. Eine eigene Berufsgruppe, die Laternenmacher, stellte solche Beleuchtungskörper her.

Beleuchtung als mögliche Gefahrenquelle für Brände

Bei der Verwendung all dieser Lichtquellen bestand aber immer die Gefahr, dass bei unsachgemäßem Gebrauch Brände entstehen konnten. Wegen der bescheidenen Löschmöglichkeiten, der überwiegend vorherrschenden Holzbauweise und der teilweise sehr engen Bebauung erließ die Kemptener Stadtobrigkeit verschiedene Feuerordnungen, z.B. von 1358, 1607, 1719 und 1798. Darin stellte die Stadtobrigkeit genaue Regeln auf, um zu vermeiden, dass eine Feuer- oder eine Lichtquelle außer Kontrolle geriet. Solche Feuer konnten nicht nur ein Haus, sondern auch ganze Häuserzeilen oder gar Stadtteile in Schutt und Asche legen. Feuersbrünste in verschiedener Intensität haben die Stadt Kempten während mehrerer Jahrhunderte heimgesucht.

Lucas van Leyden: Der Mann mit der Fackel und eine Frau.
Lucas van Leyden: Der Mann mit der Fackel und eine Frau. © Internet (gemeinfrei)

Im Bewusstsein der Feuergefahren ist in der Feuerordnung der Stadt Kempten aus den Jahren 1719 und der „Erneuerten Feuerordnung“ von 1798 folgendes festgelegt: „Es soll ein jeder Bürger und Inwohner und für nemlich (besonders) die Becken, Schlosser, Schmidt, Färber und alle anderen so da pflegen stetes zufeuern, zu verhütung ihrer selbst und anderer Leuthen, sachen und nachteil, die Feuer und Herdstätten in guten gewahrsam haben“. „Es sollen auch besonders Holz, Heu, Ohmaden, Stroh und Pechrinden oder was gerne Brennen und angehen möchten“ mit besonderer Sorgfalt behandelt werden. „Insonderheit wann man mit brennenden Tabaks Pfeiffen oder ohne Laternen mit bloßen brennenden Lichtern in die Städel und Stallungen laufet, allewo manchmahlen das Stroh, Heu und ander Futter weit herunter hanget, dass der Flamm leicht und unversehens hinauf gehen, das Futter anzünden oder ein Funken oder Kerzen entfallen infolglich unvermerckten (unbemerkt) ein Feuer entstehen kann, als will hiemit ein Ehrsamer Rat ernstlich gebieten, dass ein guter Bürger sonderlich wer Städel und Stallungen hat, sich mit einer wohlverwahrten Laternen versehen mit selbiger Künftighin in den Stall oder Stadel gehen“.

Die Laternen mussten also mit Drahtgeflecht oder geschmiedeten Schutzgitter versehen sein, damit Brände nicht so leicht entstehen konnten. Beim Gebrauch von Fackeln im Freien musste laut Feuerordnung jeder Kemptener die nötige Sorgfalt walten lassen und brennende Fackeln durften weder an Häuser, Türen oder Fensterläden abgestoßen (ausgelöscht) werden, denn neben dem entstehenden schwarzen Rußfleck hätten dabei entstehende Funken auch ein Feuer verursachen können. 

Öffentliche Beleuchtung im frühen Kempten

Mit stationär angebrachten Fackeln oder Laternen konnten bei Bedarf, also besonderen Anlässen, bestimmte Häuser oder kleinere Straßenabschnitte beleuchtet werden. Dazu befestigte man die Fackeln in geschmiedeten Fackelhaltern, die an Gebäuden angebracht waren. Wenn man in Sonderfällen mehr Licht benötigte, dann hatten eigens dazu abgestellte Bauamtsleute für zusätzliche Beleuchtung zu sorgen. Dazu mussten sie an bestimmten Plätzen in der Stadt Laternen mit Öllampen auf eigens dazu bestimmten Pfählen befestigen und Pechpfannen aufhängen. Pechpfannen bestanden aus Eisen mit entsprechenden Haltern, in denen Pech brannte, das mehr Umgebungslicht spendete. Bei der Verwendung solcher Außenbeleuchtungen gab es nach den Feuerordnungen bestimmte Regeln zu beachten, denn sie mussten in jedem Fall angezündet und wiederum sachgerecht ausgelöscht werden. Dafür gab es eigens dazu verordnete Aufsichtspersonen, die darüber zu wachen hatten und sie solange unter Kontrolle halten mussten, bis ein „Löblicher Magistrat“ deren Löschung anordnete. Bei Wind war der Einsatz dieser Leuchtkörper wegen eines möglichen Funkenflugs und der potentiellen Feuergefahr verboten oder nur mit äußerster Vorsicht möglich. In der Feuerordnung von 1798 kann man lesen, dass es für Pechpfannen zu dieser Zeit 29 verschiedene Aufbewahrungsplätze in Kempten gab. Trotz dieser bescheidenen Beleuchtungsmöglichkeiten im Außenbereich mit Pechpfannen, Fackeln oder Windlichter in Laternenform konnte aber in Kempten nicht von einer öffentlichen Straßenbeleuchtung gesprochen werden. Zu normalen Zeiten lag die Stadt während der Nacht im Dunkeln.

Die Stadt Kempten (Alt- und Neustadt) um 1823.
Die Stadt Kempten (Alt- und Neustadt) um 1823. © Quelle: Stadtarchiv

Lampen mit Rapsöl als erste öffentliche Beleuchtung

Diese Situation änderte sich kurze Zeit nach der Säkularisation und Mediatisierung. So darf man die Jahre 1809 und 1810 als die Geburtsstunde – allerdings behaftet mit erheblichen Geburtswehen – der Straßenbeleuchtung bezeichnen. In dieser Zeit kam es in der Altstadt, also auf dem Gebiet der ehemaligen „Freien Reichsstadt Kempten“ zur Installation einer ersten öffentlichen Beleuchtung in Form von neun Laternen. Davon brannten jeweils zwei am Komödienhaus (heutiges Stadttheater, früherer Salzstadel) an der Illerbrücke und an der Hauptwache am Rathaus. Je eine beleuchtete die Gegend am Gefängnis, an der Mühle (Griesinsel, Illerstraße) und am Schulhaus (heutige Suttschule an der Kronenstraße). Aus den Ratsprotokollen dieser Zeit erfahren wir, dass man als Brennstoff der Lampen keine Talgkerzen verwendete, die aus Unschlitt, also aus ausgelassenen tierischen Fetten, bestanden, sondern dass man Rapsöl als Brennstoff verwendete. Solche Rapsöllampen gab es schon seit längerer Zeit. Bei Ausgrabungen in Wittenberg fanden Archäologen Reste einer 500 Jahre alten Öllampe, die aller Wahrscheinlichkeit nach mit Rapsöl betrieben wurde. Lampen dieser Art dürfte auch Martin Luther gekannt und benutzt haben. Um die städtischen Finanzen mit den dadurch entstehenden Kosten nicht zu sehr zu belasten, verpachtete der Munizipalrat die Stadtbeleuchtung. Aber schon 1811 musste die Stadt zur Begleichung der angelaufenen Beleuchtungskosten der Jahre 1809 und 1810 sowie für die Finanzierung der Kosten für das laufende Jahr von jedem Bürger eine Umlage in Höhe von 25 Kreuzern erheben. 

Die Fortsetzung (Teil II) finden Sie hier.

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