Obere Illerbrücken I & II, Rosenaubrücke, Illersteg, Nordbrücke und weitere

Stadtgeschichte: Die Kemptener Illerbrücken im Wandel der Zeit Teil 2

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Bau der Stampfbetonbrücke 1904.

Kempten – Neben der St. Mang-Brücke und der Illerbrücke I, der späteren „König-Ludwig-Brücke“, die im ersten Teil der Geschichte der Kemptener Illerbrücken (siehe Ausgabe vom 22. Februar) beleuchtet wurden, gibt es noch eine Vielzahl weiterer Möglichkeiten, die Iller in Kempten zu überqueren.

Die oberen Illerbrücken II und III

Zur Entlastung der Illerbrücke I, gab es schon im Jahre 1899 Überlegungen, eine weitere Illerbrücke zu errichten. Da auch eine neue Eisenbahnstrecke am Kemptener Kopfbahnhof vorbei geplant wurde, kam man aber am Bau von zwei neuen Brücken nicht vorbei.

1903 wurde Baurat Beutel, mit den Planungen für den Bau der beiden Illerbrücken beauftragt. 1904 begannen die beiden Bauunternehmungen Alfred Kunz aus Kempten und Dykerhoff & Widmann mit dem Bau der größten Stampfbetonbrücken der damaligen Zeit. Für die Arbeiten warb die Firma Kunz Gastarbeiter aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, ja sogar bis aus Südtirol an. Um den Beton optimal verarbeiten zu können, ließ Alfred Kunz sogar spezielle Betonmischmaschinen konstruieren. Im April 1906 konnten die Arbeiten an den Brücken erfolgreich abgeschlossen werden, die folgende Maße hatten: Einzelspannweite 64,5 Meter, Gesamtlänge: 156,0 Meter, Größte Einzelhöhe: 33,0 Meter. Verbaute Betonmenge: 24.000 Kubikmeter.

Die mittlere Illerbrücke II hatte vier Gleise und führte zum alten Kopfbahnhof. Die bauähnliche, südliche Illerbrücke III mit ihren zwei Gleisen, leitete ursprünglich den Güter- und Fernverkehr am Kemptener Kopfbahnhof vorbei zum damaligen Durchgangsbahnhof Kempten-Hegge. Aufgrund der unterschiedlichen Anzahl der Gleise sind die Brücken zwar verschieden breit, vom Aufriss her jedoch identisch, da sie beide vier Bögen haben. Wegen der unterschiedlichen Ziele der Gleise stehen die Brücken nicht parallel, sondern in einem größeren Winkel zueinander. Nach den Sprengungen am Ende des 2. Weltkriegs und der vorübergehenden Einstellung des Zugverkehrs starteten nach der Wiederherstellung der Illerbrücke I die weiteren Instandsetzungsarbeiten. 1946 begannen die Reparaturarbeiten an der mittleren Brücke II und 1947 kam die südliche Brücke III an die Reihe. Im Jahre 1948 waren alle Ausbesserungsmaßnahmen beendet. Wegen der Fertigstellung des neuen Durchgangsbahnhofes im Jahre 1969 konnte die Bahn auf die mittlere Illerbrücke II verzichten. 1971 erwarb die Stadt Kempten auch diese Bahnbrücke, um sie als Straßenbrücke zu nutzen. 1979 erfolgte im Zusammenhang mit der Fortführung des Kemptener Straßenring Ausbaues der Umbau der oberen Illerbrücke II zu einer vierspurigen Straße, einschließlich der notwendigen Abbiegespuren und der Geh- und Radwege mit Fördermittel der Regierung von Schwaben.

Diese zwei Brücken sind direkt mit der Geschichte der ehemaligen „Mechanischen Baumwollspinnerei und -weberei“ Kempten verbunden. Die Gesellschafter der Baumwollspinnerei und -weberei (gegründet 1847 - 1852) erwarben 1882 den Sandholz´schen Betrieb auf der Westseite der Iller und hatten damit beiderseits des Flusses ihre Fabrikationsanlagen. Ab 1882 ließ die Firma einen eisernen Bogensteg errichten, der einst die notwendigen Versorgungsleitungen zwischen den beiden Werken aufnahm. Da vom Kraftwerk, das auf der östlichen Illerseite stand, Dampfleitungen und sogar eine große Welle zur Kraftübertragung über die Iller führten, diente der Steg auch zur Wartung der Leitungen. Da der Steg heute unter Denkmalschutz steht, dürfen ihn nur Besucher des Kraftwerks unter fachkundiger Begleitung betreten, sonst ist er für die Öffentlichkeit gesperrt. Um Spinngarne und Baumwolltücher – sogar mit Lastfahrzeugen – auf kürzestem Weg zwischen den Betriebsstätten über die Iller transportieren zu können, ließ das Unternehmen 1886 eine „Eiserne Fachwerkgitterbrücke“ errichten, die mit zwei Jochpfeilern in der Iller verankert war. Da beide Brücke nur für betriebliche Zwecke zur Verfügung stand, blieb sie für die Öffentlichkeit gesperrt.

Bei den Hochwasserereignissen von 1999 und 2005 widerstand die über einhundert Jahre alte Brücke zwar dem Wasserdruck fast unbeschädigt, ihre zwei stählernen Pfahljoche verursachten aber durch angeschwemmtes Holz einen gefährlichen Rückstau. Im Januar 2006 entschloss sich daher die Stadt, die alte Brücke bis auf die zwei alten Joche abzureißen und an ihrer Stelle eine neue Brücke zu errichten. Die Bauarbeiten begannen am 3. August 2006. Nach einer Winterpause folgte im April 2007 die Aufstellung der neuen „Hängeseilbrücke“, wobei die Techniker die noch nicht entfernten Stützpfeiler der alten Brücke als Montagehilfe verwendeten und sie danach zurückbauten. Die Fertigstellung der neuen Seilbrücke, die eine Tragekraft von fünf Tonnen, eine Länge von 55 Metern und eine Breite von 3,5 Metern hat, war am 30. Juli 2007. Am 10. August 2007 erfolgte im Rahmen der Kemptener Festwoche die feierliche Übergabe der circa 600.000 Euro teuren Brücke, die nur für Radfahrer, Fußgänger und für leichtere Räumfahrzeuge passierbar ist. Sie kann heuer ihr zehnjähriges Jubiläum begehen.

Fußgänger- und Fahrradbrücke (Dierig- Brücke) in Kottern

Die Vorgängerin der heutigen Fußgänger- und Fahrradbrücke bei der ehemaligen „Spinnerei, Weberei und Maschinenfabrik Kottern“ geht auf die Initiative des Unternehmers Caspar Honegger zurück. Er gründete 1846 eine mechanische Spinn und Weberei und baute im Jahre 1852 eine Maschinen- und Gießereianlage dazu. Der Erfolg dieses Betriebes stellte sich ein, nachdem es am Ende der 1840er Jahre zum Bau einer werkseigenen Brücke über die Iller kam. Zuvor ließ das Werk die benötigten Rohstoffe und seine Fertigerzeugnisse auf Pferdefuhrwerken transportieren, die der „Ulmer Bote“ betrieb. Nach dem Bau der massiven Holzbrücke, die auf zwei Jochen in der Iller stand, konnten nun die Textilerzeugnisse der Firma auf dem kürzesten Wege über die „Aich“ zum neuen Bahnhof in Kempten gelangen. Durch den Ausbau der Werksanlagen kam es zwischen 1883 und 1885 zur Tieferlegung der Iller. Diesen Baumaßnahmen fiel auch die alte hölzerne Illerbrücke zum Opfer. An ihrer Stelle errichtete die Firma eine stabile eiserne Brücke, die den gesteigerten Frachtverkehr besser bewältigen konnte. Die Kosten dafür betrugen 35.000 Reichsmark. Von Anfang an standen diese Werksbrücken auch für den Zivilverkehr zur Verfügung.

Im Jahre 2001 musste diese vom Hochwasser angeschlagene Brücke ersetzt werden. 2002 erfolgte die Fertigstellung der neuen Fußgänger- und Fahrradbrücke, als kürzeste Verbindung zwischen den Stadtteilen Eich und Sankt Mang.

Brücke in Härtnagel am ehemaligen Truppenübungsplatz in der Riederau

Diese Brücke und ihre zwei Vorgängerinnen stehen im Zusammenhang mit der Kemptener Garnison. Kemptener Soldaten aus der Schlosskaserne und Marstallkaserne hatten bis 1874 ihren Übungsplatz an der nur 15 Tagwerk großen Schwaigwiese. Der Platz genügte aber nicht mehr den gestiegenen Ansprüchen des Militärs. Im Jahre 1880 gelang es der Stadt den Exerzierplatz in der Riederau zu erwerben. Damit die Soldaten auf kürzestem Weg von ihren Kasernen zur Riederau gelangen konnten, ließ die Stadt bei Härtnagel gegenüber dem neuen „Schießplatz“ in der Riederau eine Holzbrücke errichten. Diese konnte aber dem Wasserdruck der Iller, den Belastungen die von den marschierenden Soldaten mit den notwendigen Trossgespannen und ihren berittenen Kommandeuren ausgingen, nur 16 Jahre standhalten. Daher musste die Stadt 1896 eine neue Holzbrücke bauen lassen, die aber zum Leidwesen der Erbauer schon nach zehn Jahren ihren Dienst aufgab. Um eine dauerhafte Lösung zu finden, entschloss sich die Stadtverwaltung zum Bau einer Eisenbetonbrücke. Schon im Jahre 1907 konnten die Soldaten nun auch mit schwerem Gerät über diese Brücke zu ihrem Übungsplatz an der Riederau marschieren. Wie auch ihre Vorgängerbrücken blieb sie nur für die militärische Nutzung vorbehalten.

Nach dem 2. Weltkrieg verfiel die Eisenbetonbrücke langsam und durfte daher nicht mehr betreten werden. An den drei in der Iller stehenden massiven Brückenpfeiler staute sich besonders bei Hochwasser große Mengen Schwemmholz an und bildete einen gefährlichen Wasserrückstau. Im Zuge des Baus der Nordspange und der neuen Riederaubrücke wurde diese Militärbrücke im Jahr 2006 abgerissen.

Der Illersteg

Der Illersteg als Fußgängerbrücke entstand im Jahre 1930 mit dem Ziel, den Weg von der Stadt zum Ostbahnhof und den dortigen Wohngebieten zu verkürzen. Der neue Steg hatte eine Breite von 2,80 Metern, eine Länge von 93,56 Metern, eine Nutzlast von 360 Kilogramm pro Quadratmeter und ruhte auf insgesamt acht Brückenjochen (Stützpfeiler), wobei vier Joche in der Iller standen. Kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges mussten alle acht Joche ausgetauscht werden, da sie Fäulnisschäden aufwiesen. Im Jahre 1943, also mitten im Krieg, kam es erneut zu Reparaturarbeiten an der Brücke. Dabei wurden all die Brückenteile erneuert, die man als kritisch ansah. Die Nutzlast stieg dabei auf 400 Kilogramm pro Quadratmeter. Am Sonntag, 29. September 1946, ereignete sich auf dem Illersteg ein schweres Unglück. Nachdem die amerikanischen Besatzer und deutsche Behörden ein Kinderfest auf dem Illersportplatz organisiert hatten, drängten sich ungefähr 25-30.000 Menschen auf dem Platz und zum Teil auf dem angrenzenden Illersteg. Dieser Belastung konnte der Steg nicht standhalten und knickte gegen 15.45 Uhr im mittleren Brückenbereich ein. Dabei stürzten ungefähr 150 Menschen in die Iller. Vier Menschen kamen ums Leben, 72 Personen erlitten schwere Verletzungen und 127 Personen benötigten ärztliche Hilfe. Als Unglücksursache ermittelten die beauftragten Sachverständige einige angefaulte Klapphölzer, die unter der Belastung wegbrachen.

Stadtgeschichte: Die Kemptener Illerbrücken im Wandel der Zeit

Nach dieser Katastrophe erhielt im Jahre 1947/48 die Stadt Kempten die wasserpolizeiliche Erlaubnis von der Regierung von Schwaben für einen Neubau des Steges. Im gleichen Jahr begannen die Planungen einer neuen Brücke und schon im Jahre 1948 konnte die neue Brücke der Öffentlichkeit übergeben werden. 1959 kam es zu einem Umbau dieses Steges, bei dem die Brückenjoche verstärkt und die Brückenfahrbahnfläche erneuert wurden. Seit dieser Zeit hat der Illersteg je eine Spur für Fußgänger und für Radfahrer.

Die Nordbrücke

Der Bau der vierspurigen Nordbrücke steht im Zusammenhang mit der Entstehung des großen Ringstraßenringprojektes in Kempten, dem sogenannten „Adenauer Ring“. Die Brücke entstand zwischen den Jahren 1967 und 1968 und ist heute eine wichtige Verkehrsverbindung innerhalb der Stadt und für den Fernverkehr.

Riederaubrücke an der Nordspange

Eines der größten Straßenprojekte in Kemptens jüngster Vergangenheit, die Nordspange mit der dazugehörigen Riederaubrücke, konnten Oberbürgermeister Thomas Kiechle und Innenminister Joachim Herrmann nach mehrjähriger Planungs- und Bauzeit am 6. November 2015 dem Verkehr übergeben. Den ersten Spatenstich am 14. Mai 2012 wollte der Bayerische Innenminister Herrmann am Steuer eines 40 Tonnen schweren Baggers persönlich vornehmen. Dabei stürzte der Bagger um und der Innenminister zog sich leichte Verletzungen zu. Den Spatenstich begleiteten ungefähr 2000 Interessierte, von denen etliche gegen den Bau der Nordspange wegen der Zerstörung des Naturgebiets im Südteil der Riederau und wegen der hohen Kosten dieser Trasse protestierten. Das Bauvorhaben, das mehr als 13 Millionen Euro gekostet hat, ermöglicht eine schnelle Verbindung zwischen der Autobahn im Industriegebiet Kempten Leubas und Kempten Oberwang. Zurzeit benutzen täglich an die 500 Autofahrer die Brücke, die auch Seitenstreifen für Fußgänger und Fahrradfahrer besitzt. 

Dr. Willi Vachenauer

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