Spektakulärer Doppelmord vor 90 Jahren endete für den Täter unter einem Fallbeil

Stadtgeschichte: Die letzte Hinrichtung in Kempten

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Fallbeil mit Scharfrichter Johann Reichhart und dessen Gehilfen.

Kempten – Am Freitag, 20. Januar 1928, um 8 Uhr morgens, fand im Hofe des Landgerichtsgefängnisses in der Weiherstraße die letzte Hinrichtung in Kempten statt. Dabei wurde ein Doppelmörder, dessen Tat sich in diesem Jahr zum neunzigsten Mal jährt, mit dem Fallbeil hingerichtet.

Der Mord und seine Vorgeschichte

Im Sommer 1923 hatte R. U., ein 28-jähriger lediger Käser und Landwirtssohn aus einem kleinen Weiler bei Kempten, mit der 20 Jahre alten Landwirtstochter Therese R. aus der Gemeinde Altusried ein Liebesverhältnis.

Am 7. Juni 1924 ging aus dieser Beziehung ein gemeinsames Kind, ein Mädchen, hervor. R.U. wollte die junge Frau heiraten, da er Aussicht auf ihr elterliches Anwesen hatte. Die Eltern von Therese zögerten jedoch mit der Hofübergabe, da sie erst sein zukünftiges Verhalten abwarten wollten. Im Frühjahr 1926 begann dann R. U. ein Verhältnis mit dem späteren Opfer, der 20-jährigen Veronika W., einer ledigen Dienstmagd aus dem Kreis Mindelheim. Am 14. April 1927 gebar sie einen Buben, dessen Vater R. U. war. Der hegte nun die Sorge, falls Therese davon erfährt, werde sich die geplante Heirat zerschlagen. Er befürchtete auch, für zwei ledige Kinder Unterhalt zahlen zu müssen und dass er wegen seines Lebenswandels nicht mehr nach Hause kommen dürfe. So entstand bei ihm der Plan, Veronika W., der er ebenfalls die Ehe versprochen hatte, samt dem gemeinsamen Kind zu beseitigen. Nun überlegte er sich, wie er die beiden am besten töten könne, zum Beispiel durch ­Hinabstoßen von der Illerbrücke oder durch erschießen. Am 31. Mai kam er zu dem Entschluss, Veronika im Durachtobel zu erschlagen und die Leiche verschwinden zu lassen.

Unter dem Vorwand, er habe für Veronika eine Stelle in einer Gastwirtschaft in Sulzberg und für das Kind einen Kostplatz bei einer älteren Frau in Durach, forderte er Veronika in einem Brief auf, mit ihrem Säugling per Bahn nach Kottern zu fahren. Er fügte aber hinzu, sie dürfe ja niemanden sagen, wohin sie gehe und sie solle auf jeden Fall den Brief wieder mitbringen. Da er sich mit ihr zusammen nicht sehen lassen wollte, musste sie den Zug nehmen, der erst am 1. Juni gegen 20.20 Uhr Abend am Bahnhof eintraf. In Kottern angekommen, erzählte er Veronika, dass sie zuerst zur Koststelle für das Kind gehen wollten, die sich außerhalb von Durach befinde. Damit man ihn nicht mit ihr zusammen in Durach sehen konnte, fuhr er mit dem Fahrrad bis Burg voraus und wartete dort auf sie. Ab da ab führte er die gutgläubige Frau mit ihrem Kinde in der Dunkelheit im Schein einer „elektrischen Taschenlampe“ über eine Viehweide in eine etwa 60 Meter tiefe Schlucht an die Durach zum späteren Tatort hinab.

Mit einer Schaufel, die er zuvor aus einer Scheune eines Bauernhofes entwendet hatte, schlug er Veronika auf den Kopf, worauf sie zu Boden ging und ihr Kind fallen ließ. Als sie voller Entsetzen rief: „Du wirst mich doch nicht totschlagen wollen“, ergriff er ein Messer und erstach Veronika W. mit je einem Stich in Hals und Brust. Auf das gerade einmal gut zwei Monate alte Windelkind, das schreiend am Boden lag, trat er mit den Schuhen ein und tötete es. Seine Aussage dazu: „Dann bin ich bloß mit den Stiefeln hinaufgesprungen, dann war es fertig“. Anschließend verbrannte er die Habseligkeiten von Veronika und verscharrte die Getöteten in einer Grube; die Mutter unten und das Kind oben. Als der Täter wenige Tage später die Grube inspizierte, war die Leiche des Kindes verschwunden. Entweder hatte den Leichnam ein Unwetter weggespült, das am 3. Juni 1927 über Durach hinwegging oder Tiere haben ihn weggezerrt. Am 16. Juli stöberte ein Hund die Leiche von Veronika auf. Obwohl R. U. schon vor der Tat, am 6. März 1927, an Veronika einen Brief mit versteckter Drohung schrieb, gib mich ja nicht als Vater an, sonst passiert was, benannte sie ihn trotzdem beim Amtsgericht ihres Heimatortes als Vater des Kindes. Daher lenkte sich der Verdacht der Täterschaft sehr schnell auf ihn. Am 21. Juni wurde er von der Gendarmerie festgenommen und in das Landgerichtsgefängnis in der Kemptener Weiherstraße eingeliefert. Hier gestand der wegen Hehlerei vorbestrafte Täter gegenüber dem Untersuchungsrichter, dem Stationskommandanten und dem Gerichtsarzt, die Tat vorsätzlich und mit Überlegung begangen zu haben.

Der Prozess

Bei den Verhandlungen vor dem Schwurgericht in Kempten am 4. und 5. November 1927 war der Gerichtssaal bis zum letzten Platz gefüllt, wobei der weibliche Bevölkerungsanteil weit überwog. Sowohl im Saal als auch auf den Gängen und am Eingang des Gebäudes befand sich ein großes Gendarmerieaufgebot. Auch vor dem Gerichtsgebäude wartete eine große Menschenmenge auf die Ankunft des Mörders, der kurz vor halb neun Uhr gefesselt und unter starker Bewachung vorgeführt wurde. Wie die Zeitung berichtete, hat die lange Untersuchungshaft das gesunde Aussehen des Täters, bei dem es sich um einen kräftigen Menschen handelte, nicht beeinträchtigen können.

Im Gerichtssaal stand ein großer Tisch, auf dem verschiedenen Beweismittel lagen, unter anderem eine große Karte mit genauer Lagebeschreibung und verschiedene Fotos vom Tatort. Die Sachverständigen, beispielsweise die Landgerichtsärzte, der Anklagevertreter und der Verteidiger des Täters, saßen bereits im Gerichtssaal. Es waren auch außergewöhnlich viele Pressevertreter anwesend, ein deutliches Zeichen für das große Interesse an diesem Fall.

Im Gegensatz zu seiner früher gemachten Aussage vor der Polizei versuchte der Mörder vor Gericht die Tat als Affekthandlung und damit als Totschlag darzustellen. Das Gericht konnte er damit aber nicht überzeugen und verurteilte ihn nach einstündiger Beratung am Samstag, den 5. November 1927 zweimal zum Tode.

Der Verteidiger des Beklagten legte am 22. November Revision gegen das Urteil beim Reichsgericht ein, die aber der zuständige Strafsenat am 16. Dezember 1927 abschlägig beschied. Daraufhin reichte die Verteidigung am 20. Dezember 1927 beim Ministerrat ein Gnadengesuch ein, das dieser am 14. Januar 1928 ablehnte. Am Mittwoch, den 18. Januar 1928 um 8 Uhr, informierte der Staatsanwalt im Amtszimmer des Landgerichtsgefängnisses den Täter über die Ablehnung des Gnadengesuchs. Eine der Kemptener Tageszeitungen berichtete, dass sich der Delinquent, der bis zum letzten Augenblick auf den Erfolg des Gnadengesuchs gehofft hatte, daraufhin tief erschüttert und schluchzend sowie völlig benommen auf einen Stuhl fallen ließ. In dieser aufgewühlten Gemütsverfassung konnte R. U. zehn Minuten lang keine Antwort auf die Frage des Staatsanwalts geben, ob er von einer Gnadenfrist Gebrauch machen wolle oder nicht. Erst nach Zureden seines Verteidigers bejahte er die Frage und wurde in seine Zelle abgeführt. Dorthin begleiteten ihn ein Seelsorger und sein Heimatpfarrer, die ihm beide Trost zusprachen. Nachdem die beiden Geistlichen weggegangen waren, bewachten ihn zwei Gendarmen in seiner Zelle. Die beiden Polizisten verließen die Zelle nur dann, wenn der Pfarrer kam, um ihn auf die letzten Stunden vorzubereiten.

Ganz im Gegensatz zu den Berichten jener anderen Tageszeitung beschrieb das Allgäuer Tagblatt den Täter als einen Menschen, dem „die äußeren Ausdrucksmittel für seelische Erschütterungen fast vollkommen fehlen“. Nur eine gewisse Ruhelosigkeit soll zeitweilig von dem Aufruhr gezeugt haben, der in seinem Inneren tobte.

Die letzten Tage vor der Hinrichtung

In den beiden letzten Tagen vor seiner Hinrichtung durfte der Delinquent seine Geschwister in der Zelle empfangen. Am Mittwoch, den 18. Januar 1928 um 14 Uhr, erschien sein Seelsorger, durch den er die Sterbesakramente erhielt und der bis zum Abend bei ihm in der Zelle blieb. Dem Seelsorger gegenüber erklärte der Verurteilte, der bisher eine religiöse Haltung gezeigt hatte, dass er bereit wäre, vor dem irdischen Richter ein vollständiges Geständnis abzulegen. Denn er hatte ja bei der Vernehmung vor der Gendarmerie und vor Gericht unterschiedliche Aussagen gemacht. Daraufhin erschien am Donnerstag um 9 Uhr der Erste Staatsanwalt mit einem Gerichtsdiener und der Verurteilte gab psychisch stark aufgewühlt, wie eine Zeitung berichtete, seine Aussagen zu Protokoll und erleichterte somit sein Gewissen. Danach erhielt er Besuch von seinen betagten Eltern und konnte in einer Situation, die für beide Seiten stärkste seelische Belastungen mit sich brachten, Abschied nehmen. Noch am selben Abend legte er bei seinem Geistlichen, der bis Mitternacht in seiner Zelle blieb, die Beichte ab. Dabei zeigte der nun gefasste Delinquent tiefe Reue über seine Tat und das bittere Leid, das er über seine Familie brachte.

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag fand der zum Tode verurteilte kaum Schlaf. Am Freitag, den 20. Januar 1928, empfing er um 6 Uhr die Kommunion. Danach blieb der Seelsorger bis zur Hinrichtung in seiner Zelle.

Kurz vor 8 Uhr erschien der Erste Staatsanwalt, um den Todeskandidat den Gehilfen des Scharfrichters zu übergeben. Nach einem kurzen Gebet wurde er bekleidet und dann wie es im Zeitungsbericht heißt, bleich, wankenden Schrittes, aber nicht fassungslos zur Richtstätte geführt, die sich im Gefängnishof befand. Voraus gingen zwei Gendarmen, ihnen folgte der Totgeweihte mit den Seelsorgern, dem Stadtkaplan und seinem Heimatpfarrer, beide in Talar mit Stola. Danach folgten die beiden Gehilfen des Scharfrichters und zwei Gendarmen. Die im Gefängnishof aufgestellte transportable „Fallschwertmaschine“, die der Scharfrichter Johann Reichhart mitgebracht hatte, war durch einen Vorhang der Sicht des Delinquenten entzogen.

Der Delinquent, der ein halsfreies schwarze Hemd anhatte, trug ein Sterbekreuz und er hatte einen Rosenkranz in seinen Händen. An der Richtstätte angekommen, setzte sich der Todeskandidat auf einen Stuhl, der vor einem Tisch stand, auf dem zwei Kerzen brannten. Um ihn herum standen die Vertreter der Staatsanwaltschaft, einige Gerichtsherren und der Landgerichtsarzt. Daneben die vom Stadtrat berufenen zwölf Persönlichkeiten und einige Herren, die aus beruflichen und wissenschaftlichen Gründen der Hinrichtung beiwohnten.

Anschließend wurde noch einmal das Todesurteil verlesen und dann beteten die Geistlichen zusammen mit dem zum Tode verurteilten das letzte Gebet. Während man dem Delinquenten die Augen verband, läutete das Armesünderglöcklein, das in einer Ecke des Gefängnishofes stand, die Vollstreckung ein. Der letzte Akt begann nun damit, dass der Vorhang, der R. U. bisher vom Fallbeil trennte, zurückgezogen wurde. Danach schnallten die Henkersgehilfen den Totgeweihten, der sich inzwischen selbst von seinem Stuhl erhoben hatte, auf einem Brett fest, das sie mit ihm unter das Fallbeil schoben. Der Verurteilte ließ vollkommen ruhig diese Prozedur über sich ergeben. Der Scharfrichter Johann Reichhart, der nun seine 21. Hinrichtung vollzog, löste das 47 Kilogramm schwere Fallbeil aus und brachte R. U. vom Leben zum Tode. Der Kopf des Hingerichteten fiel in einen bereitstehenden Korb, Holzspäne saugten das Blut auf. Der anwesende Landgerichtsarzt stellte danach den Tod des Hingerichteten fest. Dann verkündete der Henker: „Das Urteil ist vollstreckt!“.

Nach der Hinrichtung, die nur wenige Minuten dauerte, beteten die bei der Hinrichtung anwesenden Personen gemeinsam ein Vaterunser und verließen die Richtstätte. Die Leiche wurde in einen Sarg gelegt, ausgesegnet und sofort auf den katholischen Friedhof überführt und dort kirchlich beerdigt. Während dieser Beerdigung blieb der Friedhof für die Öffentlichkeit gesperrt, nur die nächsten Angehörigen durften ihr beiwohnen.

Vor dem Landgerichtsgefängnis in der Weiherstraße drängten sich viele Schaulustige. Zuvor errichtete Absperrungen und ein Polizeiaufgebot hielten sie auf Distanz. Nur das Läuten des Armesünderglöckleins informierte die Neugierigen über die Urteilsvollstreckung. Das Geläute des „Todesglöckleins“ konnte sogar bis in die Wittelsbacher Schule gehört werden, wo die Schüler atemlos dem Geschehnis lauschten.

Der Bericht der Zeitung endet mit der Aufforderung, dass man dem Toten die menschliche Barmherzigkeit nicht versagen dürfe und auch den Angehörigen eine warme Anteilnahme entgegenbringen solle, da sie in diesen Tagen genug mitgemacht hätten.

Das Allgäuer Tagblatt nahm diese Hinrichtung zum Anlass, sich gegen die Todesstrafe auszusprechen, die in den Augen des Berichterstatters – trotz aller Gründe, die für diese Strafe sprechen – nichts Anderes als ein Stück „Barbarei“ sei.

Bei dieser letzten Hinrichtung in Kempten wurde zum ersten Mal im Allgäu ein Todesurteil durch das Fallbeil vollstreckt. Der Scharfrichter Johann Reichhart soll für seine Arbeit ein Salär in Höhe von 150 Goldmark erhalten haben.

Außerdem bekam er eine Aufwandsentschädigung und ein Übernachtungsgeld von täglich zehn Mark. Für den Transport der „Fallschwertmaschine“ (inklusive Messer), die im Gefängnis München-Stadelheim stationiert war, durfte Reichhart zudem weitere Spesen verlangen.

Dr. Willi Vachenauer

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