Das Neubronnerhaus auf dem Rathausplatz

Vom Stadtpalais zum Stadtarchiv

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1892 zog die Städtische Höhere Töchterschule – der Vorläufer des heutigen Hildegardis-­Gymnasiums – ins Neubronnerhaus ein und blieb dort bis es die neue Heimat des Stadtarchivs wurde.

Kempten – In seinem Beitrag „Geschichten um das Neubronnerhaus“ in der Zeitung Heimgarten beschreibt Friedrich Heinrich Hacker, seit 1920 ehrenamtlicher Stadtbibliothekar und Stadtarchivar, 1939 die Entstehung des Wappens an eben jenem Haus am Rathausplatz in Kempten. Besonders auffällig erschienen ihm dabei die zwei Brunnen, denn dem Namen ‚Neubronner’ nach „tät schließlich auch e i n Brunnenwappen genügen“. Für eine Suche nach der Antwort war der Weg damals schon nicht mehr weit, denn das Haus war nunmehr seit 20 Jahren die Heimat von städtischem Archiv und Registratur.

Die Familie Neubronner 

Der Stammvater der Familie wurde 1430 in Ulm geboren. Die folgenden Generationen stiegen in der Ulmer Stadtverwaltung und im öffentlichen Ansehen schnell auf. Seinem Enkel Lorenz Neubronner wurde 1560 das Wappen mit Röhrenbrunnen und ein Adelstitel verliehen. Dem Kemptener Zweig verlieh Kaiser Ferdinand I. einen Ziehbrunnen im Wappen. In Kempten taucht der Name Neubronner in den Ratsprotokollen das erste Mal 1608 auf, aus welchen hervorgeht, dass Handelsbeziehungen zwischen Ulm und Kempten bestanden. Auch auf persönlicher Ebene wurden weiterhin gute Kontakte gepflegt. Mit der Heirat Lorenz Matthäus’ aus Ulm mit Anna Magdalena Jenisch, Tochter des Kemptener Bürgermeisters, im Jahr 1657 wurden die Stellung der Familie in Kempten weiter ausgebaut.

Knapp 100 Jahre später ließ sich Matthias Phillipp aus Ulm in Kempten nieder, erwarb 1748 das Bürgerrecht und ­heiratete die aus Augsburg stammende Regina Rosina Engler. Er machte eine steile Karriere im Kemptener Stadtrat, dem er ab 1764 angehörte. Bereits ein Jahr später wurde er zum Senator gewählt, ab 1773 bekleidete er die Ämter eines Stadtamtmannes und Stadthauptmannes. Die oberste Sprosse der Leiter erreichte er 1778 mit der Wahl zum 83. Kemptener Bürgermeister.

Seine Söhne Johann Adam und Matthäus Phillipp wurden im September 1805 von Kurfürst Maximilian – als Maximilian I. Joseph ab 1806 erster bayerischer König – in den bayerischen Adelsstand aufgenommen. Durch die Heirat Johann Adams 1792 mit Anna Euphrosina von Neubronner, einer nahen Verwandte aus dem Ulmer Zweig der Familie, konnten nun beide Wappenbrunnen zusammengeführt werden. Auch einen neuen Platz für ihre Anbringung schuf Johann durch den Neubau des Familienhaus am Rathausplatz.

Eine amüsante Anekdote liefert Hacker über die Reaktion der einheimischen, „zünftigen“ Bauhandwerker der Reichsstadt über die Vergabe des Bauauftrags an Jakob Scheiterle von Hohenems. Weshalb Architekt wie Bauherr sich deren Unwillen zu zogen, „die dem ‚Hereingeschmeckten’ den Auftrag nicht gönnten, aber ihm ‚schließlich und endlich’ doch die Ehre des Architekten überlassen und sich damit begnügen mussten, daß sie unter seiner Leitung schaffen durften“. Mit dieser Anekdote wirft Hacker nicht nur ein Licht auf das Wesen der Kemptener Handwerksleute, sondern benutzt es als Hinführung zur Beschreibung des Charakters des Bauherrn und seinem Verständnis von Ehre, die in den Augen Hackers vor allem auf den Leistungen und den Errungenschaften der ganzen Familie beruhten – beginnend mit dem Bürgermeisteramt des Vaters. Als er das Aufgebot für seine Eheschließungsabsicht machte, wurde von ihm der Bürgereid gefordert, was er unter Protest ablehnte und damit drohte auf das Bürgerrecht zu verzichten. Er berief sich bei seinem Protest darauf, den Schwur bereits mehrfach abgelegt zu haben, zuletzt als Hospitalpfleger. Auch verwies er auf die Ehre, die ihm und seinem Bruder Matthäus ­Phillipp durch die Verleihung des Ranges eines Senators 1789 zuteil geworden war. Natürlich wurden die finanziellen Zuwendungen an soziale Einrichtungen, wie die städtische Waisenpflege, nicht vergessen. Johann Adam verdienter sein Geld als Großhändler für Felle und Häute. Schon sein Vater Matthäus Phillipp begann als einfacher Handelsbediensteter bei Jakob Föhr in Kempten und arbeitete sich beruflich zu einem angesehen und erfolgreichen Kaufmann nach oben.

Die Stadtresidenz der Familie Neubronner 

Um seiner jungen Familie ein eigens und vermutlich auch standesgemäßes Heim zu verschaffen, kaufte Johann Adam das Nachbarhaus an und beauftragte 1795 Jakob Scheiterle (manchmal auch Scheuterle) beide Gebäude „neu und nach außen einheitlich zu gestalten“, berichtet Hacker in seinem Artikel und fährt fort: „Im Keller- und Erdgeschoß ist das Doppelhaus, wie die gewaltigen Gewölbe und die zwei Keller zeigen, natürlich viel älter.“ Scheiterle errichtet einen dreigeschossigen ­Mansarddachbau mit Krangaube. Im inneren besaß die Familie ein eigenes Kunstkabinett und in der Diele hing ein Stich des Ehepaars Neubronner. Über dem Eingangstor wurden die beiden Brunnenwappen, bewacht von einem Cherubim mit Schwert, angebracht. Der Besucher Kemptens sieht heute eine Replik; das Original wird im Hause aufbewahrt.

Die Familie bewohnte das Stadtpalais bis zum Tod der Hausherrin Anna Euphrosina 1865. In ihrem Nachlass verfügte sie, dass 200.000 Gulden aus ihrem Vermögen Stiftungen zugewiesen werden sollen. Das Haus selbst ging 1887 in den Besitz der Protestantischen Spitalstiftung über. Es war zunächst das Zuhause der „Städtischen Höheren Töchterschule“, bevor 1919 das Stadtarchiv hier eine neue Heimat fand. Doch schon zu diesem Zeitpunkt war der Zustand des Hauses in keinem guten Zustand mehr. Aber eine adäquate Unterbringung der Archivalien war inzwischen dringend geworden.

Ein geteiltes Gedächtnis krankt 

Kemptens Geschichte ist ab dem 13. Jahrhundert geprägt von der Rivalität zwischen dem Herrschaftsanspruch der römisch-katholischen Reichskirche, repräsentiert durch das Fürststift, und der aufstrebenden Stadtbürgerschaft, die in dieser Situation auch dem reformatorischen Gedanken sehr aufgeschlossen begegnet und damit auch eine konfessionelle Trennung herbeiführt. Den daraus geborenen Doppelcharakter Kemptens kann man bis heute spüren.

Auch für die Archivarbeit erwächst daraus Dualität. Sowohl die städtische als auch fürststiftische Hoheit führte schon aus juristischen Gründen eine getrennte Schreibstube, was heute als Verwaltung bezeichnet wird. Die Akten und Urkunden der Stadt lagerte man im 16. und 17. Jahrhundert im Brieftürmle, dem Durchgang vom Kirchhof (heute St. Mang-Platz) in die Reichstadt, und in der so genannten „Alten Canzley“ am Platz gegenüber (heute St. Mang-Platz 2/Bäckerstraße 32). Im 30-jährigen Krieg ging ein Teil der Akten durch Verwüstungen verloren, die wichtigen Urkunden und Freibriefe blieben verschont. Die Aufteilung der Dokumente an zwei Orten wurde auch im 18. Jahrhundert beibehalten und so die Archivalien nach Alter und inhaltlichem Wert unterteilt. Für den schnelleren Zugriff begann man auch in den Dienstzimmern des Rathauses Verwaltungsakten zu lagern. Das kam aber weder einer Registratur noch einer Archivierung gleich. Mit dem Untergang des Heiligen Römischen Reichs um 1800 und den politischen wie herrschaftlichen Veränderungen, die daraus erwuchsen wurde das reichstädtische Archiv versiegelt. Die Akten lagerten ungeordnet und schlecht gesichert zum Teil in der Kanzlei, Ratsprotokolle im Ratszimmer und Rechnungen und Steuerbücher wiederum in der „Alten Registratur“, einem Verschlag im Rathaus. Das Fürststift verschwand mit der Säkularisierung und der Großteil seiner Akten gingen nach Augsburg und lagert heute unter anderem im dortigen Staatsarchiv. Währenddessen sichtete das neu eingerichtete Archivkonservatorium die wertvollen Bestände und was davon nach München ins „Königliche Allgemeine Reichsarchiv“ zu senden sei. 1882 sollten alle verblieben Bestände des Archivs in Räume des Stadtsteueramtes an der Salzstraße 14 umziehen. Hier begann man in den folgenden Jahren unter ungünstigen Bedingen für die Archivare und die Dokumente die Inventarisierung und Sortierung der Archivalien, die durch den Umzug neuerlich durcheinander kamen.

Am 24. Oktober 1919 bewilligte der Stadtrat den Umzug in die Räume des Neubronnerhauses. Der Umzug fand im folgenden Jahr unter der Aufsicht Friedrich Heinrich Hackers statt. Für eine Aufwandsentschädigung von 100 Mark und einer Dienstwohnung im Haus begann er Karteien und ein Personenarchiv anzulegen und historische Artikel zur Geschichte Kemptens zu verfassen. In den Räumen fand auch die Bibliothek und das Archiv des Heimatvereins eine Unterkunft.

Altes und seltenes Ambiente für Altes und Wertvolles 

Nach knapp 50 Jahren geriet das Archiv wieder in die Schlagzeilen. Im März 1962 waren bei der Verlegung von elektrischen Leitungen im 2. Stockwerk spätgotische Sekkomalereien unter dem Verputz entdeckt worden. Walther ­Bertram argumentiert die Datierung in einer Sonderausgabe der Zeitschrift „Bayernland“: „In einem vorwiegend in grünen Tönen gemalten, die Flächen gleichmäßig gobelinartig überziehenden spätgotischen Rankenwerk sind kleine starkfarbige Figurengruppen – unter anderem eine Hochzeitsgesellschaft – gemalt, die nach Auffassung und Tracht etwa um 1480 anzusetzen ist.“ Josef Lorch aus Füssen wurde mit Mitteln des Bundes mit der Restaurierung der Malereien beauftragt. Als das Gebäude in den Besitz der Stadt überging versiegte die Geldquelle und die Fresken versanken im Dunst des Vergessens.

Mitte der 1970er Jahre genehmigte der Stadtrat einen groß angelegten Instandsetzungsplan für beide Gebäude, um die Archivfläche langfristig sicherzustellen. Dabei traten nicht nur die Fresken wieder ins Bewusstsein, es waren auch große bauliche Anpassungen nötig: Errichtung eines gemeinsamen Treppenhauses und der Einzug von Schwerlastdecken für die gewichtigen Rollregalschränke. Die Arbeiten begannen 1977 und waren für die Innenräume mit der Einweihung 1985 abgeschlossen. Damit sah das Neubronnerhaus nach über 200 Jahren die letzten Änderungen.

Yvonne Hettich

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