Ein Stadtschloss mit vielen Gesichtern

Das Rotschlösschen

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Nach der Sanierung erstrahlt das Rotschlösschen heute wieder in altem Glanz und Würde und gibt eine gute Vorstellung davon, wie es bei seiner Errichtung ausgesehen haben dürfte – nur eben in rot.

Kempten – Der Bau des Rotschlösschens fiel in eine Zeit, die von Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen den Landesherren und ihren Untertanen (Bauernkrieg 1525/26) sowie dem schwelenden Konflikt der Reformation geprägt war. In Kempten lag die Front zwischen der reichsstädtisch-protestantischen und der stiftskemptisch-katholischen Partei auf engstem Raum beieinander.

Für die reichsstädtischen Bürger und Patrizierfamilien gab es in den beengten Gassen und Straßen kaum Plätze für Gärten und Parks, in welchen man hätte am Wochenende verweilen und dem Alltag entfliehen können. Wer es sich leisten konnte, baute deshalb außerhalb der Stadtmauern einen kleinen oder größeren Wochenendsitz, der auch in Zeiten von Epidemien und Not als Zuflucht diente. Von diesen „Zweitwohnsitzen“ sind heute neben dem Rotschlösschen noch das Weidachschlössle in der Rottachstraße und das Haubenschloss erhalten.

Das genaue Baujahr des Rotschlösschens ist nicht bekannt, sicher ist jedoch, dass mit den Arbeiten vor 1599 begonnen wurde, denn in dieses Jahr datiert die erste bildliche Darstellung auf der Stadtansicht Kemptens von Heinrich Beusch. Hier wird es unter der Nummer 19 als „Schelldorf“ geführt. Daher rührt wohl auch die Bezeichnung des Anwesens und seiner Felder als „Oberwies mit Schloss Rotschelldorf“. Zwei Kemptener Bürgermeister sind die ersten bekannten Besitzer: Zunächst Josef König, der auch die König’schen Häuser an der Kronenstraße erbauen ließ, und danach Ulrich Dorn, dessen gleichnamiges „Schlössle“ heute noch das obere Ende der Freitreppe ziert. 1634, in den Wirren am Ende des 30-jährigen Krieges, brachte der schwedische Feldmarschall Gustav Horn das Schloss in seinen Besitz und im folgenden Jahr suchte der Kemptener Stadtrat dort Zuflucht, während die Pestepidemie in der Stadt grassierte. Die letzten Privateigentümer des Rotschlösschens war in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Ulmer Familie Neubronner, deren Name das Anwesen in den folgenden Jahren prägte, und an die bis 1930 im Hof ein Brunnen mit dem Familienwappen erinnerte. Ihr Stadthaus am Rathausplatz beherbergt seit 1920 das Stadtarchiv.

Die ersten baulichen Veränderungen fanden Mitte des 19. Jahrhunderts statt, als im Haupthaus Wohnungen und im Erdgeschoss eine Käserei eingebaut wurde. Die Nebengebäude wurden als Werkstätten und als Wohnraum genutzt. Vermutlich verschwand auch in dieser Zeit der rötliche Verputz, von welchem sich ein weiterer, der heute gebräuchliche Name ableitete. 1927 ging das Rotschlösschen in den Besitz der Gemeinde Sankt Mang über, die im folgenden Jahr die Käserei ebenfalls in Wohnräume umbaute, 1934 den Turm instand setzen und 1957 die Außenfassade renovieren ließ. Mit der Eingemeindung Sankt Mangs 1972 wurde die Stadt Kempten neue Eigentümerin, die das Schloss Obdachlosen überließ und, nachdem man das denkmalgeschützte Gebäude dem Verfall Preis gegeben hatte, schließlich Anfang der 1980er zunächst Vorschläge für die weitere Nutzung sammelte, bevor 1988 der Bauantrag für die Generalsanierung eingereicht wurde. Diese wurde 1990 abgeschlossen und die Stadtteilbücherei konnte ihre „Notunterkunft“ bei der BSG-Allgäu verlassen und nun in ein Gebäude einziehen, das sowohl historisch als auch kulturell den perfekten Rahmen bildete.

Yvonne Hettich

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