Mit Otto Heydecker, Ambros Madlener und Andor Ákos hatte Kemptens Architekturprominenz die Finger mit im Spiel

Was mit einem Bierkeller begann

+
Die Bahnhofstraße im Jahr 1904: links das spätere Trögerhaus, darüber der Sitz der Aktienbrauerei, gegenüber die Bayerische Notenbank, vorne rechts der „Schützengarten“.

Kempten – Wer heute von der Fußgängerzone kommend die untere Bahnhofstraße betritt, findet sich zwischen modernen Konsumtempeln wieder. Dieser Trend zur Urbanität bahnte sich schon lange an. Seit der Gründerzeit standen hier an der Verbindungsstraße zwischen der Stadt und dem in der Mitte des 19. Jahrhunderts errichteten Bahnhof stattliche Gebäude. Sie hatten nach und nach die Wiesen vor der Stadtmauer und später Bierkeller abgelöst. Aus einem solchen Bierkeller mit zwei gewaltigen Kellergeschossen ging auch das Trögerhaus hervor.

Seit 1850 war an der Stelle des späteren Hauses (Ecke Bahnhofstraße/Freudenberg) ein Eis- und Bierlagerkeller der an der Klostersteige ansässigen Sonnen-Brauerei gebaut worden, um das Bier im Sommer kühlen zu können. Anschließend hatte man den Keller um Wohnräume aufgestockt und das Gebäude mehrmals erweitert, zum Beispiel auch um die Gastwirtschaft „Sonnenkeller“. Diese war dann 1888 mit dem gesamten Haus in den Besitz der „Actienbrauerei Kempten“ gekommen, die das Lokal weiterführte und zu Anfang des neuen Jahrhunderts in „Central-Restauration“ mit Biergarten („Central-Garten“) umbenannte; im nördlichen Erdgeschoss waren Ladenräume eingerichtet worden. Hier zogen der Uhrmacher Karl von Rhein und Alfred Bodler mit seinem Delikatessen-, Wein-, Spirituosen-, Zigarren- und Kolonialwarengeschäft, später übernommen von Eugen Kunz, ein. Der letzte Wirt der „Central-Restauration“, Josef Burgholzner, ein gelernter Pferdemetzger, ging seinem Handwerk im hinteren Teil des Anwesens laut Kemptener Adressbuch noch bis 1927 nach.

1920 kaufte der Eisenhändler Franz Tröger das gesamte Anwesen von der Aktienbrauerei, die inzwischen in das größere und um ein Stockwerk höhere südliche Nachbargebäude umgezogen war. Dort residierte dann auch das Allgäuer Brauhaus, welches ein Jahr später die Aktienbrauerei übernahm (im Übrigen bis 1982, als die Verwaltung des Brauhauses in die Beethovenstraße umzog). Franz Tröger (1872-1963) tat sich nicht nur als erfolgreicher Geschäftsmann hervor, sondern feierte auch im Sport Erfolge: als Gewichtheber, Turner und Mittelstürmer des von ihm mitbegründeten FC Kempten; später als Mitorganisator der Jochpassrennen am Oberjoch. Hinsichtlich der Firmenentwicklung war es Tröger an seinem alten Standort in der damaligen Sonnenstraße (heute Memminger Straße/Ecke Franz-Tröger-Straße), wo er im Jahr 1900 eine Eisenhandlung gegründet hatte, zu eng geworden und er sah diesen Standort auch nicht mehr am Puls der Zeit. Um weiter voran- und aus der Enge der Stiftsstadt herauszukommen, sah er die Zukunft seines Unternehmens vielmehr im (damals schon) prosperierenden Kemptener Süden. So streckte er seine Fühler 1913 erstmals in die Bahnhofstraße aus und richtete in den Räumlichkeiten der heutigen Bahnhofsapotheke ein Geschäft zur Miete ein. Als Tröger dieses Geschäft 1920 wegen eines Eigentümerwechsels aufgeben musste, traf es sich günstig, dass das Allgäuer Brauhaus das alte Verwaltungsdomizil der Aktienbrauerei ein paar Häuser die Bahnhofstraße abwärts zur selben Zeit abstoßen wollte. Die von Karl Lindner verfasste und bei Kösel erschienene Chronik zur 50-Jahrfeier der Firma Tröger sieht in dem Erwerb dieser Immobilie „die für die weitere Entwicklung der Firma wohl bedeutendste Aktion.“ Mit der Vermehrung und Vergrößerung der Räumlichkeiten war auch eine Erweiterung des Sortiments verbunden.

Weil die nördlichen Geschäftsräume noch vermietet waren, konnte Tröger zunächst nur die südliche Hälfte mit den Räumen der aufgegebenen „Central-Restauration“ nutzen, die er auch sofort vom benachbarten Architekten Leonhard Heydecker umbauen ließ, der jedoch zudem bereits Pläne für einen Gesamtumbau des Hauses präsentierte. Im rückwärtigen Bereich bauten die Architekten Otto Heydecker und Ambros Madlener Lagergebäude an. Begonnen wurde damit 1923 – mitten in der Inflationszeit. Es habe sich „um ein großes Projekt“ gehandelt, heißt es in der Firmenchronik weiter: „Die Geschäftswelt in Kempten erblickte in dieser überraschenden Tat begreiflicherweise einen großen Wagemut, aber nicht zuletzt diese Kühnheit war es, die der Firma nun eine der Bedeutung des Unternehmens entsprechende geschäftliche Basis in günstigster Stadtlage verschaffen sollte.“ Mit der Bedeutung seines Unternehmens vertrug es sich aus der Sicht von Franz Tröger überhaupt nicht, dass das Nachbaranwesen des Allgäuer Brauhauses, in dem seit 1925 der einflussreiche Kommerzienrat Hans Schnitzer die Geschäfte führte, um eine Etage mächtiger dastand. In der Familie Tröger kursierte damals die Erzählung, Schnitzer habe über Tröger geäußert, dass dieser sich nicht mit ihm vergleichen könne, was ja allein schon an den Firmensitzen deutlich sichtbar sei. Also wurden seitens Tröger verstärkt Umbaupläne geschmiedet.

Nachdem bereits drei prominente Kemptener Architekten in das Projekt involviert waren, beauftragt Franz Tröger nun seinen Schlaraffenbruder Andor Ákos mit dem Umbau des Hauses, das sich offenbar in keinem guten baulichen Zustand befand. Dieser versuchte in seinen Entwurf von 1927 das Gebäude unter anderem mit Hilfe eines markanten Nordturms aufzuwerten. Möglicherweise ist der Turm auch eine Reminiszenz an die Ritterseligkeit der Schlaraffia, einer Vereinigung zur Pflege von Freundschaft, Kunst und Humor. Die Schlaraffia Cambodunum wurde im Übrigen von Andor Ákos und Franz Tröger mitbegründet. Viele Schlaraffen ließen sich von Ákos Häuser bauen. Und auch für Franz Tröger wurde er tätig. Nach drei Jahren Planung zog Ákos den Umbau des Tröger-Anwesens 1930 – trotz Weltwirtschaftskrise – in gut sechs Wochen durch. Der Enkel des Gründers, Dr. Franz Tröger, erinnert sich, dass sein Großvater in der gesamten Verwandtschaft Geld sammelte, um den Umbau stemmen zu können, später aber auch alles brav wieder zurückgezahlt hat. Der Nordturm und der Stockwerksaufbau aus dem ursprünglichen Plan wurden aus wirtschaftlichen Gründen nicht realisiert, vielmehr wurde der alte Dachstuhl beibehalten und nur die Fassade eines vierten Stockwerks vorgeblendet, was dazu führte, dass dieses Stockwerk nicht recht nutzbar war – aber das war ja schließlich gar nicht Sinn der Sache; immerhin hatte Tröger jetzt mit seinem Nachbarn Schnitzer in der Zahl der Stockwerke gleichgezogen. Außerdem war das neue Dachgeschoss bald ein ausgezeichneter Großraumspielplatz für die Enkel des Firmengründers, die ihn unter anderem für eine große Märklin-Spielzeugeisenbahn nutzten. Nach dem Krieg waren hier russische Displaced Persons einquartiert. Die neue Fassadengestaltung von Andor Ákos wirkte ohne Zweifel imposant. Sie war geprägt von stark hervortretenden Gesimsen, aufgesetzten Keramik-Zugbändern an den Ecken und insbesondere zwei ebenfalls aus Keramik gefertigten gewaltigen Figuren im Zentrum der Fassade. Dazu schrieb die hiesige Tageszeitung am 16. August 1930: „Um die Mitte des Hauses, in der sich der Eingang befindet, besonders zu betonen und der Wesensart der Firma auch nach außen hin ein Symbol zu geben, hat sich der Bauherr entschlossen, an dem sonst so einfachen Gebäude zwei monumentale Figuren anzubringen. Es wurde dabei an die Gewinnung des Eisens gedacht und je ein Bergmann und ein Hüttenarbeiter gewählt als Wahrzeichen der werktätigen Arbeit und des im Hause betriebenen Handels.“ Hergestellt wurden die Figuren in den Keramikwerkstätten Gebrüder Giesler in Altstädten. Einer der Giesler-Brüder, Paul, erlangte in der NS-Zeit unter anderem als bayerischer Ministerpräsident sowie fanatischer Gauleiter von München-Oberbayern fragwürdige Berühmtheit. Der andere, Hermann, seit 1930 im Allgäu und schon zu dieser Zeit wie sein Bruder in NSDAP und SA aktiv, war später Kreisbaumeister in Sonthofen; er plante die dortige Ordensburg und war auch sonst einer der gefragtesten Architekten von Repräsentationsbauten im NS-Staat. Gegen Ästhetik und inhaltliche Aussage der Figuren, nämlich die Darstellung der Arbeitswelt, gab es in bürgerlichen Kreisen durchaus Vorbehalte, die sich sogar in einem Beschwerdeschreiben an den Stadtrat niederschlugen. Darüber einigermaßen verblüfft zeigt sich auch der Historiker Dieter Weber, dem im Übrigen sehr dafür zu danken ist, dass er die im Rahmen seiner Ákos-Forschungen entstandenen umfangreichen Ausführungen zur Geschichte des Trögerhauses zur Verfügung gestellt hat, obwohl sie noch nicht veröffentlicht sind. Weber wundert sich über die Wahl dieses gewissermaßen „linken“ Themas vom Bergmann und Metallarbeiter als Sinnbilder für Eisengewinnung und Eisenverarbeitung. Er sieht darin Züge von gesellschaftlicher Toleranz und Aufgeschlossenheit und spannt den Bogen zur Schlaraffia, die solche Wesenszüge auszeichne und der bekanntlich sowohl der Bauherr Tröger als auch der Architekt und Künstler Ákos angehörten. Freilich gewann die Darstellung der Arbeitswelt im Zeichen der zunehmenden Industrialisierung seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch bei Künstlern und Auftraggebern aus dem Bürgertum an Bedeutung. Die Idee zu den beiden Figuren kam dem Firmengründer Franz Tröger bei einem Besuch in Siegen, wo zwei Bronzeplastiken mit derselben Motivik auf der Siegbrücke aufgestellt waren. Diese Figuren dienten ursprünglich 1902 den Siegener Unternehmen als Blickfang auf der damals größten deutschen Industrieausstellung in Düsseldorf. Auch die Giesler-Brüder stammten nebenbei bemerkt aus Siegen und kannten die Figuren natürlich, zumal Paul Giesler seit 1922 als Architekt in seiner Heimatstadt arbeitete. Tröger weilte in Siegen anlässlich der Verlobung seines ältesten Sohnes, Ing. Franz Tröger, mit der Tochter eines Stahlwerksdirektors aus dem Siegerland, mit dem er auch geschäftliche Beziehungen unterhielt. Deren ältester Sohn ist Dr. Franz Tröger, der 1936 im Trögerhaus geboren wurde und kommenden Freitag, 22. April, seinen 80. Geburtstag feiert. In Kempten hat er sich große Verdienste als Stadtrat und Kulturbeauftragter sowie insbesondere Organisator und Programmgestalter hochkarätiger Konzertreihen erworben. Er hat mit Unterbrechungen bis zu dessen Abbruch darin gewohnt. Doch soweit ist es noch nicht. Noch ist das neue Haus gar nicht vollständig in seiner Außenwirkung vorgestellt. Bekrönt wurde es nämlich mit einer „außerordentlich wirksamen“ Leuchtreklame auf dem obersten Gesims, „die in ihrer Art in Kempten noch nicht vertreten ist“, wie es in der Tageszeitung beeindruckt hieß. Und weiter: „Die neuen Verkaufsräume“ – wohl ebenfalls von Andor Ákos entworfen – „sind außerordentlich solid, mit allen modernen Hilfsmitteln ausgestattet und stellen in der Eisenbranche, die bisher auf Ausstattung wenig Wert gelegt hat, eine erfreuliche Ausnahme dar. Die Geschäftsräume sind nun folgendermaßen aufgeteilt: Rechts vom Haupteingang: Werkzeuge, Maschinen, landwirtschaftliche Geräte, Baubeschläge. Links vom Eingang: Haus- und Küchengeräte und daran anschließend Oefen und Herde“. Im Zwischenstock war das Firmenbüro untergebracht, von dem aus der Firmenchef auf seine Mitarbeiter und die in den Laden eintretenden Kunden blicken konnte.

"Der Elefant ist los" 

Aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs sind zwei Episoden erwähnenswert. 1944 fiel bei einem Luftangriff eine Bombe in den Hof, weswegen das Haus ein halbes Jahr nicht bewohnbar war. Ein Jahr zuvor, im Mai 1943, konnte man im Allgäuer Tagblatt unter der Überschrift „Der Elefant ist los“ lesen, dass die zu dieser Zeit aus München in die Stallung der Tierzuchthalle evakuierten Elefanten des Zirkus Krone ausgebrochen waren. „Schnaubend und trompetend“ seien sie die Boleite und die Bahnhofstraße hinuntergetrampelt „und gelangten schließlich in den Hofraum der Eisenwarenhandlung Tröger, wo sie das Tor und die Eisentüren beschädigten“. Dr. Franz Tröger erinnert sich außerdem, dass ein Elefant durch die Durchfahrt in den Privat- hof gelangt sei. Dort habe er sich mit dem Rüssel den in der Sonne stehenden Kinderwagen mit seinem Bruder Hannes gegriffen seine Runden gedreht, so wie er es zur Vorführung in der Manege gelernt hatte. Seine Mutter habe einen spitzen Schrei ausgestoßen und sei fast in Ohnmacht gefallen, als sie das Geschehen vom zweiten Stock aus bemerkte.

Nach dem Krieg legte der Kemptener Architekt Mauler Erweiterungspläne vor, die jedoch nicht weiterverfolgt wurden. Hätte man sie realisiert, wäre hinter dem Trögerhaus, hoch über Altstadt und Freudental thronend, der erste „Wolkenkratzer“ Kemptens entstanden, für den Firmenchef sicher ein reizvoller Gedanke. Die weitere Expansion der Firma brachte neue Erweiterungspläne mit sich. Unter Federführung des Modehauses Oberpaur und zusammen mit dem Lebensmittelhändler Feneberg beteiligte sich Tröger an der Errichtung des ersten Warenhauses im Allgäu auf der westlichen Seite der Bahnhofstraße. Dorthin zog 1966 der Einzelhandel um und erweiterte das Sortiment um Spiel- und Lederwaren, Glas, Porzellan und Geschenkartikel; der Grobeisenhandel wurde 1972 wegen der beengten Verhältnisse im Trögerhaus an die Bleicherstraße verlagert. Die Geschäftsführung hatte nun bereits die Enkelgeneration inne. Für das alte „Trögerhaus“ gab es seitens der Firma keine Verwendung mehr. So wurde es 1973 abgerissen. Beim Abbruchfest habe man ein Klavier aus der Wohnung im zweiten Stock das Treppenhaus hinunterdonnern lassen. Während der Abbrucharbeiten seien dann aus der Baggerschaufel plötzlich Goldmünzen gekullert, erinnert sich Dr. Franz Tröger. Offensichtlich der „Goldschatz“ der Familie, den der Seniorchef zu Kriegsbeginn in einer Milchkanne im untersten Keller vergraben hatte. Der Großvater habe nur seinem ältesten Sohn den genauen Ort mitgeteilt, der war jedoch 1950 tödlich verunglückt und der Großvater selbst konnte sich später nicht mehr erinnern. Die Münzen seien ziemlich schnell unter den Bauarbeitern verschwunden.

Das Trögerhaus an der Bahnhofstraße steht für Expansion und Peripetie der Firma. Als der Karrer’sche Familienzweig aus dem Unternehmen ausschied und zudem das Neubauprojekt am Standort des ehemaligen Trögerhauses an der Insolvenz der Investorenfirma CBA scheiterte, standen die Tröger-Brüder Franz und Leopold aus der Enkelgeneration des Firmengründers als „angelernte“ Eisenhändler vor der Frage, ob sie das Geschäft weiterführen sollten und wollten. Sie entschieden sich für einen Verkauf und so endet die Geschichte der Eisen- und Eisenwarengroßhandlung Tröger 1979, auch wenn der Name Tröger im Firmennamen noch eine Weile fortbestand. Gewissermaßen anknüpfend an die Turmpläne von Ákos (1927) und Mauler (1949) entstand an der Stelle des Trögerhauses der „Illerkauf“, zunächst als Torso, später aufgestockt, aber bis heute keine Augenweide.

Markus Naumann

Auch interessant

Meistgelesen

Sportausschuss stellt Förderung für lang ersehnte Schnitzelgrube in Aussicht
Sportausschuss stellt Förderung für lang ersehnte Schnitzelgrube in Aussicht
Platz zwei beim Internationalen Immenstädter Schwimmfest
Platz zwei beim Internationalen Immenstädter Schwimmfest
Eschacher Loipe wird wieder durchgehend präpariert
Eschacher Loipe wird wieder durchgehend präpariert
Stadtarchivar Dr. Böck hält Vortrag "1818-2018 – 200 Jahre Kempten"
Stadtarchivar Dr. Böck hält Vortrag "1818-2018 – 200 Jahre Kempten"

Kommentare