"Ich kenne jede Ecke meiner Heimatstadt"

Stadtheimatpfleger Tilmann Ritter über Sein Amt und seine Liebe zu Kempten

+
Geht in seine vierte Amtsperiode: Stadtheimatpfleger Tilmann Ritter.

Kempten – Für fünf weitere Jahre hat der Stadtrat Tilmann Ritter als Stadtheimatpfleger bestätigt. Wichtige Herausforderungen kommen nun auf ihn zu.

Gedanken macht er sich allerdings um den Nachwuchs in der Kemptener Heimatpflege. 

Als „herausragend guter Heimatpfleger“ bezeichnete ihn Kemptens Oberbürgermeister Thomas Kiechle. Ritter, geboren und aufgewachsen in Kempten, studierte in München Architektur, Geschichte und Kunstgeschichte. Anschließend ging er in den Staatsdienst und kehrte über Stationen in München und Landsberg nach Kempten zurück, wo er acht Jahre das Bauamt leitete. Lange war er Vorsitzender des Heimatvereins, mittlerweile geht der Geschichtsliebhaber in seiner Heimatstadt in seine vierte Amtsperiode als Stadtheimatpfleger. Dem Kreisboten gewährte der 67-Jährige ein Interview auf der Terrasse des Residenz-Cafés, mit Blick auf den Hildegardplatz und das muntere Treiben an einem sonnigen Vormittag. 

Herr Ritter, erkläre Sie uns bitte einmal die Aufgaben eines Stadtheimatpflegers.

Tilmann Ritter: Der Stadtheimatpfleger ist vom Stadtrat bestellt und kümmert sich um die Belange des Stadtbildes der Stadt Kempten. Er ist in beratender Funktion tätig und sollte versuchen, das Stadtbild seiner Heimatstadt zu bewahren. Er muss wissen, woher die Stadt kommt, wie sie sich entwickelt hat. Er sollte aber auch weiterentwickeln ohne die alte Tradition ganz zu vernachlässigen. 

Was verbinden Sie persönlich mit dem Begriff „Heimat“. Tilmann Ritter: Heimat ist ein tiefes Gefühl und nichts, was man so einfach beschreiben kann. Das hat viel mit Sentimentalität zu tun. Dabei geht es auch um Frage wie „Wo sind meine Gefühle für die Heimat?“ oder „Wo fühle ich mich geborgen?“ 

Was lieben Sie an Kempten? 
Tilmann Ritter: Kempten ist für mich ein gewohnter, bekannter Ort. Ich kenne jede Ecke meiner Heimatstadt und habe dazu auch eine Geschichte oder Empfindung. Das ist mein Wohnzimmer. Meine Heimatstadt hat mir viel gegeben, das gebe ich jetzt zurück. 

Was ist Ihr Lieblingsgebäude in der Stadt? 
Tilmann Ritter: Das ist die Basilika. Ich kenne dort jedes Engelchen und habe eine intensive Bindung zu dem Gebäude. Da war ich als Kind, dort war ich Ministrant, dort habe ich meine Firmung gefeiert und geheiratet. Als Amtsleiter beim staatlichen Bauamt war ich auch für die bauliche Umsetzung dort zuständig. 

Gibt es eine vergangene Epoche, in der Sie gern in Kempten gelebt hätten?
Tilmann Ritter: Ich lebe im Jetzt und da lebe ich gern. Bei den anderen Epochen gibt es ihre Vor- und Nachteile. So wie wir jetzt in der Freiheit und mit den Möglichkeiten in Kempten leben, hat keine Generation vor uns gelebt.

Woher kommt Ihre Begeisterung für Geschichte und Heimatkunde?

Tilmann Ritter: Dieses Interesse war schon immer groß. In der Volksschule haben mich Geschichten über die Stadt Kempten fasziniert. Das begann bei der römischen Geschichte und ging über die Gründung durch die Mönche am St. Mang-Platz, über das Mittelalter hin bis zur Neuzeit und in die Gegenwart. 

Wie steht es um den Nachwuchs in der Heimatpflege? Lassen sich junge Leute überhaupt für Heimatpflege begeistern?
Tilmann Ritter: Es ist nicht ganz leicht, junge Menschen für Geschichte, Traditionen, unsere Herkunft oder Überkommenes zu sensibilisieren. 

Braucht man dafür eine Ausbildung oder Vorkenntnisse?
Tilmann Ritter: Man braucht keine Qualifikationen oder ähnliches. Man muss einfach eine Liebe für die Stadt Kempten haben und sich damit intensiv auseinandersetzen. Es gibt viele, die das machen, aber meist im fortgeschrittenen Alter.

Inwiefern hat sich Ihre Arbeit in den letzten Jahren verändert?
Tilmann Ritter: Die Arbeit und die Ziele haben sich nicht verändert, aber die Partner, mit denen man arbeitet (lacht). Mit dem ehemaligen Oberbürgermeister Dr. Ulrich Netzer war die Zusammenarbeit anders als mit seinem Nachfolger Thomas Kiechle. Man muss sich auf die Personen einlassen und mit den Entscheidern das Beste generieren. 

Kempten ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen. Entsprechend hat sich auch das Stadtbild gewandelt. Wie stehen Sie dieser Entwicklung gegenüber? 

Tilmann Ritter: Die Stadt muss definieren, wo sie hin möchte und fragen: Wie sieht sich die Stadt in 30 oder 40 Jahren? Haben wir da schon 90.000 Einwohner? Wie können wir mit diesen gut leben? Leben die in der Innenstadt oder wollen alle ein Haus im Grünen? Da muss man intensiv drüber nachdenken – auch mit Hinblick auf den neuen Flächennutzungsplan – und überlegen, wie sich die Stadt in den nächsten Jahrzehnten entwickelt. Das hat eine Auswirkung auf das Erscheinungsbild einer Innenstadt.

Welche Rolle spielen Sie als Stadtheimatpfleger dabei? 
Tilmann Ritter: Das ist auch wieder eine Frage der Geschichte. Wenn man sieht, wie sich die Geschichte Kemptens in den letzten 100 Jahren entwickelt hat, war das eine kontinuierliche Aufwärtsentwicklung. Wir hatten im Jahr 1920 zwischen 25.000 und 27.000 Einwohner. Jetzt sind wir bei 70.000 innerhalb von 100 Jahren. Wenn das so weitergeht, muss man sich die Fragen stellen. Wie schaut die Infrastruktur aus? Können wir mit den vorhandenen Straßen in der Innenstadt zurechtkommen? Das ist eine Frage der Politik und unserer warnenden Hand. 

Was sehen Sie in Ihrer Rolle als größte Herausforderungen der nächsten Jahre?
Tilmann Ritter: Das ist genau diese Thematik und die Frage, wohin die Stadtentwicklung geht. Wir werden uns intensiv damit auseinandersetzen müssen, wie wir in zehn bis 15 Jahren arbeiten und wohnen werden. Heute ist es normal, außerhalb der Stadt zu wohnen und in die Stadt zu pendeln. Kaufen wir in der Stadt ein oder kaufen wir alles bei Amazon? Das sind Fragen, die in den nächsten Jahren auf uns zukommen. Da sollten sich alle, jung und alt, einbringen, um die Zukunft Kemptens mitzugestalten. 

Cian Hartung

Auch interessant

Meistgelesen

Einbruch in eine Wohnung in der Bodmanstraße
Einbruch in eine Wohnung in der Bodmanstraße
Eine Entscheidung fürs Leben
Eine Entscheidung fürs Leben
Entscheidung zur Causa Knussert
Entscheidung zur Causa Knussert
Kinder präsentieren Masken ihres vhs-Workshops
Kinder präsentieren Masken ihres vhs-Workshops

Kommentare