Theaterbetrieb wird leichter - kein Online Programm während Corona-Pandemie

TiK-Intendantin Silvia Armbruster erhält mehr Kompetenz im Theater

Kempten – Es war von Anbeginn der Dorn im Fleisch des sanierten und erweiterten Stadttheaters, in dem die künstlerische Leiterin niemals Herrin im (eben nicht) „eigenen“ Haus war.

Es waren bekanntlich wirtschaftliche Gründe, die das für den Betrieb eher unselige Steuerspar-Konstrukt auf den Plan gerufen hatten: Seit der Wiedereröffnung im Jahr 2007 ist der Kemptener Messe- und Veranstaltungsbetrieb (KBV) Eigentümer des Hauses, Arbeitgeber des technischen Personals und für die Einmietung sämtlicher Veranstaltungen zuständig – auch die des Theater in Kempten (TiK).

Das heißt, je nach Bedarf musste die Künstlerische Leitung seit 2007 Haus und technisches Personal für ihren Spielbetrieb beim KBV anmieten, was bereits den beiden vorigen künstlerischen Leitern den letzten Nerv geraubt hatte. Dem Zustand hat der Stadtrat in seiner Sitzung vergangenen Donnerstag ein Ende gesetzt. Nach einstimmigem Beschluss soll die Sparte Stadttheater aus dem KBV herausgelöst und in einen neu zu gründenden Eigenbetrieb Stadttheater Kempten übergehen. „Das alte Konstrukt ist das neue Konstrukt“, beruhigte Kulturreferent Dr. Richard Schießl fragende Blikke. Der Eigenbetrieb bleibe weiterhin in der Verwaltung, aber die Leitung erfolge künftig in „Personalunion“ durch die Künstlerische Leiterin des TiK Silvia Armbruster. 

Kein Online-Programm

Seit Mitte März ist das Haus coronabedingt geschlossen. Auf ein kulturelles „Lebenszeichen“, wie es nahezu alle Spielstätten weltweit in den unterschiedlichsten Facetten und Formaten inzwischen online für ihr Publikum anbieten, warten die bislang eifrigen Theater- und Konzertbesucher aus dem TiK bislang vergeblich. Es ist auch nichts geplant, wie KKUChef und Geschäftsführer des TiK, Thomas Siedersberger eine Anfrage des Kreisboten an das künstlerische Büro beantwortete. Man habe intern lange überlegt, wie mit dieser schwierigen Situation umzugehen sei und auch verschiedene Konzepte betrachtet. „Fakt ist, das Theater ist geschlossen und keiner weiß, wann und wie es wieder öffnet.“ 

Dennoch habe man sich „bewusst gegen ein Streaming und online Angebote entschieden“, da „abgefilmtes Theater“ nur eine „sterile Zwischenlösung“ bleibe, „die das echte Erlebnis, den Austausch umso schmerzlicher vermissen lässt“. Das mit dem Publikum gemeinsame Erlebnis Theater sei für das Team des TiK nicht ersetzbar, blickt Siedersberger darüber hinaus auf die Kosten, die „in keinem Verhältnis zum Ertrag stehen“. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten wolle man das Budget lieber dafür verwenden, dem Publikum nach Corona „ein gutes Live-Programm zu bieten“, so das Ziel. Zudem habe man kein eigenes Ensemble, wie Theater, die derzeit online aktiv seien und die online Auftritte dafür nutzten, „ihr Ensemble sinnvoll zu beschäftigen“, erläutert Siedersberger einen Unterschied zum TiK-Betrieb. „Theater kann nur durch Live-Auftritte mit den anderen Medien wie Fernsehen, Film, Netflix konkurrieren. Diese Meinung teile ich mit dem gesamten Tik-Team“, untermauert Siedersberger die Entscheidung des TiK. 

Christine Tröger

Ein Kommentar von Christine Tröger:

Einfach formidabel was die Kunst- und Kulturszene landauf landab in diesen veranstaltungsfreien Corona-Zeiten in kürzester Zeit online präsentiert. Und fast täglich wird es mehr. Die kleinen Angebote stehen den großen dabei in keinster Weise nach. Es muss ja nicht immer gleich die pompöse Opernaufführung in der New Yorker Metropolitan Opera sein – ein Format, das sich im Live-Stream seit einigen Jahren schon wachsender Beliebtheit bei musikaffinen Kinogängern erfreut. Das Corona-Kultur-Angebot im Netz bzw. auf youtube hat eine ganze Menge zu bieten: legendäre Inszenierungen wie u.a. „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett, der in der Aufführung im Jahr 1975 am Schiller Theater in Berlin auch selbst Regie führte; „Stimmen aus einem leeren Theater“ vom Berliner Ensemble – eines von vielen BE on Demand-Angeboten; Lesungen, Konzerte, Kunst-Vernissagen, Comedy, Repertoire-Inszenierungen als Online-Stream, digitale Publikumsgespräche, Audio-Podcasts, Workshops.... „Resi ruft an“ heißt es z.B. im Münchner Residenztheater, wo man sich via Anmeldung Schauspieler*innen per Telefon ins Haus holen kann. 

Das Schauspielhaus Bochum unterhält in einem Video-Blog „Schauspielhaus#Homestories“ mit Texten, Monologen, Geschichten und Gedichten aufgenommen mit der Handykamera in den eigenen vier Wänden. Mit einer großartigen Vielfalt punktet das Minitheater Hannibal in Zürich im Bereich Kinder-und Jugendtheater (minitheater-hannibal.ch). Und Eric Gauthier, Chef von Gauthier Dance am Theaterhaus Stuttgart, hat für seine Clips zum Mittanzen den youtube-Kanal #Wohnzimmerballett gegründet. Das Landestheater Schwaben in Memmingen ist auch online mit Spielplan, Maskenbastelkursen bis zu gemeinsamem Brotbacken vertreten und auch das Kemptener Kulturamt hat zu Gunsten der Freien Künstler eine Online-Plattform ins Leben gerufen. 

Die Vielfalt der Formate deckt so ziemlich jede Vorliebe ab und erzielt oftmals mit kleinem Aufwand große Wirkung. Schade, dass das Theater in Kempten keine Ambitionen verspürt SEIN Publikum mit eigenen Ideen durch diese abgeschottete Zeit zu be- oder geleiten. Ein monetäres Gewinnsummenspiel wäre sicher nicht zu erzielen; ein ideelles allemal. Mindestens das Argument, das TiK habe dafür kein eigenes Ensemble, hinkt jedenfalls. Denn laut Wikipedia gibt es seit 2016 „mit den Schauspielern Julia Jaschke und Hans Piesbergen ein festes kleines Ensemble“.

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