Stadtrundfahrt – das Original

Auf Mammut-Tour unterwegs durch Kempten mit Reiseleiter Dieter Zacherle

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Zur Busrundfahrt durch Kempten hatten die Freien Wähler eingeladen. Mit an Bord: „Reiseleiter“ Dieter Zacherle sowie Stadtrat Alexander Hold und Annette Hauser-Felberbaum und am Steuer Busunternehmer Martin Haslach.

Kempten – An die Zahl „63,5 Quadratkilometer“, meinte Stadtrat Dieter Zacherle (Freie Wähler) sich bezüglich der Fläche Kemptens zu erinnern. Eine Fläche, von der er für seine alljährliche und inzwischen Kult-Stadtrundfahrt auch nicht eben wenig abdeckte.

Zwei Stunden lang begab sich ein voll ausgebuchter Reisebus mit Busunternehmer Martin Haslach am Steuer vergangenen Samstag auf eine Rundfahrt, die „Ihnen die Stadt so zeigen soll, wie Sie sie vielleicht nicht kennen“, kündigte Reiseleiter Zacherle zum Start an.

Wie sein Co-Reiseleiter und ebenfalls Freie-Wähler-Stadtrat Alexander Hold verriet, „war Dieter Zacherle gestern noch zwischen Ilse Aigner und Iris Berben“. Zacherle habe nämlich in München die Bayerische Verfassungsmedaille in Silber erhalten, für 48 Jahre ununterbrochene und ehrenamtliche Stadtratstätigkeit.

Damit setzt Zacherle nun auch den Schlusspunkt seiner Stadtratskarriere und steht für die Kommunalwahl am 15. März nicht mehr auf der Liste, wie er auch kundtat. Umso entspannter plauderte Zacherle über die ihm wichtigen, auf dem Weg liegenden Dinge, erinnerte an einigen Örtlichkeiten an vergangene Zeiten, streifte manche mit nur einem Satz, um sich über andere umso ausführlicher auszulassen. Die grobe Route der Mammut-Tour: von der zweiten Einstiegsstelle am Hildegardplatz nach Thingers, vorbei am Schwabelsberger Weiher nach Heiligkreuz, weiter zum Baugebiet Hald Nord, über die Nordspange nach Ursulasried, vorbei am „Fort Knox von Kempten“ – gemeint war der dortige Zentral-Tresor der Sparkasse – nach Leubas, weiter über die Reinhartser Straße oberhalb der JVA, über das Gewerbegebiet Bühl mit Spitalhof nach Lenzfried; von dort auf die Ludwigshöhe, dann über St. Mang und Kottern nach Durach, um auch einen Blicke auf den außerkemptisch befindlichen Hangar des Rettungsschraubers zu werfen, zurück nach St. Mang, vorbei an der König-Ludwig-Brücke über den Ring nach Kempten-West und über Haubensteigweg und Stadtpark zurück zum Ausgangspunkt.

Obwohl vor allem ältere Semester im Bus saßen, war der Hinweis Zacherles auf „das erste Hochhaus in Kempten“ an der Kantstraße vielleicht doch ein Novum.

Von Thingers nach Heiligkreuz

Bevor der Stadtteil Thingers im Rahmen eines Förderprojektes Mitte der 1960er Jahre entstanden sei, „war die äußere Rottach so die Stadtgrenze“, erinnerte Zacherle beim Passieren der Mariaberger Straße an hier längst Verschwundenes, wie die ehemalige Metzgerei Brugger; oder die Gärtnerei Ziegler direkt unten an der Rottach, auf deren Gelände „sehr schöne Häuser entstanden sind“. Obwohl „sehr schattig“, seien sie „weggegangen wie warme Semmeln“; für ihn ein Indiz für den großen Bedarf an Wohnraum. So seien auch auf die erst jüngst vergebenen 16 Bauplätze bei den Schrebergärten – sie sollen „noch bleiben“ – an der Mariaberger Straße ein gutes Stück weiter oben 80 Bewerber gekommen. Einen schönen Blick hatten die TeilnehmerInnen auf den Schwabelsberger Weiher, an dem die Sozialbau bekanntlich ein siebenstöckiges Holz-Wohnhaus plant. Aber, beruhigte Zacherle, trotz der „großen Wohnungsnot“ werde die grüne Wiese als „Pufferzone zwischen der Stadt und dem ländlich geprägten Heiligkreuz bleiben“, wie im Flächennutzungsplan ausgewiesen.

Die Turnhalle in Heiligkreuz werde „geliebt und genutzt“, weshalb die Freien Wähler für ihren Erhalt gekämpft hätten, griff Hold zum Mikro. Östlich werde ein Neubaugebet mit 16 Häusern entstehen und Parkplätze für den Friedhof, aufgrund der Gesetzeslage leider mit einer Schallschutzwand dazwischen. Hohes Verkehrsaufkommen zum Friedhof in der Nacht konnte sich allerdings beim besten Willen nicht vorstellen. Was die von einigen Heiligkreuzern vehement geforderte Mehrzweckhalle betreffe, „sind wir noch nicht so einig“, merkte Zacherle an. Er könne sich hier eine Kooperation mit der nicht weit entfernten und nur spärlich genutzten Halle von St. Michael vorstellen.

Als ein „gutes Konzept aus meiner Sicht“ bezeichnete er die Bebauungspläne des Investors Walter Bodenmüller für das Grundstück der ehemaligen Gärtnerei Bunk in Neuhausen. Der wolle eine Tiefgarage, aber der Gestaltungsbeirat sei der Meinung, „es passt nicht in dieses Gebiet“ (der Kreisbote berichtete mehrfach), reduzierte Zacherle das Bauvorhaben.

Halde Nord

Von „interessanten Entwürfen vor fünf, sechs Jahren“ sprach Hold für das Baugebiet Halde Nord. Dann habe es mehrere „Komplikationen“ gegeben. Plötzlich habe man keine Anbindung mehr an die Heiligkreuzer Straße gewollt, wie unter anderem von den Freien Wählern befürwortet, sondern alles über die Memminger Straße abwickeln wollen. Inzwischen belaufen sich die Erschließungskosten laut Hold auf 45 Millionen Euro, da sie mit der aktuellen Lösung nicht mehr förderfähig seien. Nichtsdestotrotz war er sich sicher, dass „es wunderschöne Bauplätze werden“.

Entlang der Nordspange nach Leubas

Wie Hold erklärte, sei das Landschaftschutzgebiet (LSG) an der Nordspange beim Biomassehof „kein richtiges“, da auf dem ehemaligen Bundeswehrgelände viele Bunker seien und somit viel Fläche versiegelt. Dort soll, wie mehrfach berichtet, die Firma Kutter künftig beheimatet sein, was laut Hold „formal nicht ganz einfach“ sei, denn dafür müsse das jetzige LSG verkleinert werden. Da es im Zuge dessen auch verbessert werden könne, befürworte selbst der Bund Naturschutz das Vorhaben.

Als „immens wichtig für Kempten“ bezeichnete Hold den Neubau der Firma Ceratizit im Gewerbegebiet Leubas Süd, betonte aber auch, es „war uns wichtig, dass wir Abstand zu Leubas halten“, worauf aus dem hinteren Teil des Busses ein leises „Noch“ zu vernehmen war.

Dauerthema Bachtelweiher

Bei der Fahrt durch die Bachtelsiedlung wurde deutlich, dass manche Straßen für den Busverkehr einfach „oft nicht geeignet sind“. Deshalb sei der Freie Wähler-Ansatz, so Hold, vor dem 100-Euro-Ticket insgesamt Verbesserungen anzustreben. Die Problematik Bachtelweiher fasste er knapp zusammen: Wenn man nichts unternehme und die 60.000 Kubikmeter Schlamm nicht entnehme, werde der 500 Jahre alte Weiher verlanden und verloren gehen. Es gebe eine Möglichkeit ihn für 1,3 bis 1,4 Millionen Euro zu retten. Das Kemptener Freibad fahre jährlich ein Defizit von 700.000 bis 800.000 Euro ein, zog er einen Vergleich. Mit den eben erhaltenen 350.000 Euro Zuschuss aus dem Bayerischen Nachtragshaushalt „haben wir noch nicht gewonnen“, aber man sei ein Stück weiter.

Breslauer Straße

Bei zusätzlichem Wohnungsbau in der Stadt sei es in jedem Fall vorzuziehen, in die Höhe statt in die Fläche zu bauen, meinte Hold zu den Plänen der BSG für die Wiese an der Breslauer Straße. Und wenn „wir es in Kempten nicht machen“, dann mache es eben das Umland, „mit noch mehr Flächenverbrauch“, einfach, weil dort mehr Fläche verfügbar sei. Darüber hinaus müsse die Stadt letztendlich die Infrastruktur, z.B. Schulen, für die Menschen aus dem Umland zur Verfügung stellen, „die Steuern bleiben aber im Speckgürtel“. Auch das Pendlerproblem würde sich seines Erachtens dann verschärfen.

Kempten-West

Zwar stehe im derzeitigen Flächennutzungsplan (er soll wie seitens Stadt angekündigt zeitnah neu aufgestellt werden), dass rechts dem Isny-Bähnle nichts mehr bebaut werden dürfe. Dennoch bezeichnete Zacherle es als „Riesenglück für die Stadt“, dass diese ein großes Grundstück von den Hoefelmayr-Erben habe erwerben können. Nun „können wir uns nach Süden entwickeln“.

Ein anderes Grundstück wäre laut Hold „optimal gewesen“ für die angedachte 10. Grundschule: die grüne Wiese gegenüber dem Stadtbad im Besitz des Bauern Ott. „Aber das Grundstück ist nicht zu haben.“ So werde derzeit eine Option beim Kletterzentrum geprüft sowie eine im Calgeerpark, wo alternativ über betreutes Wohnen nachgedacht werde.

Stadtpark

Beim Stadtpark sei alles viel komplizierter als angenommen, ging Hold auf die Diskussionen um dessen Neugestaltung ein. „Die blöden Saatkrähen“ würden leider unter Schutz stehen, der Naturschutz müsse berücksichtigt werden, auch sei es schwierig, im Schatten unter den vielen alten Bäumen etwas anzupflanzen. „Im Moment sieht es ein bisschen dürftig aus“, räumte er ein, aber das sei halt so, wenn man einen Park unbedingt vor dem Mai einweihen müsse. „Ohne Kommunalwahl wäre es vielleicht im August gewesen.“

Und was die ZUM betrifft, die hätte Zacherle damals lieber am Alten Bahnhof gesehen, da es „hier keine Entwicklungsmöglichkeiten gibt“. Der Stadtrat habe seinerzeit aber leider mit 24 Stimmen für den Königsplatz entschieden, wie er sich erinnerte.

Und doch, schloss Zacherle versöhnlich: Man könne sagen „Kempten ist eine schöne Stadt“.

Über eine ungeplante „Begegnung“ in der Nähe vom Cambomare schmunzelte Hold besonders. Da wurden Bürgermeisterin Sibylle Knott (Freie Wähler) und Erwin Hagenmaier (CSU) beim gemeinsamen Plakatieren gesichtet. Als Foto „hätte es Seltenheitswert, dass Erwin Hagenmaier für Sibylle Knott Wahlplakate klebt“, feixte er.

Christine Tröge r

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