Internationales Kammermusikfestival 2017

Schätze aus der "Schublade"

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Eine Besonderheit des Festivals sind die zum Teil öffentlichen Proben, hier mit Oliver Triendl am Klavier. Der Cellist Peter Bruns (hinten li.) und der Kontrabassist Gunars Upatnieks (hinten r.) sind auch 2017 wieder mit von der Partie.

Die Frauen stehen beim diesjährigen internationalen Kammermusikfestival ­CLASSIX Kempten vom 24. September bis 1. Oktober im Mittelpunkt. Auch heuer begeben sich Konzert- und Probenbesucher auf eine vielversprechende musikalische Entdeckungsreise.

Nachdem das Festival in früheren Jahren geografischen Regionen wie Osteuropa, Nordamerika oder dem Wien um 1900 gewidmet war, geht es in diesem Jahr um die Werke von Komponistinnen. „Wir wollen keinen feministischen Aktionismus entfalten, sondern etwas von der unerhörten Vielfalt präsentieren, die von weiblichen Komponisten geschaffen wurde“, stellt Festivalorganisator Dr. Franz Tröger gleich zu Beginn der Programmvorstellung am Montag klar. Es gebe nämlich „ganz unglaubliche Sachen“ zu entdecken.

Der Künstlerische Leiter Oliver Triendl von CLASSIX Kempten ist dafür bekannt, gewohntes Terrain zu verlassen und dem Publikum wenig beachtete musikalische Schätze zu präsentieren. Mit Erfolg: Das Festival geht dieses Jahr in die zwölfte Runde.

Neben Clara Schumann, ­Lili und Nadia Boulanger und ­Luise Adolpha Le Beau stehen auch unbekanntere Namen auf dem abwechslungsreichen Programm: Darunter die 34-jährige Japanerin Yukiyo Takahashi, auf die Triendl bei einem Festival in Tokio stieß, oder die Tschechin Vítezslava Kaprálová, deren Werke nach dem 2. Weltkrieg in Vergessenheit geraten waren und erst ab den 1990er Jahren wieder aufgeführt wurden. Musik von insgesamt 15 Komponistinnen aus dem 19., 20. und 21. Jahrhundert in den unterschiedlichsten Besetzungen und Stilrichtungen gibt es zu hören. Vom dramatisch-grotesk anmutenden Klavierquartett „Dreamscape“ der mehrfachen Preisträgerin YoungWoo Yoo aus Südkorea, Jahrgang 1983, über die spielerische Suite (1945) für Bläserquintett der Norwegerin Margarete Hall bis hin zu den traurig-dramatischen Klängen Zara Levinas „Poeme“ für Viola und Klavier.

Manche der Frauen kämpften für ihre Anerkennung, wie Tröger erklärte. Ethel Smyth arbeitete zeitlebens daran, als gleichwertige Komponistin gesehen zu werden. Ihr bekanntestes Werk „March of Women“ wurde zur Hymne der Frauenbewegung in England. Bei CLASSIX Kempten wird ihr Streichquintett in E-Dur op. 1 zu hören sein.

Weniger Erfolg hatte Romantikerin Fanny Hensel, Schwester des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy. Ihr Werk wurde erst 1965 veröffentlicht, weil die Familie eine Aufführung und Publizierung zu Lebzeiten nicht gestattete.

Tröger, der für das Programmheft zuständig ist, hatte teils große Probleme, an Informationen zu den Komponistinnen zu kommen. Selbst das Internet war ihm da keine große Hilfe, wie er sagte.

Katia Tchemberdji ist Composer-in-Residence

„Trotz Besserungstendenzen werden die Werke weiblicher Komponisten nach wie vor weniger oft aufgeführt und beachtet als die ihrer männlichen Kollegen“, erklärte Tröger. Warum das so ist und ob sich weibliches Komponieren von männlichem unterscheidet, diesen Fragen wird Stefan Lang, Redakteur des Deutschlandfunks im Komponistengespräch nachgehen. Seine Gesprächspartnerin: die diesjährige Composer-in-Residence Katia Tchemberdji. Tröger: „Sie zählt zu den renommierten Vertreterinnen mit vergleichsweise guter Präsenz im Konzertbetrieb.“

Die überwiegend kammermusikalischen Werke der gefragten Pianistin und Komponistin finden international große Beachtung. Die gebürtige Russin mit Wohnsitz in Berlin wurde in eine musikalische Familie hineingeboren. Auch Stücke ihrer bekannten Großmutter ­Zara ­Levina stehen beim Festival auf dem Programm. Über ihre Erfahrungen, Probleme und Herausforderungen als Komponistin Anfang des 20. Jahrhunderts wird Tchemberdji also ebenfalls berichten können.

Traditionell werden mehrere Werke des Composer-in-Residence bei CLASSIX Kempten vorgestellt. Beim Samstagskonzert können die Zuhörer dieses Jahr auch die Uraufführung eines Horntrios von Tchemberdji erleben.

Tradition hat mittlerweile auch das außergewöhnliche Konzept von CLASSIX Kempten: Rund 20 Spitzen-Musiker aus ganz Europa kommen zusammen und erarbeiten sich die für sie meist unbekannten Stücke in öffentlichen Proben. Dieses Jahr ist auch der Anteil an weiblichen Musikern höher als bei früheren Festival-Ausgaben. Einmal mehr dabei sind heuer: Lise Berthaud (Viola), Hariolf Schlichting (Viola), Peter Bruns (Violoncello), Gunãrs Upatnieks (Kontrabass), Bengt Forsberg (Klavier), Nina Karmon (Violine) und Eriikka Maalismaa (Violine). Die Proben finden wieder im THEaterOben und der Stadtsäge des Allgäuer Überlandwerks statt. Weitere Infos gibt es im Internet auf der Seite www.classix-kempten.de.

Karten für die sechs Konzerte gibt es ab Montag, 19. Juni, in der Geschäftsstelle des Kreisboten Kempten in der Salzstraße 30, 0831/25 28 310.

Susanne Kustermann

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