"Da steckt mehr dahinter"

Seine Sicht der Dinge ecken durchaus an. Aber das stört Abtprimas Dr. Notker Wolf nicht. Und so nimmt der aus Bad Grönenbach stammende Vorsteher von weltweit 24000 Mönchen und Nonnen des Benediktinerordens als gefragter Redner genauso wenig ein Blatt vor den Mund, wie er es in seinen zahlreichen Buchveröffentlichungen tut. Auf Einladung des Lions-Clubs Kempten-Buchenberg verkündete der wortgewaltige Mann jetzt „Weitere ketzerische Gedanken“ vor 550 begeisterten Zuhörern im ausverkauften Kemptener Kornhaus.

Zwar sei es nicht gut, jetzt „kopfscheu“ zu werden, aber die „rosarote Brille“ hielt er angesichts der Wirtschaftskrise und des Stück für Stück weg brechenden Marktes auch nicht für angebracht. Im Wahljahr „ist die Regierung sehr auf die Bürger bedacht“, polterte er gegen die Vernebelungsstrategie unter anderem durch Kurzarbeit. Im Gegensatz zur Regierung schaue ein Unternehmer auf erreichbare Ziele, und „ich glaube nicht, dass Politiker gute Unternehmer sind“, wies er auf das Desaster schon bei den Landesbanken hin. Bei der Diskussion um Manager werde, wie er meinte, gern übersehen, dass „die Milliarden bei der Finanzblase“ von unsichtbaren Läuten abgezockt worden seien. „Nur wenige Manager haben versagt“, aber die hätten damit die Vorbildfunktion aller zerstört. Bei Politikern sei das schon lange so und „uns Kirchenleuten geht es auch an den Kragen“, verschonte der Abtprimas auch die eigenen Reihen nicht. Sorge bereite ihm der Schuldenberg, der nach seiner Einschätzung „offensichtlich einfach abgeschrieben werden soll“. Die Abwrackprämie prangerte er als „kurzfristiges Wahlmanöver“ an, das sich weniger an betriebswirtschaftlich sinnvollem Handeln orientiere als an Wählerumfragen. Dass sich China unter anderem durch den Aufkauf der Bodenschätze oder ein erneutes in Frage stellen der Weltwährung Dollar noch bemerkbar machen werde, stand für ihn außer Frage. Deshalb sei es wichtig die Dinge realistisch anzugehen „und nicht in Wunschdenken zu verfallen“. Seines Erachtens fehlten Visionäre für die globalisierte Welt und auch Europa. Der Mensch bestehe eben „nicht nur aus Kopf und Portemonnaie“, sondern brauche etwas das ihn mit dem Herzen für Europa begeistere. Auch wenn viele muslimische Mitbürger gut an einer Basis mitarbeiteten, müsse man beispielsweise „sehr deutlich sein“, Moscheen nicht gegenüber Kirchen zu errichten, denn „da steckt mehr dahinter“, so seine Überzeugung. Religion ohne Bedeutung Er bedauerte den Schwund an Werten seit „Glaube und Religion keine Bedeutung mehr haben“, was man durch Gesetze zu kompensieren versuche. Besonders für Kinder seien Normen und Regeln aber sehr wichtig. Skeptisch sah er den Trend, Kinder schon früh in KiTas zu stecken, „dass sie möglichst schnell wirtschaftstauglich werden“. Es seien zwar wichtige Einrichtungen für Allein erziehende, aber in seinen Augen der falsche Ansatz, um erst einmal Mensch zu werden. Wolf betonte die Wichtigkeit, schon früh „Fragen und Nachbohren“ zu fördern, da „die Bereitschaft zu Hinterfragen“ für eine Zukunft in Freiheit entscheidend sein werde. Seinen Unmut über den vorherrschende Hang, sich bevormunden zu lassen und die „Verantwortung abzugeben“, verbarg Wolf nicht. Man brauche Sicherheit, räumte er ein, aber „es ist erstaunlich, wie Leute die totale Überwachung hinnehmen“, beispielsweise am Flughafen. Da „verzichte ich gern auf etwas Sicherheit“, machte er deutlich, denn „diese Bevormundung ist eine unglaubliche Frechheit“. Er vermisste den Respekt vor der „Individualität des anderen“ der oft zu einem „menschenverachtenden Umgang miteinander“ führe. „Guantanamo droht uns überall“, wetterte er darüber, wie „wir alle für dumm verkauft werden“. Bevor es im Kemptener Kornhaus in die anschließende Runde für Publikumsfragen ging, frönte Wolf noch seiner Leidenschaft für Kammer- und auch Rockmusik. Satten Applaus erntete er so für sein Intermezzo auf der Querflöte mit Werken der klassischen Musikliteratur und „Locomotive Breath“ von Jethro Tull.

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