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Interview: Nach 21 Jahren Stadtjugendring geht Stefan Keppeler neue Wege

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Stefan Keppeler Interview nach ausscheiden SJR Kempten im April 2022
Stefan Keppelers Ziel ist es, einen regelmäßigen Austausch zwischen Kempten und Israel zu etablieren. © privat

Kempten - »Mein Herz schlägt für Israel«, sagt Stefan Keppeler im Interview. Vor einem Jahr schied er beim Stadtjugendring aus, sein neues Projekt hat mit Israel zutun.


In der Zwischenzeit ist viel passiert. Stefan Keppeler hat jetzt mehr Freizeit, aber auch neue Aufgaben und ein Herzensprojekt in Angriff genommen. Mit dem Kreisboten sprach der 46-Jährige über die Herausforderungen der Jugendarbeit in Kempten, seine neuen Projekte und was er von der Legalisierung von Cannabis in Bezug auf den Jugendschutz hält.

Herr Keppeler, Sie haben nach 21 Jahren beim Stadtjugendring aufgehört, warum eigentlich?

„Aus gesundheitlichen Gründen. Ich habe in diesen 21 Jahren drei Bandscheibenvorfälle gehabt. Das kam sicher nicht von ungefähr. Es war u.a. die Belastung. Mir war klar, ich muss etwas verändern. Die letzte Amtszeit von zwei Jahren wollte ich nutzen, um einen Nachfolger einzuarbeiten und alles geordnet zu übergeben. Laut Satzung wäre nach 23 Jahren sowieso Schluss gewesen. Wer hätte gedacht, dass das Ausscheiden dann so überschattet sein würde von der Coronapandemie. Es gab bisher noch keine große Verabschiedung mit einem Fest, das macht mich schon traurig.“

21 Jahre sind eine lange Zeit, was treibt einen da an und wie viel Zeit hat ihr Ehrenamt in Anspruch genommen?

Stefan Keppeler: „Pure Leidenschaft! Dass es ein Ehrenamt war, ist vielen gar nicht bewusst gewesen. 24 Jahre bin ich mit meiner Frau verheiratet, 21 Jahre war ich beim Stadtjugendring. Ich war, überspitzt gesagt, nie zuhause. In den Veranstaltungsmonaten zwischen Juni und September hat die Arbeit für den SJR bestimmt 40 bis 50 Stunden im Monat eingenommen. Besprechungen habe ich oft in die Mittagspause gelegt. Im Nachhinein frage ich mich manchmal selbst, woher die Zeit kam. Seit beim Stadtjugendring Schluss ist, habe ich jedenfalls 15 Kilo abgenommen und mehr Zeit für Sport und regelmäßiges Essen. Das war der positive Nebeneffekt.“

Sie haben sich den Freien Wählern angeschlossen. Was hat Sie dazu bewegt?

Keppeler: „Ich bin Geschäftsführer der Stadtratsfraktion der Freien Wähler geworden, denn leider hat mein Einzug in den Stadtrat nicht geklappt. So habe ich trotzdem die Möglichkeit, für die Fraktion zu arbeiten, u.a. für die Interessen der Jugendlichen – das wird mich weiter beschäftigen – aber auch für die Stadtgesellschaft insgesamt. Was mir gefällt, ist, dass es keine starre parteipolitische Programmatik gibt. Die Freien Wähler sind sachorientiert und entscheiden nach dem Zeitgeist. Was vor 20 Jahren vielleicht falsch war, kann heute richtig sein. So muss man, meiner Meinung nach, an schwierige Themen herangehen, und nichts kategorisch ablehnen.“

So wie die Cannabis-Legalisierung?

Keppeler: „Es ist wirklich eine sehr schwierige Entscheidung. Wenn man Cannabis legalisiert, dann setzt man es mit Alkohol gleich. Egal ob Alkohol oder Cannabis, sobald der Konsum exzessiv wird, ist es gefährlich und ein Problem. Das heißt, die Legalisierung muss auf jeden Fall begleitet werden von einer Aufklärungskampagne. Ein Verbot hindert Jugendliche nicht am Konsum, nur Aufklärung über die Substanzen und ihre Wirkung im Körper. Befähigen statt verbieten! Das ist noch die DNA des Stadtjugendrings in mir.“

Meinen Sie Kampagnen wie „Leben statt schweben“?

Keppeler: „Die Initiative Leben statt schweben ist 2003 gestartet, weil Alkopops damals so populär waren und wir zunehmend mit dem Phänomen Komasaufen konfrontiert waren. Die Alkopops schmecken süß, der Zucker transportiert den Alkohol noch schneller ins Blut, das war ein gefährlicher Cocktail. Wir wollten aber nichts verbieten, sondern aufklären. Der SJR bekommt viel über das Jugendamt und das Amt für Jugendarbeit mit sowie aus den eigenen Jugendzentren. Er greift dann auf, was gerade den Zeitgeist trifft. Das war Alkohol, dann waren es weiche Drogen, dann haben wir festgestellt, dass es ja auch eine Mediensucht gibt.“

Haben sich Jugendliche durch Social Media verändert?

Keppeler: „Was wir insgesamt mit diesen Medien feststellen, ist, dass die Jugendlichen unverbindlicher werden. Früher hat man sich ohne Handy einfach in der Schule verabreden müssen: ,Wir treffen uns um 16 Uhr im Freibad.‘ Jetzt muss sich der Jugendliche nicht mehr festlegen, er kann sagen, ich schau mal‘, man kann ja kurzfristig vor dem Termin per Handy absagen. Das hat die Verbindlichkeitskultur und das Committment verändert. Auch Mobbing ist ein großes Thema. Das musste früher physisch stattfinden, vor Ort sozusagen, und war auf den Klassenverband beschränkt. Jetzt ist es viel leichter, auch anonym im Netz zu mobben, gleichzeitig hat es dort auch eine viel größere Reichweite.“

Neben fehlendem Committment wurde der Jugend auch Politikverdrossenheit vorgeworfen. Wie sehen Sie das?

Keppeler: „Wir wollten den Gegenbeweis antreten. Das Format der ,Wahlparti‘ startete das erste Mal 2017 im Künstlercafé und beweist, dass Jugendliche politisch sehr interessiert sind und auch sachlich und auf hohem Niveau diskutieren können. In den Workshops vor Kommunal-, Landtags-, und Bundestagswahlen werden mit den Jugendlichen Unterschiede bei Partei- und Wahlprogrammen hinsichtlich jugendrelevanter Themen herausgearbeitet. So werden auch Dinge sichtbar, die nicht von den Medien aufgegriffen werden. Die Jugendlichen sind meiner Meinung nach nicht Politikverdrossen, sondern eher Parteiverdrossen. Und das sieht man jetzt wunderbar bei der Bewegung ,Fridays for Future‘ und dem Thema Klimaschutz. Das Thema Klima ist momentan ganz oben auf der Agenda und das ist ein Verdienst der Jugendlichen. Sie mussten radikal auf sich aufmerksam machen.“

Es hat sich viel entwickelt während der letzten 21 Jahre SJR. Gibt es etwas, was sich gar nicht verändert hat, Forderungen, die noch immer aktuell sind?

Keppeler: „Eine der jugendpolitischen Forderungen war z.B. immer ein Abendbus nach 20 Uhr. Beim ÖPNV hat sich so gut wie nichts verändert in den letzten 20 Jahren. Ich weiß nicht, was man da noch benennen muss und sagen muss. Meiner Meinung nach sind Elterntaxis mehr geworden. Wenn bereits der Schulbusverkehr für den Jugendlichen ein Stressfaktor ist, wird er auch als Erwachsener nicht den ÖPNV nutzen wollen. Eine andere Forderung von uns im SJR war immer ein Paradigmenwechsel im Umgang mit Freiräumen für Jugendliche im Stadtgebiet: Warum muss ich mit einer Grünanlagensatzung Alkohol auf allen Grünanlagen in Kempten verbieten? Nur weil es einmal im Jahr in einer kurzen Periode Probleme mit abschlussfeiernden Jugendlichen gibt. Leider wird viel zu selten anerkannt, wie viel Jugendliche selbst organisiert zu Stande bringen. Ein Verbot reizt den Jugendlichen immer, Nischen zu suchen und das Verbot zu umgehen.“

Ihr letztes Jahr als Vorsitzender des SJR fiel mit der Coronakrise zusammen, wie hat die Pandemie die Arbeit des SJR beeinflusst?

Keppeler: „Digitalisierung war immer mein Steckenpferd. Und wir beim Stadtjugendring waren mit der Digitalisierung eigentlich schon durch, bevor Corona kam. Fünf Jahre vor der Coronapandemie haben wir bereits alle Daten zentralisiert, haben damals schon das Tool Microsoft Teams gehabt für Videokonferenzen. Das heißt, als dann die Pandemie kam, waren wir bereits vorbereitet und konnten sofort auf digitale Formate umschwenken. Wir waren auf Knopfdruck handlungsfähig. Wir konnten auch den Jugendlichen ein digitales Jugendzentrum anbieten, um Kontakt zu halten. Dort konnten Jugendliche auch mal ihren Frust ablassen und sich mit Freunden austauschen.“

Gab es denn viel Frust bei den Jugendlichen?

Keppeler: „In der Coronazeit gab es das Wort Jugendliche gar nicht mehr, sondern es gab nur noch Schülerinnen und Schüler. Der Jugendliche wurde auf die Schule reduziert, das ist mir aufgefallen. Andere Bedürfnisse hatte der Jugendliche nicht zu haben. Leistung sollte er weiter erbringen, aber mit Freunden durfte er sich nicht treffen. Kinder und Jugendliche haben unter den Coronabestimmungen am meisten gelitten. Verbandsarbeit ist per se gestoppt. Es wird eine riesige Herausforderung Jugendliche wieder zu motivieren, dass sie beispielsweise zu den Pfadfindern, zu den Johannitern oder in die kirchlichen Jugendgruppen gehen. Das ist alles eingeschlafen. Ein Restart ist notwendig, weil es um mehr geht als Schulnoten. Es geht natürlich auch darum, den Schulstoff nachzuholen, aber viel wichtiger ist die Sozialkompetenz nachzuholen. Zudem müssen die Verbände bald mit einer Ganztagsschule konkurrieren. Diese große Herausforderung steht meinem Nachfolger bevor.“

Haben Sie Tipps für den neuen Vorsitzenden Thomas Wilhelm?

Keppeler (lacht): „Immer offen sein für die Menschen, deren Anliegen und Bedürfnisse. Aber trotzdem selektieren, was dient der Gemeinschaft, was dient den Jugendlichen. Nicht alles, was an einen herangetragen wird, ist richtig und wichtig. Sich nicht vor jeden Karren spannen lassen, sondern bei sich bleiben, das ist mein Rat.“

Sie haben den Stadtjugendring hinter sich gelassen, nun engagieren Sie sich für ein familienfreundliches Kempten. Was sind Ihre nächsten Projekte? Werden Jugendliche weiterhin eine Rolle spielen?

Keppeler: „Beim Aktionskreis familienfreundliches Kempten e.V. bin ich zum Vorsitzenden gewählt worden. Da gehört dann der Jugendliche dazu, aber auch zum Beispiel die pflegebedürftigen Großeltern. Der AfK hat die Aufgabe, alle sozialen Träger in der Stadt zu Bündeln und die Angebote zu synchronisieren. Mein Herz schlägt für Israel, nicht nur für das wunderbare Land, sondern auch für die herzliche Art der Menschen, die dort leben. Mein Ziel ist einen regelmäßigen Austausch mit Jugendlichen zu ermöglichen. Letztes Jahr startete schon ein digitaler Austausch zwischen dem Hildegardis-Gymnasium und der Gymnasium Rehavia u.a. mit einer Stadtführung mittels VR-Brillen oder digitalen Escape Rooms. Auch die Erinnerungskultur mit dem Holocaust möchten beide Seiten in den nächsten persönlichen Treffen vertiefen und in ein neues Erleben bringen. Denn die überlebenden Zeitzeugen werden uns leider nicht mehr lange persönlich berichten können. Wir müssen eine zukunftsgerichtete Freundschaftskultur entwickeln, dass sich diese Geschehnisse nie mehr wiederholen. Weitere Schulen sind schon interessiert, aber auch die ehrenamtlichen Jugendverbände haben die Möglichkeit, mit Partnerorganisationen durch einen tragfähigen und nachhaltigen Austausch Freundschaften aufzubauen. “

Vielen Dank für das Gespräch!

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