Sterbehilfe Thema einer von der SPD organisierten Podiumsdiskussion

"Wichtig bis zum letzten Atemzug"

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Eine lebendige Diskussion entbrannte zwischen den Diskutanten und Zuhörern der Podiumsdiskussion „Entscheidung am Lebensende“: (v.l.) Dr. med. Andreas Baumgarten (Chefarzt Innere Medizin Klinikum Kempten-Oberallgäu), 3. Bürgermeister Josef Mayr, Pfarrer Klaus Dotzer (verdeckt), Moderatorin Katharina Schrader, MdB Dr. Karl-Heinz Brunner und Franz Josef Koller (Kontaktstellenleiter Südbayern der Deutschen Gesellschaft f. Humanes Sterben e.V.).

Kempten – Derzeit diskutiert der Deutsche Bundestag das Thema Sterbehilfe. Durch eine etwaige Gesetzesnovelle soll den betroffenen Patienten, Angehörigen und Ärzten neue Rechtssicherheit gegeben werden. Zu diesem Themenkomplex lud die SPD Kempten am Montagabend zur Podiumsdiskussion „Entscheidung am Lebensende“ in das Haus St. Raphael ein.

Grundsätzlich wird zwischen der indirekten und passiven Sterbehilfe, der Beihilfe zur Selbsttötung und der aktiven Sterbehilfe unterschieden. Als passive Sterbehilfe gilt der Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen bei einer tödlich verlaufenden Krankheit oder Verletzung. Diese Art der Sterbehilfe ist zulässig, wenn eine grundsätzliche Willenserklärung des Patienten vorliegt oder von Angehörigen der Sterbewunsch des Patienten glaubhaft nachgewiesen werden kann. Die indirekte Sterbehilfe liegt dann vor, wenn einem todkranken Patienten mit dessen Einverständnis schmerzlindernde Medikamente verabreicht werden, die aber den Todeseintritt beschleunigen.

Aktive Sterbehilfe ist das direkte Töten eines Menschen. Zum Beispiel durch Setzen einer tödlichen Infusion. Diese Art der Sterbehilfe ist grundsätzlich verboten, gilt als Totschlag und ist mit mindestens fünf Jahren Haft strafbewährt. Bei der Beihilfe zur Selbsttötung liegt der letzte Schritt zur Selbsttötung in der Hand des Sterbewilligen. Bei der Beihilfe zur Selbsttötung liegt eine unklare Rechtslage vor. Es ist für einen Angehörigen zulässig einem Sterbewilligen eine Überdosis Schlaftabletten in die Hand zu drücken. Schluckt der Suizidwillige diese dann, muss der Angehörige unverzüglich den Notarzt alarmieren. Geschieht dies nicht, kann eine unterlassene Hilfeleistung vorliegen.

Zu all diesen unterschiedlichen Formen der Sterbehilfe führten die Diskutanten der Podiumsdiskussion eine bisweilen aufgeregte Diskussion. Die einleitenden Worte zur Debatte sprach das SPD-Mitglied des Deutschen Bundestages, Dr. Karl-Heinz Brunner. Dieser verwies darauf, das Selbstbestimmungsrecht der Patienten zu stärken und Menschen mit irreversibel zum Tode führenden Krankheiten die Möglichkeit zu geben, den Wunsch nach einer ärztlichen Hilfeleistung bei der selbst vollzogenen Lebensbeendigung zu äußern. Brunner sieht nicht so sehr die Notwendigkeit gesetzlicher Neuerungen, sondern schlägt vor, den Ärztestand in der Entscheidungsfreiheit bei der Beurteilung von Freitodgedanken von Patienten zu stärken. Vehement lehnt der Bundestagsabgeordnete der SPD aber die Zulassung von Sterbehilfeorganisationen mit gewerblicher Gewinnabsicht ab.

Dieser Haltung schloss sich grundsätzlich auch Franz Josef Koller von der Gesellschaft für Humanes Sterben e.V. an. Es soll mehr Rechtssicherheit für Ärzte geben. Viele Ärzte, so weiß Koller aus langjähriger Erfahrung zu berichten, wünschen sich im Rahmen von fachlichen Leitlinien ihre Therapiefreiheit in der Behandlung todkranker Menschen zu erhalten. Keinesfalls würden sich diese eine verschärfte strafrechtliche Regulierung ihres Handelns wünschen.

Als Vertreter der Ärzteschaft war der Chefarzt für Innere Medizin vom Klinikum Kempten-Oberallgäu, Dr. med. Andreas Baumgarten, geladen. Als Arzt mit einschlägiger Erfahrung mit Sterbenskranken auf einer Inneren Abteilung argumentierte dieser behutsam. Stellt sich eine Erkrankung als letal dar, ändert sich für den Chefarzt das Behandlungsziel. Mit Hilfe der Palliativmedizin soll dann dem Patienten ein möglichst schmerzfreies, friedliches Sterben ermöglicht werden. Zur ärztlichen Hilfestellung bei Suizidwilligen bleibt Dr. med. Baumgarten skeptisch. „Du sollst nicht töten“ ist das Gebot, an das der Arzt glaubt.

Das tut auch der eingeladene Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde St. Mang, Klaus Dotzer. „Wenn sich rund 70 Prozent der deutschen Bevölkerung eine straffreie aktive Sterbehilfe vorstellen könnten, dann wohl nur, weil die Befragten Gesunde wären“, so Dotzer und führt fort: „Man kann in seinem Leben auch neues entdecken, gerade weil dieses vielleicht nicht mehr uneingeschränkt möglich ist.“

Lobend hob er die Arbeit des Hospizsvereins Kempten-Oberallgäu e.V. hervor und gab das Wort weiter an dessen Vorsitzenden, Kemptens 3. Bürgermeister Josef Mayr. „Jeder Mensch ist wichtig, bis zu seinem letzten Atemzug“, das war wohl der Satz des Abends, den Josef Mayr seinen Ausführungen voranschickte. Für ihn sollte der Fokus auf der Stärkung der Palliativmedizin liegen. Der bekannte Lokalpolitiker räumte auf Zuruf aus dem Publikum ein, dass hier zukünftig mehr Geld ausgegeben werden muss. So soll im Hospiz Kempten die Bettenzahl von derzeit acht auf 16 verdoppelt werden. „Unersetzlich sei die ehrenamtliche Hilfe der Sterbebegleiter, die vielen Sterbenden bei der Bewältigung ihrer Einsamkeitsgefühlen helfend zur Seite stünden“, so Mayr weiter.

Zum Ende der Diskussion berichteten Zuhörer von eigenen Erfahrungen mit dem Sterbewillen von Angehörigen. Viele wünschten sich eine Stärkung der ärztlich assistierten Hilfeleistung bei Sterbewilligen, andere wie Dr. med. Andreas Baumgarten sehen weiterhin eine Unschärfe zwischen ärztlich assistierten Suizid und aktiver Sterbehilfe.

Von Jörg Spielberg

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