Stornierte Reise landet vor dem Kemptener Landgericht

Unerwartete Erkrankung - geplatzter Reisetraum

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Kempten – Anfang 2020 wollten die Kläger, ein Ehepaar, eine viermonatige Weltreise mit dem Schiff unternehmen, die sie am 6. März 2018 gebucht hatten. Für den Fall einer unerwarteten Erkrankung wurde zudem am 21. März 2018 eine Reiserücktrittsversicherung abgeschlossen.

Einen Tag nach Abschluss des Versicherungsvertrages erhielt die Ehefrau die Diagnose Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS genannt, so die Ausführungen in der Klageschrift. Eine seltene, unheilbare Krankheit mit tödlichem Verlauf, durch die es für die Patientin nicht mehr möglich war, die Reise anzutreten. Die Eheleute stornierten die Reise. Die Versicherung lehnt bis heute die Erstattung einer bereits geleisteten Anzahlung über circa 8.000 Euro an die Costa-Reederei ab. Für sie sei die Krankheit ALS aufgrund der, vor der Reisebuchung vorhandenen Beschwerden, eine bereits bekannte Erkrankung gewesen. Zu dem Prozess vor dem Landgericht Kempten waren letzten Montag verschiedene Ärzte geladen, die die erkrankte Ehefrau seit Anfang 2018 konsultierte. Es gab verschiedene Verdachtsdiagnosen, die aber nicht bestätigt wurden, so die Aussagen der befragten Haus- und Fachärzte während der Beweisaufnahme. Im November 2017 habe seine Frau unter leichten Schluckbeschwerden, vermehrtem Speichelfluss und einer leichten Kraftlosigkeit in den Fingern der rechten Hand gelitten, beschrieb ihr Ehemann die ersten Symptome. So konnte sie mit der rechten Hand kein Papier mehr festhalten, es sei ihr einfach entglitten. Für ihn und seine Frau unklare, nicht erklärbare Beschwerden. Dr. Wolfgang Hausotter, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie aus Sonthofen, bei dem sie sich im ersten Quartal des Jahres 2018 vorstellte, sah in den Krankheitssymptomen erstmals Hinweise auf die Krankheit ALS, was er seiner Patientin aber erst nach der bestätigten Diagnose vom 22. März 2018 durch Professor Ludolph von der Uniklinik Ulm mitteilte, so seine Aussage in der Beweisaufnahme. Seitdem befinde sich die Klägerin in Behandlung mit rasch fortschreitenden äußerlichen Zeichen ihrer Krankheit, so Hausotter. ALS sei eine sehr seltene, unheilbare Erkrankung des zentralen und peripheren Nervensystems. Es komme zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung spezieller Nervenzellen in der Hirnrinde und im Rückenmark, sogenannten Motoneuronen. Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind, erklärte der Facharzt. Die Muskeln erschlaffen und schwinden mit der Zeit, an Armen, Beinen und auch in den Atemorganen. Viele Patienten sterben am Ende, weil ihre Atemmuskulatur versagt. Angesichts dieses sich schnell verschlechternden Krankheitsbildes habe er eindringlich von der geplanten Reise abgeraten, betonte Hausotter. So könnten etwa die Schluckbeschwerden der Patientin auf hoher See oder im Flugzeug zu einem nicht kalkulierbaren Problem für sie werden. Seine Frau sei mittlerweile zu 100 Prozent schwerbehindert, könne nicht mehr selbständig sprechen, sondern nur noch mittels Sprachautomat, und sitze im Rollstuhl, beschrieb der Ehemann ihren aktuellen Gesundheitszustand. Der Vorschlag des Richters, sich gütlich zu einigen, wurde bisher von Kläger- sowie Beklagtenseite abgelehnt. An einem weiteren Prozesstag soll nun Stellung zum medizinischen Ergebnis genommen werden. Ein Urteil vor dem Landgericht Kempten könnte am 24. August 2020 gesprochen werden, so der vorsitzende Richter.

Christine Reder

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