"Stoßen an unsere Grenzen"

Im kleinen Kreis diskutierten jetzt Mitglieder des Allgäuer Aktionsbündnisses „Pflege im Aufbruch” mit dem Sozialexperten und Pflegekritiker Claus Fussek (3.v.l.) die Problematiken in der Pflege und wie man vom „vorherrschenden Leidbild zum konstruktiven Leitbild“ kommen könnte. Foto: moriprint

Pflege – ist es immer noch fünf vor zwölf? Oder gibt es bereits den Pflege-Kollaps? Im Allgäu haben sich nun über zwanzig Pflegeeinrichtungen zu dem Aktionsbündnis „Pflege im Aufbruch“ zusammengetan. Die dort versammelten Leitungs- und Fachpersonen sind das „allgemeine Lamentieren“ leid. Sie wollen die größten Herausforderungen im stationären Pflegebereich, insbesondere den drohen-den Personalnotstand, den übermäßigen Dokumentationsaufwand und mehr direkte Betreuungszeit für die Pflegebedürftigen aktiv angehen und Verbesserungen erreichen.

Mit einer Reihe von Veranstaltungen wollen die Mitglieder des Allgäuer Aktionsbündnisses „Pflege im Aufbruch“ auf die gegenwärtige Situation aufmerksam machen und konkrete Verbesserungsvorschläge entwickeln. Denn: „Würdevolle Pflege ist ein Menschenrecht“, so Dr. Philipp Prestel, Diplom-Gerontologe bei AllgäuStift in Kempten und Mitglied in der Steuerungsgruppe. In einer ersten Konferenz hat das Aktionsbündnis dazu den bekannten Pflegekritiker und Sozialexperten Claus Fussek aus München zum Fachgespräch ins Allgäu geholt. „Wir alle machen in den Heimen einen klasse Job, aber wir stoßen alltäglich an unsere Grenzen“, meinte Mitinitiator Ulrich Gräf, Geschäftsführer der Allgäu-Pflege gGmbH aus Sonthofen, einleitend. Der demographische Wandel, die vermehrte Bürokratie und die ausufernde Administration, die Wünsche der Bewohner, die Ansprüche der Angehörigen und der fehlende Nachwuchs seien bereits in der Gegenwart kaum noch händelbar. „Wenn Sie die Weichen für die Zukunft stellen wollen, muss es einen Paradigmenwechsel geben“, argumentierte Fussek. „Der Angehörige ist nicht nur Erbe, sondern selbst in der Verantwortung zur Mithilfe!“ Die Heime dürften nicht ihre Häuser „präparieren“, wenn sich Politikerbesuch ansagt, sondern „ungeschönt“ zeigen, wie die Realität ist. Gut vorstellen konnten sich Dr. Philipp Prestel, AllgäuStift-Geschäftsführer, und Wolfgang Grieshammer, Geschäftsführer der Diakonie Kempten-Allgäu, ein solidarisches Handeln bei der Reduzierung der immer stärker ausufernden Pflegedokumentation: „Wir sollten uns allgäuweit absprechen und für einen vorher festgelegten Zeitraum nur das dokumentieren, was wirklich nötig und machbar ist.“ Dafür erfuhren sie Zustimmung von Fussek und der weiteren Diskussionsrunde. Das Thema Nachwuchs sprachen insbesondere die Pflegedienstleiterinnen an. Es sei immer schwieriger, gute Pfle-gekräfte zu bekommen. Die Bewerberzahlen an den Schulen gehe zurück, das Auswahlverfahren leide darunter und die umfangreiche Ausbildung mit mehreren zusätzlichen Praktikumsphasen außerhalb des Ausbildungsbetriebs sei für ausbildende Heimbetriebe sehr belastend. Der Tipp des Pflegekritikers: „Geben Sie sich nicht mit unqualifiziertem Personal zufrieden! Das ist Ihre Fürsorgepflicht gegenüber dem Bewohner.“ Doch die Realität auf dem ausgedünnten Arbeitsmarkt lässt dies leider längst nicht immer zu. „Sagen Sie nicht, es ist alles spitze – plakatieren Sie, woran es fehlt, wo Sie an Grenzen stoßen. Dann können Politiker, Angehörige und die Bürger insgesamt später nicht sagen, sie hätten ja nichts gewusst“, so der gelernte Sozialarbeiter Fussek weiter. „Geben Sie den Schicksalen der Menschen ein Gesicht, indem Sie trägerübergreifend versuchen, die Funktionäre und Bürokraten aus den Ämtern in Augsburg und München zu den Pflegesatzverhandlung vor Ort zu holen.“ Fussek bemängelte auch die zahlreichen Qualitäts-Zertifizierungs-maßnahmen „Investieren Sie das Geld lieber in die Fort- und Weiterbildung Ihre Mitarbeiter.“ Dafür erntete er die breite Zustimmung der anwesenden Fach- und Führungskräfte aus dem Allgäu. Die Unternehmenskultur sowie die Fürsorge für das Personal sprach Grieshammer an: „Unsere Pflegekräfte schaffen sich auf.“ Fusseks Rat: „Fordern Sie Ihre Mitarbeiter auf, ihren Alltag zu beschreiben, machen Sie das öffentlich. Gehen Sie in die Offensive – Ihnen bleibt kein anderer Weg, wenn Sie etwas verbessern wollen.“

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