Virtuell statt physisch präsent

Studieren in Zeiten von Corona

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Für gewöhnlich ließe sich bei solch schönem Wetter nur schwierig der Mindestabstand auf dem Campus einhalten.

Kempten – Theoretisch hat für die über 6000 Studierenden an der Hochschule Kempten das neue Sommersemester mit dem 15. März begonnen.

Praktisch herrscht auf dem Campus gähnende Leere. Die Mensa ist geschlossen, die Bibliothek seit Montag letzter Woche zumindest wieder eingeschränkt geöffnet. Und wo sonst spätestens zur zweiten Vorlesung um kurz vor zehn Uhr der Kampf um den letzten Parkplatz beginnt, stehen derzeit nur vereinzelt Autos. Einzig und allein das Hochschulpersonal läuft einem gelegentlich über den Weg. Klar, Schuld daran ist COVID-19. Dennoch müssen Dozierende und Studierende irgendwie zusammenfinden, denn im Sommer stehen die Prüfungen an. Die Lösung: Online-Vorlesungen. Der Kreisbote hat nachgefragt, wie die Studierenden mit der ungewohnten Lebens- und Lehrsituation zurechtkommen.

Jana Hümmer und Hannah Kautnik studieren beide im sechsten Semester Sozialwirtschaft. Nachdem sie im vergangenen Halbjahr ihr Praxissemester erfolgreich absolviert hatten, war bei den beiden die Vorfreude auf den Campus-Alltag besonders groß. Und ebenso die Enttäuschung, als endgültig feststand, dass die Hochschule vorerst nicht wie gewohnt öffnen würde. Rund zwei Wochen dauerte es, bis ihre Fakultät den Vorlesungsbetrieb mittels Videokonferenz-Software umstellen und digital starten konnte.

„Am Anfang war das sehr ungewohnt. Ich fühlte mich bei angeschalteter Kamera durchgehend beobachtet“, erzählte Hümmer von ihren ersten Erfahrungen mit den Online-Vorlesungen. „Das Wort zu ergreifen, wie es sonst üblich ist, war etwas seltsam. Doch bereits jetzt, drei Wochen später, ist es zur Normalität geworden“, ergänzte Kautnik. Die Online-Lösung bringe sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich, sind sich die beiden Studierenden einig. So falle die zum Teil weite Anreise und lästige Parkplatzsuche am Morgen weg. 

Die Software stelle außerdem bestimmte Tools bereit, um schnell zwischen Frontalunterricht und Kleingruppenarbeit wechseln und erarbeitete Präsentationsergebnisse unkompliziert mit allen teilen zu können. Andererseits seien die Studierenden auf eine durchgehend stabil laufende Internetverbindung angewiesen, um den Vorlesungen folgen zu können. „Besonders vermisse ich die Gruppenarbeit von Angesicht zu Angesicht. Der eigentliche Flair des Studierens geht so weitestgehend verloren, da der Schwerpunkt auf der Literaturrecherche und weniger auf dem fachlichen Austausch untereinander liegt“, meinte Hümmer. Kautnik müsse sich mehr als sonst üblich motivieren, da sie ebenfalls bevorzugt im Team lerne. Trotzdem kann sie der Situation etwas Positives abgewinnen: „Ich sehe es jetzt als Chance, mich in Selbstdisziplin und Zeitmanagement zu üben.“ 

Der weitere Studienverlauf ist sowohl für sie als auch ihre Kommilitonin ungewiss. Denn ursprünglich sollte es für beide im siebten Semester ins Ausland gehen. Die Zusagen der Partnerhochschulen in Nordirland und Norwegen haben sie bereits erhalten, doch ob es aufgrund der Pandemie wirklich zum Auslandssemester kommen wird, ist längst nicht abzusehen. Doch nicht alle Veranstaltungen finden im virtuellen Raum statt. 

Selbststudium ist an der Tagesordnung. Manche Dozierende warten darauf, bis Präsenzveranstaltungen wieder erlaubt sind. Diese Erfahrung macht derzeit Moritz Bilger, der in Kempten Energie- und Umwelttechnik studiert. Einer seiner Professoren will die Vorlesung als Blockseminar im September, also in den Semesterferien, nachholen. Hinsichtlich der Online-Alternative gibt es für Bilger ebenso Vorzüge wie Einschränkungen. „Ich persönlich nehme an mehr Vorlesungen teil, weil ich nur kurz den Laptop oder das Smartphone einschalten muss“, und ergänzt lachend: „Außerdem fühlt sich niemand auf den Schlips getreten, wenn ich mir zwischendurch einen Kaffee mache.“ 

Woran es ihm hingegen mangele, sei das Ausreizen der digitalen Möglichkeiten sowie der direkte Austausch mit den Dozierenden. Des Weiteren merke er neben dem Studium in anderen Lebensbereichen die Auswirkungen durch das Coronavirus. Zusätzlich zum Studium sei er eigentlich in der Medienpädagogik tätig, doch diese Veranstaltungen könnten nun nicht stattfinden und er müsse sich ohne die eigentlich dadurch generierten Einnahmen finanzieren. Isabella Schäfter erlebt ihr letztes Semester ebenfalls unter besonderen Bedingungen. Die BWL-Studentin ist fast am Ende ihres Studiums angelangt. Lediglich die Bachelorarbeit will noch geschrieben werden. „Zum Glück habe ich mir meine Literatur vor der Schließung der Bibliothek besorgt. Doch das Online-Angebot mit zahlreichen Datenbanken war ja weiterhin uneingeschränkt verfügbar, sodass ich dahingehend gut zurechtkam“, so die Studentin. 

Was ihr allerdings fehle, sei die motivierende Lernatmosphäre auf dem Campus. „Langsam fällt mir in meiner kleinen Wohnung die Decke auf den Kopf. Zudem würde ich gerne wieder die technischen Möglichkeiten der Hochschule nutzen.“ Ihre Bachelorarbeit schreibe sie in Kooperation mit einem Unternehmen, bei dem sie zusätzlich arbeite und so die letzten Monate ihres Studiums finanziere. „Bis jetzt gibt es dort noch keine Kurzarbeit. Ich hoffe, das bleibt so.“ Inwieweit das Sommersemester verlängert, der Prüfungszeitraum verschoben und die Prüfungsmodalitäten angepasst werden, lässt sich aktuell nicht abschließend beantworten. 

Dominik Baum

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