Orangerie Kempten

Podiumsdiskussion um Standort der Stadtbücherei 

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Podiumsdiskussion mit Oberbürgermeister Thomas Kiechle (M.) über den Standortwechsel / Neubau der Kemptener Stadtbibliothek.

Kempten – Es tut sich was in Kemptens nördlicher Innenstadt.

Die Stadtbücherei, die seit 1963 in der unter Fürstabt Honorius Roth von Schreckenstein 1780 errichteten Orangerie nördlich der Residenz beheimatet ist, soll – ginge es nach dem Willen des Oberbürgermeisters Thomas Kiechle – einen neuen Standort erhalten.

Dabei geht es nicht nur darum, mehr Raum für Bücher, Zeitschriften und DVDs zu schaffen, sondern grundlegend die Innenstadt weiterzuentwickeln und mit einem etwaigen Neubau in unmittelbarer Nähe zum Zumsteinhaus einen kulturellen Hotspot zu etablieren. In einer Podiumsdiskussion wurde dazu vergangenen Dienstagabend im gut besetzten Saal des „s‘Lorenz“ diskutiert, wo der wohl bestmögliche neue Standort der Stadtbücherei liegen könnte und wie eine solche neue Bibliothek grundsätzlich ausgestaltet sein soll; werden doch heute ganz neue Anforderungen an eine solche öffentliche Einrichtung gestellt. 

Auf dem Podium diskutierten Oberbürgermeister Thomas Kiechle, die Leiterin der Stadtbücherei Andrea Graf, der Stadtheimatpfleger Tilmann Ritter, der Vorsitzende des City-Managements und Geschäftsleiter von Mode Reischmann Christian Martinsohn sowie der Direktor der Münchener Stadtbibliothek Dr. Arne Ackermann. Moderiert wurde der Abend von den beiden Redaktionsmitgliedern der veranstaltenden Allgäuer Zeitung Markus Raffler und Peter Januschke. Zur Diskussion stehen aktuell sechs Standorte für die Stadtbücherei Kempten. Aktuelles Meinungsbild Zum einen wird über einen Verbleib am alten Standort in der Orangerie nachgedacht. Vorteil hier, die Stadtbücherei behält ihre heimelige Atmosphäre in historischer Umgebung. Nachteil: Nur mit erheblichen finanziellen Aufwendungen und denkmalschutzkritischen Eingriffen in die bestehende Bausubstanz könnte der alte Standort fit gemacht werden für die Anforderungen der Zukunft. 

Von Kiechle wurde deshalb 2017 ein Neubau auf der Zumsteinwiese vis à vis des neuen Sparkassengebäudes ins Spiel gebracht. Dort könnte nach den Vorstellungen des OB ein Publikumsmagnet an zentraler Stelle entstehen, der allerdings das historische Stadtbild sichtbar verändern würde. Unterstützer findet Kiechle bei den Vertretern des Kemptener Einzelhandels, die einen Standort an dieser Stelle als Frequenzbringer klar favorisieren. Gegner dieser Lösung brachten fortan Vorschläge in die Diskus- sion, wie die Ausweitung der Stadtbücherei hin zum „Klecks“ oder einen Neubau auf der östlichen Hofgartenwiese. Außerdem im Topf sind die Standorte Neubau der Stadtbücherei auf dem Gelände des alten Sparkassengebäudes mit seinen charakteristischen Arkaden sowie Abriss der Schwaigwiesschule mit einem Neubau an gleicher Stelle, der sowohl die Volkshochschule als auch die neue Stadtbücherei beheimaten soll. 

Über all diese Vorschläge hatte die hiesige Tageszeitung im Vorfeld ihre Leser online abstimmen lassen. Dabei entfielen auf die Orangerie 169 Stimmen, auf den „Klecks“ 152 Stimmen, auf den Hofgarten 26 Stimmen, auf den Sparkassenneubau 47 Stimmen, auf die Schwaigwiesschule 79 Stimmen und auf den Neubau auf der Zumsteinwiese 51 Stimmen. Eine Ad-hoc Umfrage am Abend unter dem Publikum zeigte, dass rund die Hälfte der Anwesenden für eine Verbleib am alten Standort plädiert, während die andere Hälfte einen Umzug der Stadtbücherei favorisiert. Bücherei von morgen Eingangs wurde auf dem Podium über die gewandelten Anforderungen an eine moderne Stadtbücherei gesprochen. Wurden in der Vergangenheit lediglich Bücher aus langen Regalwänden gezogen, um diese auszuleihen, ist eine Bücherei modernen Zuschnitts vielmehr ein Treffpunkt und eine Drehscheibe für ihre Besucher geworden. Neben den reinen Nutzflächen, auf denen Bücher bereitgestellt werden und Funktionsflächen wie Heizungsräume und Aufzüge, sind es die öffentlichen Flächen, die bei einer Ausgestaltung einer Bücherei immer mehr in den Fokus rücken. Das können bei Büchereien Leseräume, Ruheoasen, Schulungs- und Präsentationsräume sein. Auch verfügen moderne Büchereien zur Steigerung ihrer Aufenthaltsqualität zunehmend über gastronomische Angebote. 

Zudem verändert nicht zuletzt die Digitalisierung die Angebotsbreite von Büchereien, wie es der eingeladene Direktor der Münchner Stadtbücherei Dr. Arne Ackermann erläuterte. Zugang zu Informationen werden heute nicht mehr ausschließlich in analoger Form, sondern zunehmend digital bereitgestellt. Ort der Ruhe „Ich plädiere für den Verbleib der Stadtbücherei am Standort Orangerie, weil nur dieser Standort es vermag, Aufenthalte in einer modernen Stadt wie Kempten zu entschleunigen“, sagte ein junger Mann aus dem Publikum, der sowohl die Kemptener Stadtbücherei wie mehrere in München gut zu kennen angab. Mit wohl gewählten Worten vermochte der junge Mann, die Argumente der Gegner eines Neubaus zusammenzufassen. Da der Standort einer Bibliothek zugleich Ausdruck dessen ist, was das Gebäude als innere Haltung nach außen vermitteln möchte. „Eine Bibliothek sollte sich bewusst vom hektischen und merkantilen Geschehen einer Innenstadt entkoppeln und ein Ort der Ruhe und der Kontemplation sein.“ Worte, für die es viel zustimmenden Beifall aus dem Publikum gab. OB hält fest Die Einschätzung unter den Diskutanten auf der Bühne ist dagegen eine andere. 

Dabei ist es nicht nur Kiechle, der für einen Standortwechsel hin zur Innenstadt plädiert. Unisono waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig, dass die Vorteile eines neuen Standorts und somit Neubaus überwiegen. Die Leiterin der Stadtbücherei hält einen Umbau der bestehenden Räumlichkeiten für nicht zielführend und Heimatpfleger Tilmann Ritter, für den die aktuelle Bibliothek ein „Stück Heimat“ geworden ist, favorisiert trotzdem einen neuen Standort, der näher zur Innenstadt liegt. „Man muss das Ganze im Blick haben und ein neuer, citynaher Standort ist die richtige Weichenstellung für die weitere städtebauliche Entwicklung von Kempten.“ Allerdings wünschte sich der Heimatpfleger hierbei ein weitaus behutsameres Vorgehen als beim Neubau des Sparkassengebäudes. Dr. Arne Ackermann, Direktor der Münchener Stadtbibliothek kann sich die Aufwertung der Aufenthaltsflächen, die Schaffung von Interaktionsräumen und eine zeitgemäße Medienvermittlung nicht am gegebenen Standort Orangerie vorstellen. „Bibliotheken sind auf der Erfolgsspur und sind sexy“, so seine Feststellung, der sich Martinsohn anschloss. „Wir wissen, dass Büchereien höchst frequentierte öffentliche Flächen sind und erhoffen uns im Einzelhandel natürlich auch eine Belebung der nördlichen Innenstadt, wenn es zu einem Standortwechsel kommt“, sagte Martinsohn. 

Aber es ist der Oberbürgermeister höchstpersönlich, der sich an diesem Abend am meisten für einen neuen Standort der Stadtbücherei ins Zeug legte. Aus seinen Worten wird klar, der zukünftige Standort wird die weitere Entwicklung „seiner“ Stadt maßgeblich beeinflussen. Im besten Fall führt dies aus seiner Sicht zu Fortschritt, im schlechtesten Fall zu Stillstand. Alle Teilnehmer der Podiumsdiskussion versprachen bei einer etwaigen Neuauflage der Diskussion, belastbare Fakten über Größe und Ausgestaltung einer neuen Bibliothek zu liefern. Die derzeitige Stadtbücherei in der Orangerie ist rund 1500 Quadratmeter groß, wobei die zweckbestimmte Nutzfläche 800 Quadratmeter umfasst, die Öffentlichkeitsfläche 700 Quadratmeter. Bei der neuen Bibliothek plant die Stadt mit einer Fläche von 2000 bis 3500 Quadratmetern. Derzeit frequentieren 8000 aktive Leser die Stadtbibliothek.

Jörg Spielberg

Kommentar zum Thema

Wirklich Neues gab es bei der Diskussion zur Stadtbibliothek nicht; weder von den Podiums- teilnehmern noch aus den Reihen des Publikums. Aber letztendlich weiß man zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht, worüber man konkret diskutieren könnte. Ende März sollen, so das Versprechen von OB Thomas Kiechle, erst die Zahlen zum Raumbedarf für das derzeit auf zehn bis zwölf Millionen Euro geschätzte Projekt Stadtbibliothek vorliegen. Dann wird es eine echte Diskussionsbasis geben. Was an diesem Abend auffallend oft, unter anderem von OB Kiechle, geäußert wurde: Man dürfe keine Angst vor Veränderung haben. Leider scheint sich diese „Mahnung“ ausschließlich auf die Zukunft der Stadtbibliothek zu beziehen, obwohl inzwischen zumindest erkannt wurde, dass diese nur in einem größeren Kontext gesehen werden kann. So steht damit in direktem Zusammenhang ja auch die Zukunft rund um den Stadtpark. Das „Sparkassen-Quartier“ wird sich verändern, ob mit einer darin angesiedelten Stadtbibliothek oder ohne; die jetzige Zufahrt der Sparkassen-Tiefgarage wird sich verändern, ob mit Bibliotheks-Neubau oder ohne; das Gebäude der ehemaligen Schwaig- wiesschule, in dem die vhs residiert, hat ausgedient. Eigentlich wäre es deshalb sowohl aus städteplanerischer wie aus Stadt- entwicklungssicht geboten, auch die Zukunft und Standorte von Festwoche und ZUM zur (wenigstens) Diskussion freizugeben. Leider wird eine Chance vertan: statt bei der Umgestaltung des Stadtparks „auf die Tube“ zu drücken, hätte man die Festwoche als Versuchsballon an einem anderen Ort stattfinden lassen können. Die leerstehende Ari-Kaserne wäre beispielsweise eine sich anbietende einmalige Ausweichmöglichkeit, durch die man vor allem testen könnte, ob eine Verlagerung der Festwoche weiter an den Stadtrand tatsächlich einen Besucherschwund bedeutet, wie hartnäckig behauptet. Oder gilt für Festwochenstandort und ZUM die alte Allgäuer „Weisheit“: Was die letzten 70 Jahre gut war, ist es auch weiterhin?

Christine Tröger

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