Stunden der Wahrheit

Peter Scholl-Latour berichtet im Kornhaus über seine Erfahrungen in der arabischen Welt. Foto: Spielberg

Es ist exakt 20 Uhr, als der Grandseigneur des deutschen Journalismus pünktlich die Bühne des Kornhauses betritt, um vor einem zahlreichen und erwartungsvollen und neugierigen Publikum sein neuestes literarisches Werk vorzustellen: „Arabiens Stunde der Wahrheiten” – von Peter Scholl-Latour.

Eigentlich ist es nicht notwendig, diesen Mann noch namentlich anzukündigen und auch Frank Edele, Geschäftsführer der Buchhandlung Tobias Dannheimer, dem es gelang, diesen Mann zu einer Lesung in die Allgäu-Metropole zu holen, findet keine großen, überflüssigen Worte. Er kündigt seinen prominenten Gast lediglich mit einem Satz an: „Freuen wir uns an diesem Abend gemeinsam auf einen der bedeutendsten deutschen Journalisten – Prof. Dr. Peter Scholl-Latour”. Dann erscheint der Mann, den alle seit Jahrzehnten aus dem Medien kennen, wenn er uns aus fremden Ländern und von den Hotspots dieser Welt berichtet, gemeinsam mit dem BR-Moderator Christoph Scheule auf der Bühne, der ihn in den nächsten anderthalb Stunden interviewen wird. Ohne große Umschweife, Peter Scholl-Latour wird lediglich kurz mit einigen Eckdaten seiner Vita dem Publikum persönlich vorgestellt, geht es gleich über zum angekündigten Thema des Abends, der politischen Lage in der arabischen, mitunter auch gesamten muslimischen Welt, nach den jüngsten Revolutionen im Norden Afrikas, den meisten eher geläufig unter dem Schlagwort „Arabischer Frühling”. Dezidiert analysiert Peter Scholl-Latour die Lage in Ägypten, Tunesien und Libyen aus seiner Sicht, die sich bei ihm immer aus persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen vor Ort speist und auf jahrzehntelanger Kenntnis der Vorgänge im Norden Afrikas beruht. Kritisch betrachtet er die Zukunft dieser Staaten: Tunesien sei arm, habe – wie die anderen Staaten im übrigen auch – keinerlei Erfahrung mit demokratischen Prozessen; Libyen sei reich an Erdöl, ist aber mit nur sechs Millionen Einwohnern zu dünn besiedelt und zudem in verfeindete Clans aufgespaltet und Ägypten sei mit seinen 80 Millionen Einwohnern gänzlich überbevölkert. Zudem verfügen diese Länder über eine ungünstige Demographie, da rund die Hälfte der Bevölkerung unter 30 Jahre alt ist und darüber hinaus schlecht ausgebildet sei. Ohnehin aber fehlen in den dahinsiechenden Volkswirtschaften aber adäquate Arbeitsplätze für diese entscheidende Bevölkerungsgruppe. So bleibe erst einmal abzuwarten, ob die „Facebook-Revolutionen” wirklich am Ende Früchte tragen werden oder der Westen hier in seiner Einschätzung der Lage zu optimistisch und somit falsch liegt. Scholl-Latour würdigte allerdings das mutige Aufbegehren der jungen Generation gegen die eigenen Despoten und hält in diesem Zusammenhang die Entscheidung Deutschlands, sich im Weltsicherheitsrat zur Libyen-Resolution der Stimme enthalten zu haben, für den wahrscheinlich dümmsten Fehler deutscher Außenpolitik seit Bestehen der Bundesrepublik. Und auch das deutsche Engagement am Hindukusch findet an diesem Abend nicht allzu große Würdigung durch den Kenner der muslimischen Welt. Schlecht ausgerüstet und vorbereitet sei die Bundeswehr in den Einsatzorten Kundus und Masar-i-Scharif und verlasse ohnehin viel zu selten die festungsartig gesicherten Feldlager, in denen es sogar – deutscher Gründlichkeit und „Gutmenschentum” sei Dank – eine eigene Mülltrennung gebe. Nur rund zehn Prozent der deutschen Einsatzkräfte aber würden wie lahme Schildkröten gepanzert zu Kontrollfahrten in die nahe Umgebung aufbrechen, so im Grunde aber keinerlei Kontakt zur ansässigen Bevölkerung aufbauen können. Wer aber, und das ist Scholl-Latours Credo, die Menschen vor Ort in ihrer Mentalität und in ihrem Glauben nicht versteht, werde nichts bewegen können. Trotzdem hält Scholl-Latour ein frühzeitiges Abziehen der deutschen Kräfte vor Ort für nicht realistisch und auch naiv. Überdies hält er die Haltung und die Beurteilung der muslimischen Welt durch den Westen für einfältig. So bezeichnet er die jüngsten Drohgebärden Israels gegenüber dem Iran für geradezu absurd und warnt davor, sich in der gegenwärtigen Situation mit den Machthabern in Teheran anzulegen. Dabei sei es gleichgültig, ob der Iran Atomwaffen besitze, allein die Potenz der konventionellen Streitkräfte würde ausreichen, dass sich die Israelis mit ihren Verbündeten militärisch zwangsläufig „verheben”. Auch die Lage in Syrien und seinem östlichen Nachbarn Irak, einst das antike Zweistromland Mesopotamien zwischen Euphrat und Tigris und angeblicher Sitz des Paradies Eden, wird von Scholl-Latour mit kritischen Worten belegt. Die Lage im Irak beurteilt er als weitaus gefährlicher als die in Afghanistan und dem syrischen Machthaber Assad prophezeit er ein wohl ähnliches Schicksal, wie Muammar al-Gaddafi. Am Ende hatte das Publikum die Gelegenheit, Fragen an den Gast zu richten. Viele nahmen die Gelegenheit war und der gut gekleidete ältere Herr auf der Bühne antwortete geflissentlich. So blieb am Ende trotz aller Kritik an seiner Person nur eine mögliche Antwort auf seinen Auftritt – stehende Ovationen.

Meistgelesen

Erlebnistag im Grünen Zentrum
Erlebnistag im Grünen Zentrum
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Neuer Ort des Miteinanders
Neuer Ort des Miteinanders
Eröffnung der "MangBox" in Kempten
Eröffnung der "MangBox" in Kempten

Kommentare