Auf der Suche nach dem Wendepunkt

Mal zart, mal epochal geht es in der BBK-Jahresausstellung 2018 zu

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Karl Heinz Klos‘ „Stadtimpression“.

Kempten – Wendepunkte: Persönliche, thematische, materielle, gesellschaftliche oder technische sind derzeit im Hofgartensaal der Residenz zu entdecken.

Unter dieses Motto hat der Berufsverband Bildender Künstler Schwaben/Süd (BBK) seine facettenreiche Jahresausstellung gestellt. Zu sehen sind neben den 69 Exponaten der Vereinsmitglieder auch vier Werke des Kollegenpreisträgers Karl-Heinz Klos.

Der Duden kennt drei Wendepunkte: Der eine ist Teil eines literarischen Werkes, an dem das Glück oder Unglück des Helden umschlägt. Der andere stammt aus der Mathematik und meint den Punkt auf einer Linie, an dem sie ihre Richtung ändert, also von einer Rechts- in eine Linkskurve oder anders herum. Und der dritte ist der Punkt, an dem das Leben eines Menschen eine Wende nimmt. In den Gemälden, Fotografien, Skulpturen und Objekten der Jahresausstellung des BBK findet der Betrachter aber eine Vielzahl weiterer solcher Punkte.

Den herbstlichen Wendepunkt im Jahreslauf zeigt Maria Farkas in ihrem an geometrischen Formen reichen und lebensfrohen Stillleben „Die Früchte sind geerntet“. Auf den Wendepunkt in unserem Wirtschaftssystem und Konsumverhalten wartet Lucia Hiemer in ihrem zweiteiligen Objekt „weiterzocken“. Dass etwas verdreht ist, zeigen hier sehr apart aus Stiefeln ragende Arme.

Leinwände gewendet hat Barbara Wolfart in „die Nebenbeis“. In ihrer Collage aus vielen kleinformatigen Acrylbildern hat sie auch die Rückseite einiger Rahmen bearbeitet. Wie in einer Art Setzkasten sind hier verschiedene Objekte miteinander kombiniert. Da ist die Venus im Lufballonmeerschaum. Eine gefährlich wirkende Streichholzformation oder der Denker mit Maus.

Dem unwiderruflichen Wendepunkt am Ende des Lebens widmet sich Dieter Schmidt mit einer Fotografie, die durch ihren Widerspruch besticht. Zu sehen sind ganz in Hell zwei Steckdosenleisten und Telefonbuchsen, verbunden über einen Kabelkanal. Auf einer oberhalb hängenden Neonröhre bilden zwei Telefonhörer eine Art Dauerschleife. Es ist ein verwaistes Krankenhauszimmer. In einer gelungenen Mischung findet sich der Besucher mal mit weiteren, mal mit engeren Assoziationsräumen konfrontiert.

Persönliche Einblicke

Einen Reiz der Ausstellung macht die Suche nach den unterschiedlichen Wendepunkten in den Kunstwerken aus. Interessant ist es dann zu sehen, welche Veränderung der Künstler oder die Künstlerin mit seinem/ihrem Werk verbindet. Der ausliegende Ordner gibt darüber Auskunft. Oft sind es ganz persönliche Erlebnisse, eine neue Maltechnik, ein Genrewechsel oder der Beginn einer neuen Schaffensphase. Wie für Brigitte Dorn, die mit „Sommer“ ein für die heutige Zeit untypisches Motiv in den für sie unüblichen Pastellfarben geschaffen hat. Tanja Popp, lässt in „Glacier“ mit Acryl auf Autolack eine bunte Gletscherlandschaft aufleben, und nimmt damit die durch den Lack ausgelöste Krebserkrankung ihres Vaters auf.

Bestens zum Thema passt auch, dass in diesem Jahr der Ottobeurer Karl Heinz Klos den mit 1000 Euro dotierten Kollegenpreis in Empfang nehmen durfte. „Das Informel selbst markiert nach dem zweiten Weltkrieg ja einen Wendepunkt in der gesamten Kunst in Deutschland“, sagte der kürzlich zurückgetretene BBK-Vorsitzende Gerhard Menger in seiner Laudatio. Mit ihrer Absage an jede Form reagierten die frühen Vertreter der „informellen Kunst“ auf die Freiheitsbeschränkungen im Faschismus und die Leere nach dem Krieg.

Für Menger ist Klos einer der besten informellen Künstler, „die wir in Schwaben haben“. Vier seiner ausdrucksstarken und lebendigen Gemälde hängen gleich am Eingang des Hofgartensaals. Filigrane Linien kontrastieren mit festen und zackigen Pinselstrichen. Abstufungen in Grau, Schwarz und Weiß bringen kräftiges Gelb und Blau zum Leuchten. Und der Farbkontrast bringt wiederum Tiefe in die Bilder. An manchen Stellen scheint es geradezu vor Strichen und Übermalungen zu wimmeln, an anderen dominieren klobige Flächen. Das pure Leben eben. Allein deshalb lohnt sich schon ein Besuch.

Die Krux der Ausstellung liegt in dem Ordner mit den erklärenden Texten. Denn das etwas sperrige Stück lässt sich nicht von mehreren Besuchern gleichzeitig benutzen, sodass nicht alle Interessierten die für manche Stücke unabdingbaren Infos erhalten. Auch lässt sich nicht in jedem der Texte ein Bezug zum Thema der Ausstellung finden. Manche Werke müssen für sich sprechen, denn ihnen fehlt das schriftliche Beiwerk ganz. Dass die gehängten Werke noch nicht mit den Textschildern ergänzt wurden, liegt an den Querelen im Vorfeld der Ausstellung. Die konzipierenden Macher Jürgen Bartenschlager und Bernd Henkel sind vor sechs Wochen aus dem Verein ausgetreten. Sie setzten auf den Plakaten auch einen riesigen roten Punkt hinter „Wendepunkt“, sodass es wie eine unverrückbare Ansage klingt. Eine epochale Änderung erkennt der Besucher allerdings nur schwer. Für den zurückgetretenen Gerhard Menger sind als Unterstützung für Vorstand Karin Haslinger, Bernhard Jott Keller und Benedikt Zint nun in der Vorstandschaft.

Zu sehen ist die Jahresausstellung 2018 des BBK noch bis zum zweiten Adventssonntag, 9. Dezember im Hofgartensaal der Kemptener Residenz; Dienstag bis Freitag 15 bis 18 Uhr, Samstag/Sonntag 12 bis 18 Uhr.

Susanne Kustermann

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