Sulzberger Geschichte erleben

Buchgestalter Johannes Stöffel (vorne) erläuterte das Zustandekommen des 175-seitigen, reich bebilderten Geschichtsbuches. Dafür gab es reichlich Lob von Bürgermeister Thomas Hartmann (Mitte). Oskar Krug (hinten) hatte viele eingehende Informationen bearbeitet. Foto: nes

Ein „1000-jähriges Reich“ hatte Adolf Hitler angekündigt, zwölf Katastrophenjahre sind letztendlich daraus geworden. Auch in den Dörfern wurde ab 1933 vieles umgekrempelt, auch dort bekamen die Menschen die Politik des Despoten zunehmend zu spüren – bis hin zu Militäraktionen am Ende des Zweiten Weltkrieges. Dies und vieles mehr ist Stoff des neuen Sulzberger Geschichtsbuches, das nun vom Historischen Arbeitskreis im Rathaus vorgestellt wurde. 32 Zeitzeugen gingen auf die Nöte und menschlichen Dramen des Dritten Reiches in ihrer Heimat ein.

Da ist vom Luftangriff der Amerikaner zwischen Sulzberg-Ried und Bodelsberg die Rede – 15 Soldaten und 54 Pferde mussten dabei ihr Leben lassen. Da wurde ein Bauer beinahe erschossen, weil französische Besatzungssoldaten auf dem Hof Schwarzpulver entdeckt hatten (was der gelegentliche Sprengmeister natürlich nicht für kriegerische Zwecke einsetzte). Dabei hatten auch Sulzberger Hoffnungen in die NSDAP gesetzt. Diese Hitler-Partei errang in der Marktgemeinde um das Jahr 1930 beachtliche Wahlerfolge. Offenbar glaubte man, dass der Führer die wirtschaftliche Situation verbessern könnte. „Tatsächlich konnte man 1937 schon wieder recht ordentlich leben, ein Handwerker verdiente pro Stunde eine Reichsmark“, schrieb Josef Spöttle (Jahrgang 1929) in seinem Beitrag. „Ordnung und Sicherheit waren gewährleistet, die Eltern konnten ihr Kinder unbesorgt in die Schule schicken“, stellt das Mitglied des Historischen Arbeitskreises fest. Allerdings gab es auch böses Erwachen: Die Anordnungen und Zwänge nahmen zu, dem Beitritt zur Hitlerjugend oder zum Bund Deutscher Mädchen war schier nicht zu entrinnen und sonntags stand immer ein Gendarm in der Kirche, um Pfarrer Zills Predigt auf „Regime-Treue“ zu überprüfen. Zu Gast beim Führer Im August 1939 mussten die Sulzberger Bauern 30 Pferde nach Sonthofen und Kempten abliefern. Am 1. September 1939 der große Schock: Josef Spöttle sah seine Mutter weinen. Sie hatte über Radio vom Einmarsch in Polen gehört. „Mutter hatte als 16-jähriges Mädchen den Beginn des Krieges 1914 erlebt und ahnte wohl nichts Gutes“, erzählte Spöttle im neuen Buch mit dem Titel „Erlebte Geschichte in der Marktgemeinde Sulzberg“. Am 23. November 1937 war gar mancher noch stolz, dass der Sulzberger Oberlehrer Paul Kuen dem Führer höchstpersönlich vorgestellt wurde. Wie war es dazu gekommen? In dem mächtigen Turm der Ordensburg Sonthofen sollte ein großes Geläut mit 16 Glocken installiert werden. Was mit Einbindung des amtlichen Glockenexperten Kuen auch geschah. Als Hitler die Versammlung aller Kreis- und Gauleiter aus ganz Deutschland in der Ordensburg besuchte, musste Kuen drei mal am Tage das Glockenspiel bedienen. Der Ehrenbundesmusikdirektor berichtete 1961 in seinem Büchlein „Wie ich zur Blasmusik kam und was ich dabei erlebte“ über eine „unübersehbare Menschenmenge“ bei dem Hitler-Besuch in Sonthofen. Leute seien bis aus Lindau, Ulm, Augsburg und Füssen gekommen, um ihren „geliebten Führer“ zu sehen. Spätestens, als immer mehr Gefallenenmeldungen in Sulzberg eingingen, wurden die wahren Auswirkungen des Demagogen erkennbar. Gegen Ende des Krieges waren es Tiefflieger der Alliierten, die nicht nur Moosbacher dazu zwangen, Beerdigungen nach Einsetzen der Dämmerung vorzunehmen, wie sich Georg Vogler erinnerte. Es gab in diesen schweren Zeiten auch ein paar Lichtblicke: Josef Uhlemayr hatte sich im Wiener Becken von der Truppe entfernt, trat mit zwei Kameraden und zwei Pferden die Flucht an, die am 28. Mai 1945 glücklich in Untergassen endete. Auch Isidor Mayer aus dem gleichen Ort hatte viel Glück. Er gehörte zu den letzten vier Soldaten, die aus dem Kessel von Stalingrad ausgeflogen wurden – von 300 000 Deutschen in dieser „Hölle“ sahen nur 6000 Soldaten ihre Heimat wieder. Und Heldenhaftes ereignete sich im April 1945 in Sulzberg: Die Familie Beyrer versteckte zwei geflohene KZ-Insassen – ein wahrhaft lebensgefährliches Unterfangen, war doch im gleichen Hause zur gleichen Zeit ein Wehrmachtsangehöriger einquartiert. Das Zeitzeugenbuch kann ab sofort für 20 Euro erworben werden: Bei der Gäste-Info und an der Kasse im Rathaus, außerdem im Moosbacher Dorfladen.

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