Der "Super-GAU"

FDP-Videochat zur Krise im Allgäuer Tourismus

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Zum Videochat verabredeten sich u.a.: V.l.n.r.: Prof. Alfred Bauer, Hochschule Kempten; Michael Käser, Kreisvorsitzender der FDP-Oberallgäu, Albert Duin, Sprecher für Wirtschaft, Energie und Tourismus, FDP Bayern und Christian Aigner, Hotelier aus Oberstaufen.

Oberallgäu – Videochats sind Gewinner der Corona-Krise. Personen, die sich in Echtzeit über Videotelephonie online unterhalten möchten, können hierfür als Benutzer kostenfreie Software nutzen und sich zu einer digitalen Diskussionrunde zusammenfinden. Dies geschah nun auch auf Einladung der FDP-Oberallgäu durch den Kreisvorsitzenden Michael Käser.

Im Rahmen der „Liberalen Ideenwerkstatt“ wurde gefragt: „Allgäuer Tourismus – Wie geht es weiter?" Beleuchtet werden sollte, wie durch Lockerungen die touristischen Betriebe hochgefahren werden können oder ob die Allgäuer Tourismusbranche vor COVID-19 in die Knie geht. Teilnehmer des Videochats waren u.a. Prof. Alfred Bauer, Dekan Fakultät Tourismus Hochschule Kempten u. Vorsitzender des Bayerischen Zentrums für Tourismus; Armin Hollweck, Kreisvorsitzender DeHoGa Oberallgäu und Gastwirt; Christian Aigner, Hotelier aus Oberstaufen und Albert Duin, Sprecher für Wirtschaft, Energie und Tourismus der FDP-Fraktion im Bayerischen Landtag. 

Christian Aigner betreibt in Oberstaufen mit dem „Kronenhof“ ein renommiertes Vier-Sterne Hotel. Ab dem 30. Mai darf sein Hotel wieder öffnen. Das erfreut Aigner, doch er wünscht sich von der Politik mehr Klarheit darüber, was geht und was nicht. Seiner Meinung nach würden die Vorgaben bereits jetzt von allen kleinen wie großen Beherbergungsstätten gut umgesetzt. Einschränkungen der Politik sollten nicht abhängig gemacht werden von der Bettenzahl. Von den Gemeinden wünscht sich Aigner in der gegenwärtigen Krise mehr Flexibiltät. So könnten die Aussenbereiche der Gastronomie, wo möglich und unter der Prämisse der Einhaltung der Hygienemaßnahmen, erweitert werden, um mehr Gäste zu bewirten. Kritisch sieht der Hotelier, sollte es tatsächlich in den Betrieben zu neuen Infektionen kommen. „Wird dann wieder alles geschlossen?“, fragt er. „Eine zweite Quarantäne werden die meisten Betriebe nicht überleben.“ 

Armin Hollwerk, selbst Gastwirt, fordert von der Politik ebenfalls konkrete Informationen darüber, welche Vorgaben beim Restart wie umgesetzt werden sollen. „Gesundheit steht an erster Stelle“, sagt Hollwerk, betont aber auch, dass manche Vorgabe schwierig umzusetzen sein wird. Der Gastwirt fragt sich, wie es möglich sein soll, von allen Gästen die Kontaktdaten zu ermitteln. Auch gibt der Gastwirt zu Bedenken, dass der Betrieb einer Gastwirtschaft mit einer um die Hälfte reduzierten Zahl von Gästen mittelfristig nicht rentabel sei. Hollweck wünscht sich, dass die Grenzen zu Österreich bis zu den Sommerferien geschlossen bleiben und verlangt zum Öffnungstermin, dass gleiche Bedingungen herrschen. „Auch wir im Allgäu wollen selbstverständlich Bäder und Wellnessbereiche für unsere Gäste öffnen können.“ 

Für Duin ist der Staat der Verursacher der wirtschaftlichen Misere, die aus dem Handeln in der Not entstand. Daher müsse der Staat den Betroffenen stärker helfen. „Stundungen und Kredite bringen nichts, denn das Geld muss zurückbezahlt werden und dies ist bei rückläufigen Einnahmen schlechterdings nicht leistbar“, so Duin. Daher rät er nach Gesprächen mit Handwerkskammern, der IHK und der DeHoGa manchem Kleinunternehmer dazu, den Betrieb lieber mit noch vorhandenen Rücklagen zu schliessen, als mit hoher Verschuldung in die Insolvenz zu stolpern. Duin spricht sich ferner dafür aus, dass Corona bedingte Verschuldungen Wirtschaftsauskunfteien wie der Schufa Holding AG nicht gemeldet werden müssen, damit Betroffene weiterhin kreditwürdig bleiben. Duin wünscht sich in der gegenwärtigen Krise mehr Initiative seitens der Kommunen. „Die kommunale Selbstverwaltung gibt den Gemeinden mehr Möglichkeiten selbst aktiv zu werden, als auf Lösungen aus München zu warten.“ 

Prof. Alfred Bauer ist ein Kenner der volkswirtschaftlichen Bedeutung des Allgäuer Tourismus. Er sagt, dass im Jahr 2017 rund drei Milliarden Euro Umsatz im Bereich Tourismus im Allgäu generiert wurden. Angesicht der wochenlangen Quarantäne spricht Bauer von einem „Super-GAU“ für die Tourismus-Betriebe. Nun gelte es, schnell aus dem Krisenmodus herauszukommen. Dazu müsse nicht nur die Angebotsseite betrachtet werden sondern zudem die Nachfrageseite. Eine unlängst angefertigte Studie seiner Studenten habe ergeben, dass trotz Corona-Krise und den ungeliebten Hygienemaßnahmen rund 26 Prozent der Deutschen in diesem Jahr einen Urlaub verbringen möchten. Allerdings macht die Studie offenbar, dass sich rund ein Viertel der Befragten zwischen 18 und 74 Jahren heuer keinen Urlaub leisten können. Skeptisch beurteilt Prof. Bauer, ob im nahen Regelbetrieb tatsächlich die Hygienemaßnahmen im öffentlichen Raum umgesetzt werden können. Trotzdem spricht sich Bauer u.a. für die zeitnahe Öffnung von Bergbahnen aus, weil, wie er sagt: „Urlaub ist ein Gesamterlebnis und somit ist es wichtig, dass möglichst viel an touristischen Angeboten genutzt werden kann.“ Grundsätzlich glaubt der Experte, dass es eine hohe Nachfrage nach Ferienwohnungen geben werde, weil hier die Familien autark sind und selber regeln, wie sie mit der Öffentlichkeit in Verbindung kommen. Zu Bedenken gibt Prof. Bauer, dass in den letzten Jahren Mecklenburg-Vorpommern zu einer Top-Destination im Tourismus geworden sei und für Bayern starke Konkurenz darstellt. Nach Einschätzung des Touristikers wird es seitens der Übernachtungsgäste und insbesondere der Tagesgäste langfristig kein Verlangen nach mehr verträglichem Tourismus geben. „Wenn wir in zwei bis drei Jahren diese Krise überwunden haben, werden wir wieder über Over-Tourism sprechen müssen. Das Langzeitgedächtnis vieler ist eben doch nur sehr kurz“, so Bauer. 

Den gesamten Videochatgibt es hier.

Kommentar:

Ein Teilnehmer des Videochat spricht eine unangenehme Wahrheit aus. Viele Betriebe werden die Krise nicht überstehen. Ratsam sei es daher, den Betroffenen im Zweifel zu einer Insolvenz zu raten, „als gutes Geld, schlechtem Geld hinterherzuschmeißen“. Wohl wahr, nur was bleibt den Betroffenen bei einem zerrupftem Arbeitsmarkt als Alternative? Im Nachgang der Krise ist daher der Gedanke an eine Verfassungsklage berechtigt. Es muss geprüft werden, ob Geschädigten aus den staatlich angeordneten Maßnahmen zur Bekämpfung der COVID-19-Pandemie Schadensersatz zusteht. Das Recht zur freien Berufsausübung ist ein Grundrecht und der Staat muss die Einschränkung dieses Grundrechts einwandfrei begründen. So kippte im Jahr 2006 das Bundesverfassungsgericht das Luftsicherheitsgesetz. Das Urteil der höchsten Instanz stellte fest: „Art.1 GG verbietet, dass Unbeteiligte als Kollateralschaden zu Opfern gemacht werden, um anderen das Leben zu retten.“ Zu prüfen wird auch sein, ob die Corona-Pandemie tatsächlich nicht vorhersehbar war und ob zu jedem Zeitpunkt angemessen gehandelt wurde. 

Jörg Spielberg

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