Soziale Architektur neu denken

Supertecture-Gründer Till Gröner will gedankliche Mauern einreißen

Kempten – Das Kaufbeurer Unternehmen Supertecture ist Hotspot für angehende und junge Architekten, die im globalen Süden die Verantwortung für soziale Architekturprojekte übernehmen wollen. Am vergangenen Freitagabend war Gründer Till Gröner als Gast des Architekturforums Allgäu zu Besuch im historischen Reglerhaus in Kempten und brachte den Gästen die Idee hinter Supertecture näher.

Der Westberliner Till Gröner lebe seit rund sechs Jahren im Allgäu. Nach seinem Architekturstudium habe er über seinen damaligen Mentor Rupert Neudeck seinen Weg zur internationalen Völkerverständigung gefunden, wie Gröner einleitend erzählte. Denn er habe bei den von Neudeck ins Leben gerufenen Grünhelmen, die die Peace Corps-Idee von John F. Kennedy wieder aufleben lassen wollen, in verschiedenen Krisenregionen der Welt als Architekt gearbeitet und beispielsweise an neuen Bildungseinrichtungen mitgewirkt. Besonders in Erinnerung sei ihm ein Erlebnis in Ruanda geblieben, als die Grünhelme ursprünglich ein ehemaliges Gefängnis in einen Kindergarten umwandeln sollten. „Als wir vor Ort waren, haben sich die Einheimischen ein Gotteshaus gewünscht“, meinte Gröner und verwies auf die Herausforderung, dass dort sowohl Christen als auch Muslime lebten. „Aber die Einheimischen haben uns gesagt, dass ihnen ein gemeinsamer Raum zum Beten reicht. Da wurde mir zum ersten Mal klar, dass Architektur mehr bewegen kann, als nur die Grundbedürfnisse der Menschen sicherzustellen“, betonte der Architekt, der daraufhin vor drei Jahren Supertecture gründete. Dort engagierten sich mittlerweile 70 junge Architekten ehrenamtlich, um im globalen Süden mittels kreativer Lösungen neue Gebäude entstehen zu lassen, die den Menschen vor Ort helfen. Supertecture sei nicht nur dazu da, veraltete physische Mauern einzureißen, sondern vor allem jene in den Köpfen der Menschen. „Wir wollen soziale Architektur anders denken. Afrika anders denken. Afrika in eine andere Schublade stecken“, so Gröner über die Beweggründe, die er den Gästen, darunter viele Architekten und solche, die es werden wollen, näherbrachte.

Für ihre bisherigen Projekte in Nepal und Tansania konnten sie Studierende aus allen neun bayerischen Architekturhochschulen gewinnen. „Das hat uns in unserem Wirken bestärkt.“ Junge Architekten hätten normalerweise nicht gleich die Möglichkeit, ein Gebäude selbst zu entwerfen. Bei Supertecture bekämen sie jedoch früh die Chance, so genannte Roomhouses, also einzelne Räume oder kleine Gebäude, selbst zu entwerfen, die vorhandenen Baumaterialien vor Ort zu erforschen und das Projekt zusammen mit einem Team lokaler Arbeiter umzusetzen. Als Beispiel führte Gröner eine durch Erdbeben beschädigte Schule an, welche sie beim Wiederaufbau in vier Klassenhäuser aufteilten – jedes mit unterschiedlichen Materialien erbaut. „Da in Nepal häufig Erdbeben vorkommen, wird heutzutage nur noch Stahlbeton verwendet. Dadurch geht die wunderschöne traditionelle Architektur verloren, die wir ein stückweit zurückbringen wollen.“ Das erste Klassenhaus der Schule bestehe aus rund 700 Fenstern und sei auf traditionellem Tropenholz gebaut. Das zweite Haus sei aus erdbebensicherem Naturstein erbaut. Der dritte Gebäudeabschnitt bestehe aus fünf verschiedenen Schichten Stampflehm. Hierbei seien unter anderem Stroh, Kiefernadeln und Kuhmist dem Lehm beigemischt worden. „Als wir das Gebäude fertiggestellt hatten, kam ein General des nepalesischen Militärs vorbei, der von der kostengünstigen Bauweise so begeistert war, dass er uns darum gebeten hatte, das Militär darin zu schulen“, erzählte Gröner eine Anekdote dazu. Für das vierte und letzte Schulgebäude, ein Ziegelhaus, seien sie mit einem kleinen Truck von Dorf zu Dorf gefahren, um 15.000 Ziegeln von den Einheimischen einzusammeln.

Durch die verwendeten Baustoffe leisteten sie auch einen Beitrag gegen Umweltverschmutzung. So würden sie für ein neues Community-Hotel aus Plastikmüll Schindeln herstellen. „Das führte so weit, dass die Einwohner aus benachbarten Dörfern ihren Plastikmüll vorbeibrachten.“ Bei einem anderen Projekt kämen 30.000 Plastikflaschen für ein Badezimmer zum Einsatz.

Da die Teams von Supertecture für jedes Projekt mehrere Monate vor Ort seien, gebe es ausreichend Zeit, die Locals und ihre Bedürfnisse richtig kennenzulernen. „Wir lassen die Architektur immer erst vor Ort zusammen mit den Einheimischen entstehen“, erklärte Gröner. „Auch privat sind wir bei den Locals dabei und tragen die traditionelle Kleidung. Das schafft eine so wichtige Vertrauensbasis.“ Für die Zukunft seien viele weitere Projekte geplant. Momentan sei es jedoch aufgrund der Pandemie nicht möglich, in Nepal einzureisen, weshalb im kommenden Semester beide Teams nach Tansania reisen würden, um in einem Dorf einen Kindergarten zu bauen.

Dominik Baum

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