Projekt Landleben

Aus Susannes Tagebuch: 5. Folge: Aladin fliegt nicht mehr

Aladin“ als noch ganz junges Kalb. Er war auf die Welt gekommen, kurz bevor ich als „Kälberbetreuer“ auf dem Hof angefangen habe. Nun liegt er als Schnitzel, Braten und Hackfleisch in einer Gefriertruhe.

Ist weniger tatsächlich mehr? Mit dieser Frage beschäftige ich mich in meinem sechsmonatigen Projekt und Selbstversuch.

Ich nenne ihn #kaelberbetreuer. Ein halbes Jahr lang will ich ausprobieren, wie es ist, pro Woche anstatt 40 Stunden plus nur noch 15 Stunden zu arbeiten - und zwar nicht als Redakteurin, sondern als Angestellte auf einem Bauernhof. Das heißt, Milcheimer statt Kugelschreiber, kleine Kälber statt Interviewpartner und Kuhmist statt Layout. In der restlichen Zeit will ich viel selber machen: Gemüse im größeren Stil kultivieren und einmachen, Deo und Seife zu Hause herstellen, Kräuter sammeln, Klamotten reparieren und ändern und mit dem Lastenbike einkaufen statt mit dem Auto. Auch um eine Patientenverfügung, Versicherungen, einen neuen Stromtarif, Yoga, die Fotoalben und das Kochen möchte ich mich in der Projektzeit kümmern. Kurz: um alles, das in der letzten Zeit gefühlt zu kurz gekommen ist. Und am Ende wird Bilanz gezogen: Kann ich mit weniger Geld auskommen, ohne dass mein Mann allzu stark einspringen muss? Bin ich weniger müde und gestresst? Fühlt sich die Zeit sinnerfüllt an? Kann ich mir weniger Arbeit auf Dauer vorstellen?

„Komm Meggale“, sagt der Metzger mit ruhiger Stimme. Ein Knall und Aladin kracht mit voller Wucht auf den Boden. Schnell greift der junge Schlachter nach dem Messer und schneidet dem Kalb die Kehle auf. Man sieht schon die Wirbelsäule. Blut schießt aus der Öffnung im Hals. Aladins Füße zucken wie wild. Ich lasse den Führstrick los. Ein paar Schnitte und schon liegt der Kopf des weißen Kalbs blutverschmiert neben seinem Körper. Die Wimpern so schön wie eh und je. „Und das alles nur für Milch und Fleisch…“, denke ich mit weichen Knien. Etwas mulmig ist mir schon zumute, wenn ich sehe, wie mein Schützling sein Leben verliert. Zum Glück habe ich vorher schon drei Schluck Bier genommen, von dem ich eigentlich überhaupt nichts mehr vertrage. Aber ich wollte beim Schlachten der Kälber dabei sein. 

Wer Fleisch isst und Milch trinkt, sollte einmal sehen, wie die Tiere getötet werden – besser noch – es selber tun. Heute bin ich nahe dran. Ich führe „Aladin“, wie ich ihn für mich nenne, sozusagen „zur Schlachtbank“. Die ist ein Betonboden und befindet sich rund zehn Meter neben seinem Zuhause. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt mir erst einmal nicht. Alles muss schnell gehen. Ein bißchen unangenehm findet Aladin den Führstrick schon, den ich ihm unter gutem Zureden anlege. Aber er wehrt sich nicht und lässt sich das Halfter umbinden. Aladin hat seine Streicheleinheiten immer eingefordert und war sehr zutraulich. Immer wenn ich ihm Heu brachte, streckte er mir seinen Kopf entgegen und begann erst zu fressen, wenn mir wirklich keine Halskrauler mehr abzuringen waren. „Und dieses Vertrauen missbrauche ich nun so schändlich und führe in den sicheren Tod?“ Andererseits, so denke ich mir, weiß ich, dass es dem Kalb immer gut gegangen ist. Es hat immer genug zu fressen und zu trinken gehabt, hatte ein angenehmes Plätzchen in seinem Iglu, nette Kälbernachbaren zum Schlecken und nur drei Minuten Stress. Andere Tiere werden Hunderte von Kilometern in einem stickigen LKW gefahren, bevor sie in einem Schlachthof sterben. Mit viel Stress, weil alles ungewohnt ist und sie schon das Blut der geschlachteten Tiere riechen. Eigentlich ist Aladin so gestorben, wie ich es auch einmal möchte. Kurz und schmerzlos. Nicht auszudenken, wie es wäre zu ertrinken oder qualvoll dahinzusiechen. 

Wie als wüsste der Himmel, was passiert, fallen dicke Regentropfen herab. Immer mehr werden es. In Sekunden Schnelle waren dicke dunkelgraue Wolken herangeeilt. Während die Muskeln des Tierkörpers immer noch zucken, schneidet der Metzger mit einem Messer die Füße ab. Die landen in einer bereitgestellten Kiste. An den Sehnen der Beine hängt er das Kalb nun auf. Ich bediene den Radlader an dessen Zinken das Tier nun hängt. Blut rinnt aus dem offenen Hals. Nun fällt auch ein bisschen zermahlenes Gras heraus. „Hat dir das Töten jetzt etwas ausgemacht?“, frage ich den Metzger, der fachkundig die Haut Schnitt für Schnitt vom Körper trennt. „Nein, ich weiß ja, dass das Tier geschlachtet werden muss, dann mache ich es“, sagt er, „aber bei so kleinen Kälbern darf man immer nicht so genau hinschauen.“ Er habe Kollegen, die Kälber nicht schlachten könnten, so Leid würden sie ihnen tun. Geschlachtet werden muss das Tier, weil Kühe jedes Jahr ein Kalb auf die Welt bringen müssen, um Milch zu geben. 

Die Landwirte setzen die weiblichen Nachkommen meist dafür ein, den eigenen Bestand zu ergänzen. Die männlichen Tiere werden in der Regel Mastvieh. Um aber gemästet zu werden, müssen die Tiere hornlos auf den Mastbetrieben ankommen. Demeterbetriebe, solche wie jener, auf dem ich arbeite, enthornen ihre Kälber aber nicht. Sie suchen andere Vermarktungswege für die Tiere. Mein Arbeitgeber lässt die kleinen Stiere schlachten, und verkauft Fleisch und Wurst an Freunde und Familie. Ihm scheint das Schlachten mehr auszumachen als mir. Der Bauer sieht so aus, als sei er froh, dass ich da bin und für den Metzger den Handlanger mache, während er im Melkstand milkt. Mit den Milcheimern für die Kälber drückt er sich schnell an der Schlachtgesellschaft vorbei. „Eigentlich wollte ich meine Tiere nie selber schlachten“, hatte er mir am Morgen erzählt. „Vom Kopf her weiß ich, dass es richtig ist“, doch das Töten bereite ihm Probleme. 

Nun prasselt der Regen so stark, dass der Metzger und ich uns im trockenen Stall unterstellen und hinausschauen. Das Wasser spült Aladins Blut den Spaltenboden hinab. „Auch das noch!“, stöhne ich. Aber dem jungen Mann macht der Regen nicht so viel aus. „Ich bin immer froh, wenn die Tiere am Haken hängen und alles gut gegangen ist“, erklärt er. Was könnte denn im schlimmsten Fall passieren?, will ich wissen. Wenn der Bolzen abrutscht und das Tier auskommt, dann fällt das Gehirn nicht wie vorgesehen zusammen. „Das ist nicht schön“, sagt er. Auch das zweite Kalb hat einen kurzen schmerzlosen Tod, auch wenn kurz vor dem finalen Schuss mein wohl nicht fest genug gebundenes Halfter abgerutscht ist und mein Herz fast stehengeblieben wäre. In einer Woche wird von den beiden Tieren nicht viel mehr übrig sein als sauber abgepackte Schnitzel und Hackfleischpäckchen. Ich nehme mir vor, die Kalbssteaks, die ich zubereiten will, ganz besonders achtsam zu vertilgen. 

Susanne Lüderitz

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