Projekt Landleben

Aus Susannes Tagebuch: 1. Folge:  Fleischfressende Pflanzenfresser

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Schmeckt das Wasser auch? Naja, zum Naseputzen reicht es allemal.

Ist weniger tatsächlich mehr? Mit dieser Frage beschäftige ich mich in meinem sechsmonatigen Projekt und Selbstversuch.

Ich nenne ihn #kaelberbetreuer. Ein halbes Jahr lang will ich ausprobieren, wie es ist, pro Woche anstatt 40 Stunden plus nur noch 15 Stunden zu arbeiten - und zwar nicht als Redakteurin, sondern als Angestellte auf einem Bauernhof.  Das heißt, Milcheimer statt Kugelschreiber, kleine Kälber statt Interviewpartner und Kuhmist statt Layout. In der restlichen Zeit will ich viel selber machen: Gemüse im größeren Stil kultivieren und einmachen, Deo und Seife zu Hause herstellen, Kräuter sammeln, Klamotten reparieren und ändern und mit dem Lastenbike einkaufen statt mit dem Auto. Auch um eine Patientenverfügung, Versicherungen, einen neuen Stromtarif, Yoga, die Fotoalben und das Kochen möchte ich mich in der Projektzeit kümmern. Kurz: um alles, das in der letzten Zeit gefühlt zu kurz gekommen ist. Und am Ende wird Bilanz gezogen: Kann ich mit weniger Geld auskommen, ohne dass mein Mann allzu stark einspringen muss? Bin ich weniger müde und gestresst? Fühlt sich die Zeit sinnerfüllt an? Kann ich mir weniger Arbeit auf Dauer vorstellen? 

An meinem ersten Arbeitstag als Kälberbetreuerin merkte ich einmal mehr, wie nahe Leben und Tod beieinander liegen können. Während neun Kälber in ihren Iglus herumtollten, und ihre Hälse begierig nach Streicheleinheiten herstreckten, lag ein lebloses Tier unter einer Kälberdecke in seinem Abteil. In der Nacht war bereits der Tierarzt dagewesen, um es einzuschläfern. Doch die Spritze hatte nicht richtig gewirkt. Das Tier war noch warm und der Tierarzt war schon ein zweites Mal bestellt, um das Leid zu beenden. „Des isch einfach saublöd!“, sagte der Bauer, der sichtlich mit dem Tier litt. So lernte ich gleich, dass die kleinen anfällig für Durchfall sind und ich stets darauf achten soll, ob die Ohren der Tiere ausreichend warm sind, ob die Kotkonsistenz und ihr Geruch auffällig sind und ob die Kälber Lust haben, zu trinken. „Schmerzenslaute geben sie nicht von sich.“ 

Damit die Kälber ihre Milch bekommen, hole ich sie eimerweise direkt vom Melkstand, wo bereits ein riesiger Tauchsieder die Milch im Kübel auf 40 Grad Celsius erhitzt. Hören die Tiere morgens meine Schritte, begrüßt mich ein ungeduldiges „Möhh!“ Mit einem Messbecher teile ich dann die Milchmengen genau zu. Je älter das Tier, desto mehr bekommt es aus seinem Nuckeleimer zu trinken. Manch eines kann es kaum erwarten und boxt seinen Eimer erst einmal aus der Halterung, sodass er im hohen Bogen auf den Boden kracht. Auch herausgehüpft ist ein ungeduldiges Tier bereits – und hing dann halb über dem Gitter seines Abteils. Nach der Milchration gibt es noch frisches Wasser im Eimer und Heu, das ich zwischen die Abteile schiebe, damit es nicht schmutzig wird. Dazu kommt eine Portion Kälbermüsli – eine Getreidemischung – unter anderem aus Luzerne und Körnermais. Hoch geht es her, wenn die tägliche Strohration im Iglu landet. 

Übermütig hüpfen die Kleinen dann immer wieder aus der Hütte und wieder hinein, um das raschelnde Stroh nach ihren Wünschen zu verteilen. Weil das Stroh aber nicht von alleine zu den Kälbern kommt, musste ich bereits das Schaufellader-Fahren lernen. Nur widerwillig. Bis ich den Joystick im Schlaf beherrsche, wird es noch eine Weile dauern, aber mit Konzentration klappt es einigermaßen.Während die meisten Landwirte die Kälber wegen der Infektionsgefahr direkt nach der Geburt von der Mutter trennen, bleiben sie bei meinem Arbeitgeber um die vier Tage bei ihrer Mutter in der Abkalbebox. „Das hilft Mutter und Kind“, sagt der Bauer. Die Kuh ist gefordert, muss schnell aufstehen, das Baby ablecken, säugen und selbst wieder zu Kräften kommen. Mit Überraschung stellte ich fest, dass die Muttertiere nach der Geburt die Plazenta und die gesamte Nachgeburt auffressen. Mit viel Kopfeinsatz schlabbern die Kühe, deren Gebiss nicht dafür ausgelegt ist, die Haut ins Maul. Aber warum denn daaas? Es ist wieder eine geniale Erfindung der Natur: Ohne Hinterlassenschaften werden Wolf und Fuchs nicht angelockt. Außerdem stecken wichtige Mineralien in der Fruchtblase. „Ein gutes Zeichen, wenn sie das frisst“, zeigte sich der Bauer zufrieden. 

Länger als vier Tage kann die Zweisamkeit zwischen Mutter und Kalb allerdings nicht dauern, „denn dann wird der Trennungsschmerz zu groß“, erklärt mein Chef. Im Notfall helfen auch Globuli. Die Erfahrung habe ich schon gemacht. Auch die Trennung von Mutter und Kalb gehört zu meinen Aufgaben. Wenn das Muttertier beim Melken ist, hole ich das Kleine, das meist schon ziemlich schnell durch die dick mit Stroh eingestreute Box flitzt. Um die Richtung vorzugeben, stelle ich mich hinter das Kalb, setze ich die Finger an die hinteren Oberschenkel. Mache ich einen Schritt, tut es das Tier ebenfalls. Das funktioniert recht gut. Manche allerdings riechen den Braten und sperren sich mit aller Kraft gegen die Reise. Sie stemmen die Vorderbeine in den Boden oder lassen sich fallen. Dann gestaltet sich die Sache langwieriger. 

Der Druck steigt, denn wenn die Mutter zurückkommt, sollte die Box leer sein. Die Kühe gehen unterschiedlich mit der Trennung um. Manche haben mehrere Tage noch hervorstehende Augen und schleichen viele Male am Tag um die leere Abkalbebox, andere gehen direkt zur Herde zurück und zeigen keinen Herzschmerz. Für die Kleinen ist die neue Umgebung erst einmal aufregend. Sie beschnüffeln das Iglu, die neuen Nachbarn, den Boden und das Stroh. Erst wenn sie Hunger bekommen – wenn mein 2,5-stündiger Arbeitstag längst zu Ende ist – machen sie sich bemerkbar. Dann kommt aber meist schon die nächste Mahlzeit im Nuckeleimer. 

Die schönste Aufgabe für mich ist das Schmusen. Um die Kühe von klein auf an den Menschen zu gewöhnen und sie nicht ängstlich zu schreckhaft werden zu lassen, soll es ihnen da wo ich arbeite, an Streicheleinheiten nicht mangeln. Kein Problem für mich! An Hals, Brustbein, Wangen und Stirn mögen Kühe besonders gern gekrault werden. Merke ich, dass ein Kalb mir gegenüber noch skeptisch ist, setze ich mich ab und zu ihm und warte, bis es mich beschnuppert. Dann kann ich langsam meine Hand austrecken und zu streicheln beginnen. Auch mit dem Finger kann man die Tiere gut locken oder ablenken. Denn der löst den Saugreflex bei ihnen aus, sodass sie begierig nuckeln und schlotzen. Auch auf die Spaziergänge freue ich mich schon. Für die Klauenpflege, den Tierarzt-Besuch, oder den Transport auf die Alp: Weil es wichtig ist, dass Kühe an den Führstrick gewöhnt sind, soll ich das Halfterstrick-Anlegen und -Gehen schon mit den Kleinen üben. Ich sehe mich schon mit Kalb an der Leine über die Felder marschieren…. Mal sehen, ob das wirklich so sein wird. 

Susanne Lüderitz

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