Projekt Landleben

Aus Susannes Tagebuch: 2. Folge: Völlig Ge(zwei)rädert

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Mit dem Lastenrad zum Wasserpumpen: Schläuche, ein kleines Notstromaggregat, eine Tauchpumpe und ein Eimer finden im Ladekorb Platz.

Nun, nach den ersten drei Wochen spüre ich vor allem Schmerzen und Müdigkeit. Schmerzen im Rücken, Schmerzen in den Oberschenkeln und Schmerzen an unzähligen blauen Flecken.

Das liegt aber weniger an den Kälbern und dem neuen Job als an der Gartenarbeit und meinem Umstieg aufs Fahrrad. Seit Anfang Februar nenne ich ein E-Lasten-Bike mein Eigen und überwinde die meisten Distanzen nun mit dem mit 250 Watt angetriebenen Koloss.

Der Haken dabei: Um von meinem Wohnort zum Einkaufen ins Tal nach Obergünzburg zu gelangen, muss ich über eine Art Passstraße rund 170 Höhenmeter überwinden. Das geht trotz E-Antrieb in die Oberschenkel. Auf die meisten meiner Hosen habe ich nun keine Lust mehr. Sie zwicken zu arg. Und auch das Fahrrad-Abstellen, -Losfahren und -Rangieren verlangt einiges an Kraft. Das rund 60 Kilo schwere Gefährt hat einen Ständer ähnlich einem Motorrad. Der Wendekreis ist gefühlt riesig. Denn der Rad-Abstand verlängert sich durch den vor dem Lenker angebrachten großen Ladekorb immens. Um aus unserem Hauseingang auszuparken, packe ich oft den Sattel, hebe das Fahrrad hinten an, und wuchte es um die Kurve. 

Seither blühen üble blaue Flecken auf meinem rechten Oberschenkel. Denn er drückt dabei gegen den Sattel. Aber all die „Schmerzen“ können den Fahrradglücksgefühlen nichts anhaben. Nadelholz, Waldboden, Gras. Ich genieße die Gerüche und den Fahrtwind, die beim Radeln in meine Nase strömen. Begeistert bin ich von den vielen Transportmöglichkeiten. Egal ob die Fahrt mit Wertstoffhof-Säcken oder einer Ladung voller langer Äste für einen Totholzzaun – alles was ich transportiere, bereitet mir diebische Freude. Dazu kommt der Stolz. Sogar eine Kiste Bier und eine Kiste Saft habe ich mit meinem Drahtesel kürzlich nach Hause auf die Anhöhe befördert. 500 Kilometer haben sich in den drei Monaten auf den Tacho vermerkt. An einem „normalen“ Wochentag kommen mit dem Weg zur Arbeit, dem Weg zum Acker und vielleicht nach Obergünzburg bis zu 25 Kilometer zusammen. 

Einmal ist der Super-Gau eingetreten, als ich noch nicht ganz oben auf dem Berg angekommen war: Der Akku war leer. Merke: Ein E-Bike-Akku hat keine eingerechnete Reserve wie ein Auto. Und mit diesem Fahrrad plus dem großen Einkauf ging in der Steilpassage nichts mehr. Mit Müh und Not erreichte ich schiebend und ächzend einen Stapel Langhölzer, wo ich das Fahrrad abstellte und meine großen Taschen samt Akku schulterte. Die verbleibenden 1,5 Kilometer schleppte ich zu Fuß. Zum Glück war die Strecke nicht länger. G e w ö h n e n muss sich der gemeine „E-Lasten-Bike-Fahrer“ erst an seinen Star-Ruhm. In Obergünzburg kennen mich nun schon viele Leute. Fahren wir mit unserem neuen Gefährt beim Sonntagsausflug über die Dörfer oder zum ausgedehnten Picknick, schauen sie meist, als würden sie ein UFO sehen. 

Unweigerlich breitet sich dann ein Grinsen auf meinem Gesicht aus. Mein Mann und ich grüßen die Erstaunten einfach immer sehr freundlich und brausen vorbei. Generell sollte der E-Lastenbike-Fahrer etwas mehr Zeit einplanen, denn er wird auch oft angesprochen und über sein Gefährt ausgefragt. Aber zum Kontakte-Knüpfen ist das optimal. Arbeiten muss ich noch an der Ladungssicherung. Aus Faulheit landen Handschuhe, Mütze oder eine Tüte einfach auf der Ladefläche. Erst wenn sie schier vom Fahrtwind davongetragen werden, halte ich an und verstaue die Sachen besser. Und ich vermisse einen abschließbaren Deckel gegen Regen und Diebstahl vor Geschäften. Das wäre doch eine Bastelarbeit für die nächsten Wochen. Bereut habe ich die Anschaffung noch keine Sekunde. Dazu ist sie einfach zu praktisch und macht zu viel Spaß. 

Susanne Lüderitz

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