Projekt Landleben

Aus Susannes Tagebuch: 3. Folge:Atme doch! – Schwere Geburt im Kuhstall

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Ein spannender Moment: Wird das Kälbchen atmen?

Ist weniger tatsächlich mehr? Mit dieser Frage beschäftige ich mich in meinem sechsmonatigen Projekt und Selbstversuch. Ich nenne ihn #kaelberbetreuer.

Ein halbes Jahr lang will ich ausprobieren, wie es ist, pro Woche anstatt 40 Stunden plus nur noch 15 Stunden zu arbeiten – und zwar nicht als Redakteurin, sondern als Angestellte auf einem Bauernhof. Das heißt, Milcheimer statt Kugelschreiber, kleine Kälber statt Interviewpartner und Kuhmist statt Layout. In der restlichen Zeit will ich viel selber machen: Gemüse im größeren Stil kultivieren und einmachen, Deo und Seife zu Hause herstellen, Kräuter sammeln, Klamotten reparieren und ändern und mit dem Lastenbike einkaufen statt mit dem Auto. Auch um eine Patientenverfügung, Versicherungen, einen neuen Stromtarif, Yoga, die Fotoalben und das Kochen möchte ich mich in der Projektzeit kümmern. Kurz: um alles, das in der letzten Zeit gefühlt zu kurz gekommen ist. Und am Ende wird Bilanz gezogen: Kann ich mit weniger Geld auskommen, ohne dass mein Mann allzu stark einspringen muss? Bin ich weniger müde und gestresst? Fühlt sich die Zeit sinnerfüllt an? Kann ich mir weniger Arbeit auf Dauer vorstellen?

Schon wieder steht Lotte auf. Mit hervorquellenden Augen schaut sie in unsere Richtung. Eigentlich wollten der Bauer und ich gerade zum Frühstücken gehen, doch geht es mit Lottes Kalbung schneller als erwartet. Das Euter ist prall gefüllt, und wenn die Kuh liegt, ragt eine Blase aus ihrer Vagina heraus. „Alles ist gut. Leg dich wieder hin.“ Der Bauer redet beruhigend auf das Tier ein. Lotte sei eine „schwierige“ Kuh. Sehr nervös. Trotz ihrer Größe weiche sie den anderen Herdenmitgliedern aus und scheue das Gedränge. Auch die plötzlich einsetzenden heftigen Wehen beunruhigen sie. Sie watet hin und her durch das Stroh in der Abkalbebox. Aber tatsächlich schnuppert die Gebärende nun ein wenig an den Halmen, knickt ihre Vorderbeine ein und lässt ihren Rumpf zu Boden sinken. Ein lautes Schnauben dringt aus ihrer Nase. Der Bauer will sich die Sache genauer ansehen. Er füllt einen Eimer mit warmem Wasser und legt Stricke hinein. Das Wasser soll sie geschmeidiger machen, sodass man das Kalb eventuell an den Beinen herausziehen kann. Doch kaum betritt er die Abkalbebox, steht Lotte wieder auf. Sie untersucht den Eimer mit ihrer Nase, den ihr der Landwirt zeigt, und trinkt ein paar Züge. Mit der Hand gleitet er nun bis zum Ellenbogen in die Vagina und tastet nach dem Kalb. „Es liegt richtig. Vielleicht etwas weit hinten“, so die Diagnose des Bauers, der das Baby ein klein wenig in Richtung Ausgang zieht. Jetzt sollte sich Lotte wieder hinlegen. Doch daran ist nicht zu denken. Mit tiefer Stimme redet der Bauer noch immer mit ihr. „Vielleicht hilft es, wenn du wieder rauskommst“, schlage ich vor. Das scheint zu wirken. Schwerfällig lässt sich die Kuh wieder zu Boden gleiten. Deutlich ist zu erkennen, wie sie nun presst. Lotte atmet schwer. Immer wieder schwillt die Blase an. Darin sind die Vorderbeine des Kleinen zu sehen. „Komm schon, noch einmal, dann hast du’s geschafft!“, sagt der Bauer. „Merkt die Kuh eigentlich, dass du sie anfeuerst?“, frage ich. Aber darum gehe es nicht, sondern darum, dass sie merkt, es ist jemand da. Jetzt dauert das Prozedere aber wohl doch zu lange. „Die Blase gefällt mir nicht“, sagt der Landwirt plötzlich und ist schon bei der Mutter. Er öffnet die Fruchtblase und legt dem Kalb die Stricke um die Fesseln. Einmal, zweimal, dreimal: In Hockhaltung zieht er an – die Füße fest in den Boden gestemmt, die Lippen aufeinander gepresst. Nun geht es ganz schnell. Der Geburtshelfer zieht das schleimverschmierte Kalb in Richtung Kopf der Mutter. Die beginnt sogleich zu schlecken. „Komm schon, komm schon!“, ruft der Bauer und massiert das Kleine. Die Augen des Neugeborenen sind schon geöffnet. Die Schnauze zeigt aber eine bläuliche Färbung. Schnell sind die Stricke an den Hinterläufen angebracht. Der Bauer hievt das Kalb über den Rumpf der Mutter. Kopfüber hängend soll der Schleim besser aus den Atemwegen fließen. Die Kuh schleckt immer noch fleißig den Kopf des „Babys“. Der Landwirt schnauft schwer: „Höher kriege ich das Kleine nicht. Es ist so groß und schwer.“ Nach zwei Minuten, die mir ewig vorkommen, scheint alles gut zu sein. Das Kalb wird wieder neben die Mutter gelegt, die ihr „Baby“ unablässig leckt. Auch der Landwirt streift noch ein bisschen Schleim vom Tier. Nun hebt es sogar schon den Kopf. Die Ohren hängen noch herunter. Ein Kräuterspray für die Atemwege soll ihm das Luftholen erleichtern. Für die Kuh gibt es noch das restliche Wasser aus dem Eimer sowie eine wärmende Decke auf den Rücken und für den Bauern das wohlverdiente Frühstück. Ganz plötzlich ist die Geburt doch gefährlich geworden. „Normalerweise ziehe ich nur ganz selten an beim Kälbern“, erklärt der Bauer, „aber ich bin wahnsinnig gerne dabei.“ Denn wenn es darum geht, die Atmung des Kalbes in Gang zu bekommen, handle es sich um Sekunden. Das heißt, Aufstehen mitten in der Nacht, oder Geburtshilfe leisten auch an Festtagen. „Und meistens kommen die Kälber, wenn es grade nicht so gut passt“, lacht der erleichterte Bauer.

Susanne Lüderitz

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