Technik beherrscht die Emotion

Solopiano Revival: Till Fellner spielt Klaviermusik von Franz Schubert

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Der österreichische Pianist Till Fellner spielte Stücke von Schubert im Stadttheater.

Kempten – Gleich das Eröffnungsstück hätte aufwühlend werden können. Entgegen dem ursprünglichen Programm begann der österreichische Pianist Till Fellner seinen Schubert-Klavier-Abend der Solopiano-Revival-Reihe mit der Sonate in a-moll D 784.

Dieses dreisätzige Werk ist von Franz Schubert 1822 zu einem Zeitpunkt komponiert worden, als er gerade dabei war, sich von seinen klassischen Vorbildern zu lösen und den Weg in ein neues musikalisches Land zu beschreiten.

Er schrieb vor allem im ersten Satz ein Werk voller rhythmischer Brüche und zerrissener Melodik, insgesamt ein schroffes und eher unzugängliches Werk, an dem sich gut der Wandel in der Musik vom klassischen Ausgleich der Gegensätze hin zu einem Ausleben der Extreme erkennen läßt. Erst im Andante des lyrischen zweiten Satzes beginnt die Musik, sich zu einer Einheit zu fügen. Der dritte Satz lebt dann von einer zweistimmigen, inventionenhaften Einleitung, die in eine romantische Akkorddurchführung mündet, im Wechsel mit einem lyrischen Seitenthema im Mittelteil. Till Fellner, dessen internationale Karriere 1993 begonnen hatte, spielte vom ersten Takt an technisch makellos. Aber es fehlte der letzte Schuss an Dramatik, Kraft und Lebendigkeit, um den Charakter dieses Stückes auszubreiten. 

So wurde die musikalische Essenz nicht vollständig freigelegt. Beim zweiten Stück, den Moments Musicaux, einer Sammlung von sechs einsätzigen Charakterstücken, kam mit den sehr unterschiedlichen, aber zugänglicheren Stücken etwas mehr Spielfreude in Fellners Vortrag. Die Stücke sind sehr gegensätzlich in der Anlage und der Tonart, und wollen innerhalb eines Stückes eine bestimmte Stimmung oder Gefühlslage beschreiben. Fellner konnte hier besser als in der ersten Sonate neben den handwerklichen Erfordernissen das Wesen der Stücke herausarbeiten. Trotzdem war nun klar, dass Fellners Auffassung von Schubert nicht von großer emotionaler Leidenschaft geprägt ist. Nach der Pause dann als Hauptwerk des Abends, ein Hauptwerk von Schuberts Klaviermusik überhaupt, die vorletzte der drei letzten, großen Sonaten, nämlich diejenige in A-Dur D 959. Schubert breitet in vier Sätzen die Quintessenz seines musikalischen Schaffens aus, das ihn letztendlich nicht zu seiner möglichen Bestimmung geführt hatte, der Nachfolger Beethovens werden zu dürfen. 

Schubert überlebte Beethoven nur um ein Jahr, und so überstrahlte zunächst Beethovens mächtiges Klavierspätwerk Schuberts letzte drei Sonaten. Erst im weiteren Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts nahm die musikalische Welt, beginnend mit Schumann, deren musikalischen Wert zur Kenntnis. Ohne virtuos zu sein, verlangt Schuberts Klaviermusik immer anspruchsvollste Spieltechnik und höchste Klangkultur. Was die handwerklich-technische Seite anbelangt, löste Till Fellner diese Forderung ein. Es gelang ihm, das vierzigminütige Werk in seinem dramaturgischen Ablauf schlüssig und zusammengehörend darzustellen. Es kam aber nicht der romantische Ausdruck hinzu, der ja erst das Einmalige von Schuberts Musik ausmacht. Schmerz, Resignation und Gebrochenheit im realen Leben, die ja immer auch Spuren im künstlerischen Schaffen eines Menschen hinterlassen, wurden von Fellner musikalisch nicht übersetzt und sehr im Hintergrund seines Spiels gehalten. So stellte sich beim Zuhörer – und dies ist der Eindruck, der sich am Ende verfestigt – solider Genuss, aber keine Begeisterung ein. 

Jürgen Kus

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