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Teil 2: Naturnaher Wald - ein Hort der Biodiversität

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Flechten brauchen zum Wachsen Zerfalls- und Zersetzungsphasen, wie sie das Totholz bietet.

VON ANDREAS LEISING

Was bedeutet den Wald naturnah zu bewirtschaften? Ist das nicht schon Praxis und Auftrag der Förster? Wie ist ein Wald beschaffen, der nicht naturnah „bestellt“ wird? Gibt es da etwa Unterschiede? Was bedeutet das für die Pflanzen, Waldbewohner und die Menschen? Was bedeutet in diesem Zusammenhang Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft? Fortsetzung: Teil 2.

Beim Umbau in einen naturnahen Wald klären die Fachleute zunächst viele Fragen, erläutert Gerhard Rohrmoser, freiberuflicher Forstingenieur aus Hinang bei Sonthofen: „Als Erstes muss man den jeweiligen Waldverhältnissen vor Ort genau auf den Grund gehen.“ Denn jeder Wald sei anders. Und so entscheide seine Vorgeschichte hinsichtlich der Bewirtschaftung, der Verhältnisse von Boden, Lage, Kleinklima und nicht zuletzt die jagdliche Situation vor Ort über das individuelle Befinden des Waldes“.

Von der Analyse dieses „Wald-Befindens“ ausgehend, entwickele der naturnah wirtschaftende Förster dann ein auf die jeweilige Situation angepasstes „Wald-Behandlungsprogramm“, welches die Potentiale der Naturkräfte voll ausschöpft und sich folgende Fragen dazu stellt: Welcher Wald würde hier von Natur aus wachsen? Wie kann man diesen Wald an diesem Ort wieder so natürlich wie möglich etablieren?

Welche selteneren Samen-Bäume helfen mir bei der natürlichen Verjüngung des Waldes und welche Baumarten verjüngen sich und wachsen wo am besten? Fehlen Baumarten und welche muss ich pflanzen, wenn es dafür keine Samenbäume mehr vor Ort gibt?

Neben diesen wichtigen Fragen gibt es zudem auch ein paar wichtige Regeln, um die Naturkräfte im Wald in die richtigen Bahnen zu lenken. Naturnaher Wald brauche viel Geduld und nur die mäßige, gleichmäßige und kleinflächige Waldnutzung. Und über längere Zeiträume entwickelte, hochwertige und naturnahe Waldstrukturen.

Das Pferd zurück im Wald

Der Wald kennt Wachstums- und Ruhephasen und so findet die geregelte Pflege des Waldes nur im Winter bei Saftruhe der Bäume statt. Es werden dabei gezielt einzelne Bäume aus dem Waldbestand, in der sogenannten „einzelstammweisen Nutzung“ entnommen, um das Bodenleben und die natürliche Verjüngung kleinräumig anzuregen. Auch erhöht sich durch diese Strategie die Stufigkeit und Stabilität des Waldes.

Bodenschonende Holzbringung ist ein weiterer, enorm wichtiger Faktor für künftig vitale Wälder. Schon ein altes Sprichwort sagt: „Dort wo das Pferd rückt, wächst der Wald.“ Pferderückung im Wald müsste also auch in unserer Zeit des Klimawandels und in Anbetracht mangelnder gefrorener Waldböden im Winter wieder viel stärker gefördert werden. Nicht als nostalgische Erinnerung an vergangene Zeiten, sondern als ökologischer Waldwerterhalt, sowie als saisonaler und lokaler Wertschöpfungsfaktor in der regionalen Landwirtschaft. Und aus Gründen des Erhalts vitaler, verjüngungsfähiger Waldböden für kommende Generationen.

Die Rolle des "toten" Holzes

Und nicht zuletzt darf eine Grunderkenntnis der ökologischen Waldwirtschaft als wichtige „Zutat in dem Rezeptbuch für naturnahe Wälder“ nicht vergessen werden: „Nichts ist so lebendig wie totes Holz!“ Denn schon an einem toten Altbuchenstamm können in den vielen Phasen seiner Zersetzung vom Bruchholz über Morsch- und Modersubstrate über 3000 Tier- und Pflanzenarten leben. Gerade seltenste Insekten-, Pilz-, Vögel- oder Fledermausarten sind auf diese Biotopholzstrukturen im Wald angewiesen, war doch Holz über lange Zeit bis zur Siedlungstätigkeit des Menschen der dominierende Rohstoff in unseren nördlichen Breiten.

Hierzu auch Greenpeace: Entscheidend ist auch, dass Bäume jeden Alters miteinander wachsen und vergehen. Im Forst fälle man die meisten Bäume lange vor ihrem Höchstalter, außerdem werde hier regelmäßig „aufgeräumt“. Dabei sorgt gerade Totholz für Leben: Das morsche, löchrige Material bietet unzähligen Tier- und Pilzarten Unterschlupf und Nahrung. Auch scheinbare Mängel haben einen Mehrwert, daher spricht man von Biotop-Bäumen: Stämme mit Blitzrinnen oder Spannungsrissen, Spechthöhlen, Wülsten oder Spalten sind Wohnraum oder Speisekammer.

Hinzu kommen die Schutzfunktionen, die ein gesunder Mischwald für unsere Umwelt übernimmt. Ein ausgewachsener Laubbaum kann täglich bis zu 500 Liter Wasser speichern. Im Jahr sind es durchschnittlich 30.000 Liter Wasser, welches ein solcher Baum dem Boden entzieht und durch seine Blätter gereinigt wieder an die Luft abgibt. Das ist wie ein Schwamm, der das Wasser aufsaugt und bei Trockenheit wieder abgibt. Die Waldvegetation beugt so dem Hochwasser vor und kann so Erosionen und Erdrutsche verhindern.

Laubbäume sind auch ausgezeichnete Sauerstoffspender. Die grünen Blätter verwandeln das Kohlendioxid in Sauerstoff. Pro Tag bindet solch ein gesunder, ausgewachsener Baum etwa 13 bis 18 Kilogramm Kohlendioxid, das sind fünf bis sechs Tonnen pro Jahr, und produziert dabei zehn bis 13 Kilogramm Sauerstoff, also etwa vier Tonnen Sauerstoff pro Jahr. Das entspricht etwa der Atemluft von elf Menschen pro Jahr.

Eine ausgewachsene Buche, Eiche oder Kastanie bindet pro Jahr etwa 100 Kilogramm Staub (Feinstaub). Ein Hektar Buchenwald kann pro Jahr an die 50 Tonnen Feinstaub vertilgen. 200 bis 300 Liter Wasser werden von einem großen belaubten Baum am Tag verdunstet. Das kühlt die Umgebung und befeuchtet die Luft.

Wald als CO2-Senke

Über die lebende und tote Biomasse des Waldes speichert der Waldboden über lange Zeit Kohlenstoff. Dieser wird nur geringfügig durch Zersetzungsprozesse wieder freigegeben. Damit funktionieren Wälder als „CO2-Senke“. Doch auch hier ist Wald nicht gleich Wald. Ein naturnaher und alter Wald speichert wegen seines hohen Holzvorrats mehr Kohlenstoff als junge Forste. Ungenutzte Wälder, die nicht von (schweren) Maschinen befahren werden, können zudem deutlich mehr Kohlenstoff im Boden speichern. In naturnahen Wäldern, die im Idealfall mit Pferderückung bewirtschaftet werden, findet man lockere, humusreiche Waldböden vor, die auch beträchtlich mehr Wasser aufnehmen, dem Hochwasser vorbeugen und vor Erosion schützen.

Die Seele des Waldes – Mythen, Sehnsüchte und Fantasien

Doch bei all den messbaren Eigenschaften des Waldes, weist uns Förster und Bestseller-Buchautor Peter Wohlleben auf die faszinierenden Funktionsweisen der einzelnen Bäume sowie des Waldes hin – auf eine ganz besondere Weise:

Der Wald besitze eine Sprache. Die Bäume sendeten Duftsignale aus, um mit anderen Arten in Kontakt zu treten. Man könne es selber erfahren an den Beispielen des Duftes der Obstbäume, Linden und Robinien. Die vom Wind davongetragenen Düfte werden auch als Warnsignal an die anderen Bäume weitergegeben, um etwa vor dem Einzug des Borkenkäfers zu warnen. Ist die Nachricht eines befallenen Baumes angekommen, könnten auch die Bäume in der Umgebung Abwehrstoffe in die Rinde einlagern – und dies vorsorglich. Die Bäume sind aber nicht unbedingt auf die Windrichtung angewiesen, sondern können sich auch über ihr Wurzelwerk miteinander verständigen.

Bei Buchen wurde festgestellt, dass möglicherweise die Wurzeln aller Exemplare eines Waldes miteinander verwoben sind.

Und genau wie Milliarden von Zellen einen Organismus namens Mensch ergeben, so kann den Wissenschaftlern zufolge bei einem Buchenwald von einem Superorganismus gesprochen werden, bei dem alle Bäume für das große Ganze arbeiten.

Unzählige und auch prominente Unterstützer für naturnahe Wälder

Einen tiefen Einblick in das Wesen der Bäume und die Funktionsweise eines Waldes mitsamt der dort beheimateten Fauna und Flora, hatte der mittlerweile verstorbene Naturschützer Professor Bernhard Grzimek. Er setzte sich früh, bereits vor gut 35 Jahren, für den Schutz der alten Buchenwälder im Steigerwald ein. Er kaufte dort zehn Hektar naturnahen Wald, damit sich dieser selbst überlassen und vor wirtschaftlicher Nutzung geschützt bleibt. Diesen vermachte er dem Bund Naturschutz. Es ist heute ein Kerngebiet des geforderten Nationalparks Steigerwald.

Generationenübergreifend

Was macht nun die Umsetzung hin zu einer naturnahen Waldbewirtschaftung so schwierig? Oder anders gefragt, warum werden nicht heute schon Großteile der Wälder naturnah bewirtschaftet?

Das Leben von Baumarten in geschlossenen Wäldern ist auf Langsamkeit ausgerichtet. Das Höchstalter liegt somit um die 500 Jahre. Das macht auch den Artenschutz so schwer koordinierbar. Die naturnahe Pflege und Bewirtschaftung der Bäume müsste über Generationen hinweg koordiniert werden, langfristige Planungen vorgenommen und Verträge geschlossen werden. Das ist für alle Beteiligten schwer greifbar, da es sich doch in ferner Zukunft abspielt. Somit auch für den Einzelnen nur schwer kontrollier- und nachvollziehbar.

Was die Beteiligten jedoch zu Lebzeiten in naturnah bewirtschafteten Wäldern beobachten könnten, ist der zunehmende Artenreichtum, der sich unter den verbesserten Bedingungen schnell wieder einstellt. Der Wald wird lebendiger und gewinnt wieder an Vielfalt. Und beim Spazierengehen eröffnet sich dem interessierten Betrachter der naturnahe Wald mit dem gesamten Spektrum seiner natürlichen Schönheit.

Die Deutschen und ihr Wald – das war schon immer eine besondere Geschichte. Seit jeher sind die Wälder Gegenstand deutscher Dichtung, Kunst und Musik. Viele nationale Mythen ranken sich um sie.

Auf Infoveranstaltungen kann man beobachten, aus Leserbriefen in Tageszeitungen oder Zeitschriften entnehmen, dass der Wald die Bürger nach wie vor in ihren Bann zieht. Kaum ein Thema findet mehr Resonanz. Bietet doch ein Aufenthalt im Wald Entspannung für den gestressten Geist und die Seele. Dazu passt die Studie des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) aus dem Jahr 2014. Mehr als 2000 befragten Bürgern gefällt die Natur umso besser, je wilder sie ist.

In einem im Jahr 2000 auf „Spiegel online“ veröffentlichten Artikel wird der Wert des Waldes so beschrieben: Heinrich Best, Soziologe an der Universität Jena, fragte rund 1000 Menschen aus Thüringen und Hessen, ob sie bereit wären, im Wald „selbst mit anzupacken, beispielsweise bei der Müllbeseitigung oder beim Pflanzen von Bäumen“. Über 80 Prozent sagten daraufhin „Ja“.

Könnten die Deutschen Etats (Finanzen, Anm. d. Red.) selbst verwalten, dann schanzten sie dem Wald ein höheres Budget zu als der Verteidigung, dem Ausbau von Verkehrswegen und der Kultur. Da spricht Volkes Stimme.


Das kann der Einzelne tun:

• Papier/Holz einsparen

• Papier beidseitig bedrucken

• Verwendung von Recycling papier (qualitativ heute gleichwertig wie Papier aus Holz-

Frischfasern; Papier kann heute bis zu sieben Mal wiederverwertet werden)

• „Papierloses Büro“ – Digitalisierung der Daten

• Beim Kauf von Holz(produkten) auf das „Blauer-Umweltengel“-Siegel und auf heimisches Holz aus FSC- oder Naturland-Zertifizierung achten

• Fleischkonsum einschränken – für den Anbau von Tierfutter (speziell der eiweißreichen Sojabohne) werden Monokulturen geschaffen. Mit anderen Worten, es wird Regenwald gerodet (Beispiel: Südamerika); übrigens auch für den sogenannten „Bio“- oder Agrosprit werden (Ur-)wälder gerodet.

• Produkte mit Palmöl meiden – Palmöl ist preiswertes Öl zur Nahrungsherstellung (auch in der Bezeichnung pflanzliches Fett kann sich Palmöl verstecken)

• Mit gutem Beispiel vorangeht in puncto Recycling-Papier der Landkreis Ostallgäu. Dieser stellt im Landratsamt, in den an der Beschaffung beteiligten Gemeinden und in den kreiseigenen Einrichtungen und Schulen komplett auf Recycling-Papier um. Ein Beispiel, welches Schule machen wird.

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