Blühendes Bankenwesen

Die Geschichte der Genossenschaftsbanken in Kempten

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Das Sparkassen-Hauptgebäude aus den 1970er Jahren, das 2015 abgerissen wurde.

Am 24. Juli 2017 öffnet das neue Sparkassenhaus am Stadtpark zum ersten Mal seine Pforten. Am 31. Juli erfolgt dann der offizielle Einweihungsakt und am 12. August gibt es einen Tag der offenen Tür. Damit beginnt für die Sparkasse Allgäu - dem wohl ältesten Kemptener Geldinstitut - eine neue Ära.

Von DR. WILLI VACHENAUER

Sparkasse in Kempten 

Schon 1825 gab es auf Anregung des Kemptener Rechtsrats Balthasar Waibel erste Planungen für die Einrichtung einer Sparkasse. Hier sollten besonders Dienstboten, Handwerksgesellen, Kinder, Lehrlinge und Tagelöhner ihr hartverdientes Geld sicher und zinsbringend anlegen können. Deswegen betrug der kleinstmögliche Einzahlungsbetrag einen Gulden. Am 23. Dezember 1825 beschloss der Magistrat die Einrichtung dieser Spar- anstalt und schon am 27. Januar 1826 genehmigte die königliche Regierung des Ober-Donau-Kreises das Vorhaben. 

Welche Möglichkeiten hatten die Kemptener zuvor, ihr überschüssiges Münzgeld anzulegen? Kleinere Beträge versteckte man zu Hause, größere Geldsummen bewahrten man in massiven Geldtruhen, an einem vermeintlich sicheren Ort auf. Diese Geldtruhen hatten oft komplizierte Sicherheitsschlösser, auf dessen Herstellung sich die Kemptener Schlosser spezialisierten. Wohlhabende Bürger investierten ihr Geld auch in Immobilienbesitz innerhalb oder außerhalb der Stadt oder legten es in Stiftungen an, die eine Absicherung für den Krankheitsfall oder im Alter boten. 

Es gab aber schon bald auch die Möglichkeit, überschüssiges Geld bei reichen Kaufleuten, eine Frühform der heutigen Geldhäuser, anzulegen. Diese Geldgeschäfte entwickelte sich schon im 12. Jahrhundert in norditalienischen Städten wie Genua, Venedig und Florenz. Sie nahmen im Geldwechsel, dem Geldanlegen, dem Verleihen von Geld gegen Zins und der Abwicklung des Zahlungsverkehrs eine Pionierrolle ein. Hier entstand der Giroverkehr zwischen Kaufleuten am Ort, bald aber auch zwischen verschiedenen Orten. Ursache dafür waren die Gefahren und Unbequemlichkeiten bei Geltransporten, es spielten aber auch die vielen unterschiedlichsten Münzsysteme eine Rolle. 

Es kam nicht selten vor, dass Fernkaufleute über einen Doppelzentner Silber (-Münzen) transportierten. Daher entwickelte sich der Wechsel, der anstelle von Bargeld ein Zahlungsversprechen an einem anderen Ort und zu anderer Zeit darstellte. Sogar der Begriff Bank im Sinne eines Kreditinstitutes stammt vom italienischen Wort banco beziehungsweise banca ab und bedeutete Tisch des Geldwechslers. Im 18. Jahrhundert kamen im damaligen Deutschland Vorläufer der Sparkassen auf, wie zum Beispiel die Waisenkasse Salem von 1749 oder die „Ersparungsclasse“ von 1778 in Hamburg, die als erste Sparkasse weltweit gilt. 

Nach 1815 begannen diese frühen Sparkassen, Sparkassenbücher an ihre Kunden auszugeben. Vorher erhielten sie Sparurkunden in Form von Bescheinigungen. Die Beliebtheit dieser Geldinstitute zeigt sich darin, dass es schon um 1900 in Deutschland rund 2700 Sparkassen gab und fast jeder dritte Deutsche ein Sparkassenbuch besaß. Nach dem Erlass des Reichsscheckgesetzes (1908) nehmen die Sparkassen ab 1909 den bargeldlosen Zahlungsverkehr in Form des Giroverkehrs auf, der den Geldverkehr wesentlich erleichterte. In der Folge kam es 1918 zur Gründung der Deutschen Girozentrale in Berlin als Spitzeninstitut der regionalen Girozentralen. Die Verwaltung der neuen Kemptener Sparkasse lag in den Händen einer eigens geschaffenen ehrenamtlichen Kommission, die Balthasar Waibel leitete. Schon im ersten Geschäftsjahr am 13. Juni 1827 konnte die Sparkasse eine Gesamteinlage von über 11.000 Gulden ausweisen, die 238 Anleger aus folgenden Bevölkerungsschichten eingezahlt hatte: Herkunft der Sparer Anzahl Dienstboten: 27, Gesellen: 7, Kinder: 115, ledige Personen: 45, Soldaten: 2, Tagelöhner: 1, Waisen: 40, Witwen: 1, Anzahl der Sparer: 238 

In der Anfangsphase hatte die Sparkasse noch ihren Sitz im Rathaus, wo die Kunden täglich ihre Guthaben einzahlen beziehungsweise abheben konnten. Ab 1844 stimmte der Kemptener Magistrat der Ausweitung des Geschäftsbereiches der Sparkasse über die Stadtgrenze hinaus zu. Damit verbunden war die Ausweitung des Geschäftsverkehrs, dessen Verwaltung immer noch sechs Magistratsmitglieder und ein Gemeindebevollmächtigter ehrenamtlich ausübten. Erzielte Gewinne der Sparkasse gingen an städtische Wohltätigkeitseinrichtungen. 1858 weitete die Sparkasse ihren Geschäftsbereich auf das Gebiet des Landgerichts Sonthofen aus. 

Den wachsenden Geldverkehr konnte die Sparkasse mit den ehrenamtlich tätigen Personen in den beengten Räumen des Rathauses nicht mehr abwickeln. Daher bezog sie im Jahre 1903 im Gasthaus Bauerntanz neue Geschäftsräume. Bereits im Jahre 1907 wuchsen die Einlagen auf über 2,7 Millionen Reichsmark an. Eine massive Krise überzog die Banken und Sparkassen zu Beginn des ersten Weltkrieges von 1914 bis 1918. Schon in den Tagen vor der Kriegserklärung plünderten viele Kemptener ihre Sparkonten und horteten damit einen Goldvorrat in Form von zehn oder zwanzig Goldmarkstücken, denn im Deutschen Reich gab es damals noch eine Goldwährung. Deswegen verlor die Reichsbank in der Zeit vom 22. bis 31. Juli über 100 Millionen Goldmark und ihr Goldbestand reduzierte sich von 1.357 Millionen auf 1.253 Millionen Goldmark. Um ihre Goldbestände zu sichern, hob die Reichsbank am 31. Juli 1914 die Goldumtauschpflicht auf. 

Zur Unterstützung dieser Maßnahme führte der Kemptener Magistrat am 31. Juli 1914 eine Kündigungsfrist für die Geldabhebung bei der städtischen Sparkasse ein, der sich auch die Genossenschaftsbanken anschließen mussten. Sie betrug für Summen ab 100 bis 1000 Reichsmark einen Monat, für höhere Geldbeträge zwei Monate. In der Kemptener Presse erschienen schon in den ersten Augusttagen 1914 die Meldungen, dass jedermann auch Papiergeld in Zahlung nehmen müsse; dies bedeutete das Ende der Goldwährung. 

Schon wenige Jahre nach dem ersten Weltkrieg brachen für die Bankinstitute der Stadt während der Hyperinflation 1923 bis 1924 und der Weltwirtschafskrise Ende der 1920er Jahre erneut schwere Zeiten an. Noch kurz vor diesen dramatischen Ereignissen begann die Sparkasse mit der Erweiterung ihrer Bankgeschäfte. 1921 gab sie ihre ersten Schecks aus und nachdem die Sparkasse am 1. April 1922 ein neues Gebäude in der Gerberstraße 48 bezogen hatte, gewährte sie 1923 den ersten Kredit. In der folgenden Zeit beteiligte sich die Sparkasse an vielen Bauvorhaben als Geld- und Kreditinstitut nicht nur direkt, sondern sie vergab auch Kredite und ermöglichte damit die Finanzierung des Wohnungsbaus ganz allgemein. Damit entwickelte sich die Sparkasse zum breit angelegten Geldinstitut. In der Phase der Hyperinflation verlor die Sparkasse fast ihr ganzes Vermögen. Trotzdem konnte sie ihren Sparern noch eine Einlagensicherung gewähren, die zwölfeinhalb Prozent ihrer Spareinlagen betrug. Dank der steigenden Zahl von Kunden aus bäuerlichen und milchwirtschaftlichen Kreisen konnte sich Sparkasse rasch erholen. 

1929, also in der Weltwirtschaftskrise, richtete die Sparkasse im Landkreis verschiedene Zahlstellen ein. Daraufhin nannte sie sich ab 1934 „Stadt- und Kreissparkasse“ und eröffnete eine erste Zweigstelle in der Fischerstraße. Da sich diese Räumlichkeiten nicht besonders eigneten, verlegte die Sparkasse ihre Filiale in die Bahnhofstraße. Im „Dritten Reich“ wurden die Sparkassen, die Landesbanken/Girozentralen und Verwaltungsorgane und ihr Personal politisch „in das NS-Wirtschaftssystem integriert“. Bestes Beispiel dafür war das Sparkassengesetz vom 21. Dezember 1933. Es zielte darauf ab, die bisherige kommunale Verwaltung durch ein zentralistisches Diktat zu ersetzen und die Ersparnisse der Bevölkerung zu mobilisieren, um sie für die Zwecke von Aufrüstung und Kriegsführung zu nutzen. 

Als 1935 der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) als „Wirtschaftsgruppe Sparkassen“ zwangsweise in die NS-Wirtschaftsorganisation eingegliedert wurde, ging damit oft ein Austausch der Führungskräfte einher. Üblicherweise führten in Bayern die Bürgermeister den Vorsitz im Verwaltungsrat der örtlichen Sparkasse. Das sogenannte Berufsbeamtengesetzes vom 7. April 1933 schuf die rechtliche Grundlage, um auch Bürgermeister zu entlassen oder in den Ruhestand zu versetzen, wenn sie den Machthabern rassisch und politisch unerwünscht waren. Dies führte auch in Kempten dazu, dass Oberbürgermeister Dr. Merkt am 27. November 1942 seine Ämter aufgeben musste. Ihm folgte als Oberbürgermeister und Vorsitzender des Verwaltungsrates der Sparkasse Anton Brändle. Bei der Sparkasse hielten sich die Spareinlagen kurz nach der Währungsreform 1948, nach der Auszahlung des Kopfgeldes von zunächst 40 DM (Deutsche Mark), in bescheidenen Grenzen. 

Im Zuge des Wiederaufbaus und des folgenden Wirtschaftswunders setzte aber eine starke Kreditnachfrage ein. Dank des Aufschwungs nahm das Geschäftsvolumen der Sparkasse stetig zu. Die bisherige Hauptstelle der Sparkasse in der Gerberstraße konnte den wachsenden Geldverkehr nicht mehr bewältigen. Daher beschloss die Sparkassenführung eine neue Hauptstelle zu errichten. Im Januar 1954 konnten die Mitarbeiter den Neubau an der Horchlerstraße, zum Stadtpark hin, beziehen. Die Mitarbeiter, die bisher in der Gerberstraße tätig waren, übernahmen eigenhändig den Transport der Buchungsmaschinen und der Belege. 

1970 überschritt die Bilanzsumme die Grenze von 200 Millionen DM und wegen der Zunahme des Geldverkehrs wuchs auch das Filialnetz. Um in diesen Zeiten, noch fern von Homebanking, den Kunden einen möglichst Wohnortnahen Service zu bieten, setzte die Sparkasse sogar eine fahrbare Zweigstelle ein. Anfangs der 1970er Jahre kam es zu erheblichen Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen an der Hauptstelle. Es wurde ein Neubau errichtet, bei dem man Abschnitte des Altbaus mit einbezog. Dieser Neubau, den manche Bürger wegen der im oben Gebäudeteil integrierten Betonkugeln „Knödelburg“ nannten, wurde 1974 feierlich eröffnet. Schon im Jahre 1975 konnte die Sparkasse Kempten ihr 150-jährigen Jubiläum feiern und beschäftigte 187 Mitarbeiter. 

Wegen der stetigen Zunahme der Geschäftstätigkeit genügten auch diese Baumaßnahmen schon bald nicht mehr den Anforderungen. Zwischen 1994-1995 kam es daher zu einem erneuten Ausbau der Büroflächen durch Überbauung des Zwischenraumes bis hin zu den sog. „Langen Ständen“. In dieser Hauptstelle an der Königstraße befanden sich neben der großen Kundenabteilung im Erdgeschoss in den oberen Etagen auch der Geschäftssitz und die Verwaltung der Sparkasse. Im Jahr 1975 hatte die Sparkasse 24 Zweigstellen in der sie 187 Mitarbeiter beschäftigte. Sie wies eine Bilanzsumme von 379,4 Millionen DM aus, die bereits 1986 die Milliardengrenze und schon zehn Jahre später die Summe von zwei Milliarden DM überschritt. 1998 konnte der Neubau der Filiale Bahnhofstraße fertig gestellt werden und die Sparkasse leitete mit einer eigenen Homepage das Internetzeitalter ein. 1999 feierte die Sparkasse Kempten ihr 175-jähriges Jubiläum. 

2001 fusionierte sie mit der Kreis- und Stadtsparkasse Sonthofen-Immenstadt und mit der Sparkasse Ostallgäu zur „Sparkasse Allgäu“. Im Geschäftsjahr 2016 verfügte sie über Kundeneinlagen von 3,249 Mrd. Euro und konnte eine Bilanzsumme von 4,305 Mrd. Euro ausweisen. Die bisherige Hauptstelle an der Königstraße fiel im Frühjahr 2015 den Abrissbaggern zum Opfer. Ein moderner und zweckmäßig gestalteter Neubau wird am 31. Juli 2017 offiziell eingeweiht. Der Bau dieses nicht unumstrittenen Gebäudes verschlang über 35 Millionen Euro. Die Sparkasse hat aktuell in der Stadt sechs „bemannte“ Filialen sowie zahlreiche Servicestellen und ist damit in vielen Stadtteilen vertreten.

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