"Ein Baustein der Mobilität"

Teilen statt besitzen – Richtungsweiser für die Zukunft?

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Wer mal mehr zu transportieren hat, nimmt wie Romana Gabler, Assistentin beim Stadtflitzer, den Kleintransporter.

Kempten – Viel ist dieser Tage von der Fahrradstadt Kempten zu hören, verbirgt sich darin doch die Hoffnung, die Stadt etwas klimafreundlicher zu gestalten. Dass die Stadtverwaltung sich dabei auch auf andere Mobilitätsformen einlässt, hofft das Team hinter dem Carsharingkonzept „Stadtflitzer“, Inhaber Peter Bantele und Assistentin Romana Gabler.

Bislang sieht es aber nicht so aus, dass die Stadt ihre Möglichkeiten nutzt, die ihnen durch ein Bundesgesetz gegeben sind: Kommunen dürfen Parkplätze ausweisen, die nur für Carsharing zur Verfügung stehen. Etwa an den „langen Ständen“ am Gericht oder auch im Bereich diverser Anwohnerparkplätze sei dies denkbar. „Dafür werben wir schon lange“, sagt Bantele. 

Den Stadtflitzer gibt es in Kempten bereits seit 2004, ist seitdem auf eine Flotte mit 13 Autos angewachsen, die in der Region verteilt stehen und auf Mitfahrer warten. Wer Mitglied ist, kann per App einen Wagen aussuchen, vom Mini bis zum Siebensitzer reicht die Auswahl, buchen und ohne Wartezeit losfahren. Mittels eines Lesegeräts, für die jedes Mitglied eine Karte besitzt, kann das gebuchte Auto geöffnet werden. Abgerechnet wird dann hinterher in einer monatlichen Rechnung. Der Vorteil dabei: Bei acht bis 17 Teilnehmer pro Auto fällt die Leerlaufzeit geringer aus, damit sowohl die Ressourcen, die ein Auto in der Herstellung bindet, wie auch die Kosten. Je nach gewähltem Tarif und Automodell kostet eine Stunde zwischen 50 Cent und etwa 4 Euro. Benzin inklusive. 

Das bietet gerade für Wenignutzer Sparpotential. Man unterschätze häufig die Realkosten eines Wagens, so Bantele, auch ein Auto das viel herumsteht, verursache zahlreiche Kosten für Versicherung und Wartung. Das gelte auch für Dienstwagen, deshalb gebe es auch Firmen, die auf Carsharing setzen. Der Stadtflitzer gehört einem Branchenverband an, bei dem „rund 95 Prozent aller Carsharingunternehmen dabei sind“. Das, so Bantele, ermögliche eine Quernutzung. Wer also in seiner Heimatstadt am Carsharing teilnehme, könne mit diesem Mitgliedskonto auch in Partnerunternehmen anderer Städte z.B. während des Urlaubs ein Auto teilen. Der Bedarf am Carsharing wächst deutschlandweit. 

Der Bundesverband Carsharing hat im Jahr 2019 eine Zunahme von einem Plus von 21,5 Prozent festgestellt. Ist damit auch weiterhin zu rechnen? Das hängt sicherlich von der Rolle ab, die das Carsharing einnehmen will. Bantele will „Lücken füllen, die der vorhandene Nahverkehr nicht abdecken kann“. Das bedeutet u.a., Strecken zu ermöglichen, für die es keinen Bus gibt, zu Zeiten zur Verfügung stehen, die vom Busplan nicht abgedeckt werden und Spitzen abzufedern. Ihm sei aber Konkurrenzdenken der einzelnen Mobilitätsformen fremd. „Carsharing ist ein Element in der gesamten Mobilität.“ Bantele wünscht sich „einen Schub im ÖPNV“, der sei in Kempten nicht so aufgebaut, dass sich jeder statt eines Autos darauf verlassen könne. Er ärgert sich, „dass man über Seilbahnen spricht, aber am Boden funktioniert es nicht.“ 

Deshalb gebe es Kunden, so Romana Gabler, die das Konzept erstmal ausprobieren und testen, ob sie mit der Mischung aus Carsharing und ÖPNV zurechtkommen. Gerade Rentner seien es derzeit, die ihr Auto nach dem Abschied aus dem Arbeitsleben abstoßen würden. Oder Familien, die künftig auf einen Zweitwagen verzichten wollen. Das sei etwa bei den Nutzern im Neubaugebiet in Oberdorf der Fall. E-Scooter, die gerade in Großstädten im vergangenen Jahr in aller Munde waren, wird es im Angebot des Stadtflitzers nicht geben. Zu häufig sei Vandalismus ein Problem, wie etwa auch Berliner Bürger erleben musste, als Dutzende Scooter aus der Spree gezogen wurden. „Das soziale Gefüge ist in Deutschland nicht so“, vermutet Bantele, „dass man solidarisch auf das Teilen verschiedener Mobilitätsformen setzen kann.“ Dass dies zumindest bei seinen Stadtflitzern gut klappt, lässt ihn annehmen, dass sich „Teilen aus Gründen der Wirtschaftlichkeit“ auch in der Zukunft weiter fortsetzen werde.

kb

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