Ein teurer Spaß 

Herbstgespräch der Wirtschaftsjunioren über ein Aussterben öffentlicher Veranstaltungen

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Kempten – In der jüngsten Vergangenheit kam es immer wieder zu Klagen von Veranstaltern, die über die behördlich angeordneten Sicherheitskonzepte und die damit verbundenen Kosten für ihre Veranstaltungen klagten.

Betroffen von den hohen Sicherheitsauflagen waren u.a. der Faschingsumzug der Faschingsgilde Rottach, der Illermarathon von Laufsport Saukel, aber auch das vom City-Management (CM) Kempten organisierte Stadtfest oder die von der Stadt Kempten selbst getragene Allgäuer Festwoche. 

Zu diesem Thema luden die Wirtschaftsjunioren Kempten zu einer von ihrem Mitglied Steffen Junker moderierten Podiumsdiskussion ein. In der Runde sollten Fragen rund um die Sichherheitsauflagen bei öffentlichen Veranstaltungen diskutiert werden. Im Gespräch sollte evaluiert werden, ob die scharfen Auflagen zu einem Aussterben etablierter Veranstaltungen führen, weil es u.a. kleine Vereine nicht mehr schaffen, Veranstaltungen finanziell zu stemmen. Eingeladen als Gäste waren Horst Bräuninger, Präsident der Faschingsgilde Rottach, Thomas Kreuzer, MdL und Kemptener Stadtrat; Joachim Saukel, Inhaber Laufsport Saukel und Vorstandsmitglied CM Kempten sowie Florian Stern, Geschäftsführer der Audi Arena Oberstdorf. 

Wer soll das bezahlen? 

In den letzten Jahren mauserte sich der im Jahre 1998 im Thingers gestartete „Gaudiwurm“ der Faschingsgilde Rottach zu einem respektablen Faschingsumzug, der Tausende von Besuchern in die Innenstadt lockte. In diesem Jahr fand kein Umzug mehr statt und Horst Bräuninger rechtfertigt dies mit den hohen Sicherheitskosten. „Als wir anfingen, liefen zwei Polizisten unserem Umzug voran, nun sind sieben Polizeifahrzeuge und ein privater Sichherheitsdienst im Einsatz. Da wir leider am Rande unserer Veranstaltung nicht genügend Zuschauergeld einsammeln konnten, haben wir beschlossen, in diesem Jahr den Umzug ausfallen zu lassen“, so der alte und neue Präsident der Faschingsgilde. 

Nicht viel anders sah es für den von Laufsport Saukel initierten Illermarathon aus. „Zuerst dachten wir, da unser Lauf über Land und nicht durch die Stadt führt, dass es für uns einfacher würde, den Illerlauf zu organisieren. Das war ein Trugschluss. Am Ende waren wir gezwungen, mit jeder Gemeinde und Freiwilligen Feuerwehr zwischen Immenstadt und Kempten über Sicherheitsauflagen zu verhandeln. Das führte zum Ende des Illerlaufs“, weiß der Veranstalter Joachim Saukel zu berichten. Bräuninger und Saukel antworten auf Nachfrage, dass die Kosten ihrer Veranstaltungen sich zwischen 15.000 Euro und 30.000 Euro belaufen. Rund die Hälfte davon machen die Ausgaben für Sicherheit aus. 

Dilemma

 Etwas anders sieht es bei international bekannten Veranstaltungen wie der Vierschanzentournee der Audi Arena Oberstdorf aus. „Wir brauchen für unsere Veranstaltungen nicht mehr um Zustimmung zu buhlen, für die bekannten Großevents stehen die Sicherheitskonzepte und wir haben viele Festangestellte. Trotzdem sind wir froh, dass wir bei Spitzenevents auf unser 800 Köpfe starkes Volunteer-Team zurückgreifen können“, so Geschäftsführer Florian Stern. Joachim Saukel hingegen bezweifelt, ob es seine Veranstaltungen mittlerer Größe zukünftig noch geben wird: „Bei den mittelgroßen Veranstaltungen sind die Kosten hoch, die Einnahmen häufig zu gering. Erhöhen wir z.B. das Startgeld oder gehen mit der Sammelbüchse rum, verlieren wir Teilnehmer und Zuschauer“, so der Sportveranstalter.

Auf diese Umstände angesprochen, antwortet der Kemptener Politiker Thomas Kreuzer mit dem Hinweis, dass Sicherheitsvorschriften auch dazu dienen, den Veranstalter zu schützen. Kreuzer verweist auf das Unglück, dass sich 2010 bei einer Loveparade in Duisburg ereignete und das bis heute juristische Verfahren nach sich zieht. Trotzdem rät Thomas Kreuzer Städten und Gemeinden, sich als Partner der Veranstalter zu verstehen und es mit der Vorschriftswut nicht zu übertreiben. 

„Ich bin kein Freund zu detaillierter Vollzugshinweisen, man sollte den Menschen vor Ort mehr Ermessensspielraum lassen“, so Kreuzer. Grundsätzlich rät dieser: „In jedem individuellen Fall ist ein goldener Mittelweg zu suchen, der abwägt zwischen größtmöglicher Sicherheit und der damit verbunden Kostenlast für den Veranstalter.“ In Bayern greift für den Fall, dass Ehrenamtliche bei ihrem Engagement Schaden erleiden und sie selbst für diese Fälle keinen ausreichenden Versicherungsschutz genießen, die 2007 geschaffene, subsidiär wirkende Bayerische Ehrenamtsversicherung. Diese besteht aus einer Unfall- und Haftpflichtversicherung. 

Nichts ist sicher

Joachim Saukel brachte zwei weitere wichtige Aspekte in die Diskussion. Zum einen appellierte er auch an die Teilnehmer und Besucher von Veranstaltungen, eigenverantwortlich zu handeln. 2008 fanden drei Sportler beim Extremberglauf an der Zugspitze den Tod, weil im oberen Streckenverlauf das Wetter plötzlich umschlug und Minustemperaturen dazu führten, dass drei Sportler den Kältetod starben. „Ich kann nicht auf der gesamten Streckenlänge Wärmedecken auslegen, sondern muss auch an den gesunden Menschenverstand der Veranstalter und Teilnehmer appellieren, solch gefährliche Läufe abzusagen oder nicht an diesen teilzunehmen.“ Um kleineren Veranstaltern bei ihren Events finanziell zu helfen, empfiehlt Saukel die Einrichtung eines Fonds. 

Die Mittel für diesen Fond könnten von Fußballbundesligavereinen erbracht werden, die für den Einsatz von Polizei-, Feuerwehr- und Sanitätskräften außerhalb ihrer Stadien nicht zu zahlen hätten und somit die Kosten dieser Einsätze dem Steuerzahler aufbürden. Thomas Kreuzer konnte sich allerdings nicht mit diesem Vorschlag anfreunden. Er betrachtet es als grundsätzlich schwierig, dem Veranstalter über das Veranstaltungsgelände hinaus Kosten zur Sicherung aufzuerlegen. Wenn es bei der Vierschanzentournee aufgrund eines hohen Besucheransturms zu verkehrstechnischen Problemen auf Anfahrtswegen mit Polizeieinsatz kommt, möchte Kreuzer dies nicht dem Veranstalter finanziell anlasten. 

Ein weiterer Punkt, der angesprochen wurde, waren die mittlerweile zu jeder Großveranstaltung eingesetzten Beton-Sicherheits-Steine, die Anschläge wie dem vom Breitscheidplatz verhindern sollen. Kreuzer sieht den Einsatz der Steine angesichts einer jüngsten Attacke mit einem schweren LKW in Limburg als notwendig an, die anderen Diskutanten fragten sich allerdings, ob im Zeitalter ferngesteuerter Drohnen nicht noch andere Gefahren drohen, bei denen Schutz unmöglich ist. Die Frage, inwieweit solche Sicherungsmaßnahmen sinnvoll sind, ging im Anschluss auch an die rund 100 Besucher der Veranstaltung. 

Publikum

 Niklas Ringeisen, selbst im Vorstand der Wirtschaftsjunioren Kempten und Geschäftsstellenleiter des City-Management Kempten, verwies auf die modernen neuen Fußballstadien in Deutschland, die zeigen, dass es sinnvoll ist, in Sicherheit zu investieren. Es kommen weniger Hooligans ins Stadion, dafür mehr Familien mit Kindern. Werner Wittmann, Vorsitzender vom Verein „Wir in Kottern“ und selbst Feuerwehrmann, bestätigte zum einen, dass Mitglieder der Feuerwehr an der Belastungsgrenze sind, wenn es um die Besetzung von Tag- und Nachtwachen bei grö- ßeren Events geht. Ein weiteres Ärgernis stellten für Wittmann die scharfen Brandschutzbestimmungen bei der kürzlich gefeierten Fahnenweihe in Sankt Mang dar. Wittmann berichtete, dass Veränderungen an einer seit langem bestehenden Halle vorgenommen werden mussten, die aus seiner Sicht absolut überflüssig waren. 

Stefan Keppeler, Vorsitzender des Stadtjugendrings, warf ein, dass sich Bürger durch Terrorgefahr nicht den Spaß nehmen lassen dürfen. „Absoluten Schutz vor Anschlägen gibt es nicht und wir dürfen nicht zulassen, dass die, die ihn verüben, am Ende triumphieren, wenn wir uns nicht trauen“, sagt Keppeler. Jemand, der sich offensichtlich traut, ist Horst Bräuninger von der Faschingsgilde Rottach. Der suchte das Gespräch mit den Verantwortlichen der Stadt Kempten und konnte am Abend stolz verkünden: „Am 22. Februar startet unser neuer großer Faschingsumzug in Kempten.“


Jörg Spielberg

Kommentar von Jörg Spielberg

Lokale politische Entscheider sind nicht nur Vermittler zwischen Stadtverwaltung und Veranstaltern, sondern sind mitverantwortliche Akteure, wenn es um die Sicherheit von Veranstaltungen geht. Das tragische Unglück auf der Loveparade von 2010 in Duisburg mit 21 Toten ist dafür trauriger Beleg. In der Verantwortung standen nicht nur der Veranstalter, sondern auch Bürgermeister Adolf Sauerland und die Stadtverwaltung Duisburg. Obwohl es durch mehrere Gutachten als erwiesen gilt, dass der damalige Bürgermeister seiner Verantwortung nicht gerecht wurde, weigerte sich dieser vom Amt zurückzutreten. Dieser eigenständige Rücktritt hätte für Adolf Sauerland, CDU, bedeutet, alle Pensionsansprüche zu verlieren. Erst durch ein neu geschaffenes Abwahlverfahren durch ein Bürgerbegehren konnte Bürgermeister Adolf Sauerland seines Amtes enthoben werden. Seit dieser Zeit und nicht erst seit dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz sind – verständlicherweise – viele Entscheider in den Rathäusern risikoscheuer geworden. 

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