Unterhaltsam tragisch

"Nicht Maria Stuart" wirft einen anderen Blick auf den folgenreichen Zickenkrieg zweier Königinnen

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Birgit Reutter unterzieht die englische Königin Elisabeth I. in „Nicht Maria Stuart“ einem Imagewandel.

Kempten – Elisabeth I., Königin von England und Maria Stuart, Königin von Schottland, zwei schicksalhaft miteinander verbundene Gestalten, die nicht nur Dichter und Denker umgetrieben haben.

Unter anderem Friedrich Schiller beschäftigte sich in einer Tragödie mit den beiden Rivalinnen, Stefan Zweig widmete der im Ränkespiel in der Regel als Opfer beschriebenen Maria Stuart eine Romanbiographie, Gaetano Donizetti machte „Maria Stuarda“ zum Thema einer Oper, Elfride Jelinek schrieb ein Theaterstück „Ulrike Maria Stuart“ und neben einem Musical inspirierte der historische Kampf zweier Frauen um Macht und Ansehen in einer männerdominierten Gesellschaft auch Komponisten von Wagner bis Lou Reed zu Liedern. Auch die am Theater in Kempten (TiK) engagierte Sängerin und Schauspielerin Birgit Reutter konnte sich der Magie dieser beiden Lebensschicksale nicht entziehen.

Sie feierte mit dem von ihr selbst bereits vor einigen Jahren als Diplomarbeit an der Theaterakademie in München geschriebenen Stück „Nicht Maria Stuart“ (Inszenierung Wolfgang Seidenberg) vergangene Woche eine heftig beklatschte Premiere im TheaterOben.

In der One-Woman-Show werden nicht nur klassische Elemente aus Schillers Trauerspiel mit der modernen Gegenwart verknüpft. Hier darf die als „jungfräuliche Königin“ in die Geschichtsbücher eingegangene, ihrem Machterhalt alles unterordnende Elisabeth, die ihr Land in 39 Jahren auf dem Thron zu Ruhm und Reichtum geführt hat, nicht nur Mensch, sondern Frau sein. Nicht Maria Stuart als das Opferlamm – ist sie wirklich nur politische Schachfigur oder eine intrigante Strippenzieherin? – steht im Mittelpunkt, sondern die Elisabeth, die als „Bastard“ einst selbst fürchten musste, auf dem Schafott zu landen wie ihre Mutter; die mit sich ringende Elisabeth, die am Ende schließlich doch das Todesurteil Marias unterzeichnet; 

Elisabeth, die sich ihren Zwängen als Königin und ihren Wünschen als Frau unterordnet. Während die protestantische Elisabeth sich ihren Pflichten beugt und aus politischem Kalkül auch unverheiratet bleibt, folgt die strenge Katholikin Maria ihren Leidenschaften, verheiratet sich vier Mal, allerdings ohne ihren Gatten jemals Machtbefugnisse einzuräumen, und beseitigt sie nach Gusto. Marias Selbstverständnis, die rechtmäßige Erbin der englischen Krone zu sein (ihre Großmutter väterlicherseits war die ältere Schwester Heinrichs VIII.), macht sie zur gefährlichsten Gegenspielerin Elisabeths.

Zwölf moderne Songs aus den Genres Musical, Pop und Chanson hat Reutter mit neuen pointierten, mal vergnüglichen mal bewegenden Texten versehen, die Christoph Weinhart schwungvoll auf dem Flügel begleitet. Modern auch der Rahmen, in dem sich Reutter, trotz Dekolleté, im steifen weißen Kragen bewegt. Die roten Locken sind zwar zur für Elisabeth typischen Frisur drapiert, das Gesicht aber weit weniger überschminkt, als man es von vielen Porträts kennt. Es wirkt weicher, weiblicher und verletzlicher als auf historischen Abbildungen, auf denen sich die wahre Elisabeth hinter einer harten Maske zu verbergen scheint. 

Die schimärenhafte Omnipräsenz Marias übernimmt eine Videowand, auf der das Konterfei der schottischen Königin in unterschiedlicher Wucht zugegen ist, je nach Akt der realen mittelalterlichen Variante eines „Game of Thrones“.

Reutter brilliert in ihrer höchst facettenreichen Rolle der Elisabeth, gesanglich wie darstellerisch und kann nach zähem inneren Ringen mit ihrem Gewissen am Ende doch aufatmen: „Sie ist tot. Jetzt endlich hab’ ich Raum auf dieser Erde.“

Christine Tröger

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