"Make America great again"

Theater in Kempten: Die Musicaltragödie "Arizona" verbindet zwei "Kriegs"-Schauplätze

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George (Philipp Brammer) und Margaret (Birgit Reutter) sorgen an der US-amerikanischen Grenze zu Mexiko dafür, dass alles seine Ordnung hat. Ausgestattet mit uramerikanischen Utensilien wie Freiheitsstatue und Waffe hat George auch seine Golfschläger dabei – nicht der einzige Hinweis auf US-Präsident Donald Trump in der Inszenierung von „Arizona“.

Kempten – „Ich bin dein Ehemann, ich weiß, was gut für dich ist.“ Der Satz fällt erst gegen Ende des Stücks. Der Inhalt des Satzes aber zieht sich von Anfang bis Ende durch eineinhalb Stunden in „Arizona“. Schlimm genug, ist die durch und durch patriarchal geprägte Ehe von George und Margaret doch nur ein Nebenschauplatz. Im Mittelpunkt steht ihr patriotischer Einsatz.

Sie sind aus dem Mittleren Westen der USA nach Arizona gereist, um ihr Land vor potentiellen Eindringlingen, sprich Migranten, aus dem Süden zu verteidigen, die ihr amerikanisches Idyll bedrohen, „unsere Söhne ermorden und unsere Töchter vergewaltigen“, wie George seiner Frau erklärt. „Sie wollen die Harmonie und Reinheit unserer Seelen und Körper beschmutzen.“ Nun also sind sie hier für „das Projekt“, dem sich viele „verbündete Männer und Frauen“ angeschlossen haben, Zivilisten, die sich ebenso von den Fremden bedroht fühlen, wie George und Margret. Für den Einsatz hat George auch seinen sozusagen „best friend“ mitgebracht – sein Gewehr. 

Als sich die Eheleute in ihrem kleinen Feldlager in der Wüste Arizonas an der Grenze zu Mexiko einrichten, bemerkt der von einem früheren Kriegseinsatz traumatisierte Veteran, dass er seine Waffe im Auto vergessen hat – und rastet völlig aus; wie auch in anderen Trigger-Momenten, u.a. als die Nationalhymne im Radio ertönt. „Make America great again“ ziert seine Kappe, die mal Georges Haupt bedeckt, mal an einer Kronenzacke der schon etwas ramponierten Freiheitsstatue hängt. Sie ist Teil des von George und Margaret mitgebrachten Camp-Inventars.

War der Traum eines beschwingt-leichten Ehelebens schon zuvor eine Illusion, bekommt er unter der sengenden Wüstensonne alsbald Risse. Während George auf seinem Aussichtsturm sitzt und die Grenze mit Feldstecher überwacht, erwachen Bedenken bei der Readers Digest gebildeten Margaret und sie beginnt, Fragen zu stellen. „Warum sind wir nochmal hier?“, fragt sie ihren Gatten zaghaft. „Wir sind hier, um unser Land zu verteidigen“, antwortet er ihr bislang nur erstaunt über die Frage. „Ah, ich erinnere mich – aber gegen wen?“, bohrt sie weiter. „Gegen DIE, unsere Nachbarn“, erklärt George langsam ungehalten. „Wir überwachen und reflektieren die Lage an der Grenze.“ Margarets Fragen greifen immer tiefer und, um die „Mission“ zu rechtfertigen, scheut George nicht einmal davor zurück die Bibel zu bemühen – bis zum „Point of no return“, der hier ganz sicher nicht verraten wird.

Kongenial wie ideal besetzt ist das Stück mit Birgit Reutter und Philipp Brammer. Sie schlüpfen erschreckend lebensnah in die Rollen dieses klischeehaften, im wirklichen Leben viel zu häufig auch sehr authentischen Ehepaares. Blond und ihrem Ehemann ergeben – oder ausgeliefert – fällt dem oftmals eingeschüchtert wirkenden Püppchen Margaret als zentrale Aufgabe zu, ihrem Mann zu Diensten zu sein. Mit Stöckelschuhen und Kleidchen erfüllt sie selbst im Wüstenlager vollumfänglich ihre (haus-)fraulichen Pflichten, wobei allein schon ihre Mimik Bände spricht. 

Reutter brilliert zudem stimmlich, unter anderem mit „Somewhere“ aus der „West-Side-Story“, ein Musical das sich bekanntlich ebenfalls mit dem Konfliktstoff Einwanderer in den USA beschäftigt. Als krasses Gegenstück stakst der dickwanstige George in Tarnkleidung mit selbstgefälliger Mine herum, die Brammer – gruselig echt – häufig blitzschnell in einen irren, Unberechenbarkeit verströmenden Blick verwandelt.

Geschrieben hat „Arizona, eine amerikanische Musicaltragödie“ der Spanier Juan Carlos Rubio bereits vor über zehn Jahren, übersetzt hat es Wolfgang Seidenberg, der es für das Theater in Kempten (TiK) in Kooperation mit dem Theater Hof auch inszeniert hat. Erschreckend, dass es an Aktualität nicht nur durch die paranoide Mauerbau-Aktion des US-Präsidenten Donald Trump gewonnen hat. „Arizona“ hat begonnen, sich wie ein Flächenbrand weltweit auszubreiten.

Die Inszenierung besticht durch viele tragikomische Momente, die die Schwere des Themas erträglich machen, ohne sie zu banalisieren. Das Bühnenbild von Aylin Kaip (auch Kostüme) kommt bestens mit wenigen Elementen aus. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit: eine Wand, auf die eine durch Lichteffekte wandelbare Wüstenszenerie gemalt ist; die Freiheitsstatue, der buchstäblich ein Zacken aus der Krone gefallen ist, den George mit Klebeband zu kitten trachtet; ein Plastikkaktus, dem eine nicht unwichtige Rolle zukommt; ein langer gehäkelter Schal, der wie die Verlängerung der Straße aus dem Nichts (vom Norden kommend) ins Nichts (nach Süden hin) wirkt; ein Wachturm vor allem für George, ein Podest für Margarets Klappstuhl, eine Kühlbox mit Cola drauf und drin plus – auch ein entscheidendes Requisit – Wasser; ein Radio, Fernglas und natürlich das Gewehr.

Ein bisschen schade ist, dass die bedeutungsgeladene Schlussszene dann doch sehr kitschig rüberkommt.

Der Applaus sprach für sich. Er wollte nicht enden. Ein strahlendes Gesicht hatte auch der eigens aus Spanien angereiste Autor Juan Carlos Rubio, der ebenfalls mit einhelligem Beifall bedacht wurde.

Zu sehen ist „Arizona“ noch zu folgenden Terminen in der Theaterwerkstatt in der Franz-Tröger-Straße 4: Do, 17.10. (20 Uhr), Sa., 19.10. (19 Uhr), So., 20.10. (20 Uhr), Do., 24.10. (20 Uhr), Sa., 16.10. (19 Uhr), So., 27.10. (20 Uhr); jeweils 30 Minuten vor Beginn gibt es eine Einführung.

Christine Tröger

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