Arbeitskreis löst sich auf

Thingers – erfolgreiche Stadtteilentwicklung vom sozialen Brennpunkt zum Wohlfühlviertel

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Arbeitskreiskoordinatoren Willi Stiewing (3.v.li.) und Pfarrer Wolf Hennings (4.v.li.) mit Pressereferentin Sanja Jankovic (2.v.li) und Christa Prause (v.li.) von ikarus.thingers e.V. im Gespräch zu den zukünftigen Aufgaben im Stadtteil Thingers.

Kempten – Der Arbeitskreis Stadteilentwicklung Thingers wird nach 22 Jahren erfolgreich beendet. Anlässlich dieses denkwürdigen Ereignisses hatten Willi Stiewing, Koordinator des Arbeitskreises und Wolf Hennings, zweiter Vorsitzender ikarus.thingers e.V. zu einem Festakt in den Bürgertreff Thingers eingeladen

Der evangelische Pfarrer Wolf Hennings eröffnete die Veranstaltung mit einer kleinen Geschichte. Friedrich von Bodelschwingh, ein deutscher evangelischer Theologe, der das erste Jugendhaus für Straßenkinder gründete, hatte eine Begegnung mit einem kleinen Jungen, der einen grässlichen, großen unbekannten Hund mit den Worten „Man muss ihn nur liebhaben“ umarmte. „Wie formt man jemanden, wie macht man Mut?“ stellte Hennings den Anwesenden die Frage. Für ihn gibt es nur eine Antwort – „Man muss diesen Stadtteil und die Menschen darin nur liebhaben“. 

Oberbürgermeister Thomas Kiechle würdigte in seinem Grußwort die Erfolgsgeschichte des Arbeitskreises Stadtteilentwicklung Thingers. Für ihn sei das Fundament für eine gute Entwicklung der Gesellschaft und unserer Stadt, das Gute im Menschen zu sehen und Spott und Häme die klare Kante zu zeigen. Willi Stiewing, Pfarrgemeinderat von St.Hedwig kam vor zehn Jahren zum Arbeitskreis Thingers. 

Er gab einen Überblick zu den Anfängen. Der Stadtteil Thingers im Norden von Kempten galt um die Jahrtausendwende als schwierigstes Problemviertel der Stadt. In den 90er Jahren kamen verstärkt Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion in den Stadtteil. Dies führte zu einer schnellen Veränderung der Bevölkerungsstruktur verbunden mit wachsenden Spannungen zwischen alteingesessenen und neu zugezogenen Bürgerinnen und Bürger. Ein Stadtgebiet gekennzeichnet von starken kulturellen Unterschieden und sozialen Konflikten, geprägt von typischen Wohnblocksiedlungen und Punkthochhäusern. Wenig Freizeitmöglichkeiten, keine Vereine, keine Gaststätten, kein Begegnungszentrum, was zur Folge hatte, dass viele langjährige Bewohner fortgingen, so Willi Stiewing. 

Doch es gab auch Mitbürgerinnen und Mitbürger, die nicht aufgeben wollten. Dr. Alfred Glocker, einer der Zeitzeugen und erster Arbeitskreissprecher, berichtete von zunehmend schleichenden Problemen, wie etwa Ruhestörungen in der Nacht, Spuckpfützen und untragbaren Zuständen. Der Leidensdruck wurde so groß, dass er zwei Brandbriefe an den damaligen Oberbürgermeister Ulrich Netzer schrieb. Im November 1997 gründeten Dr. Alfred Glocker, Siegfried Oberdörfer, Martin Kaiser, Hans-Peter Kalmuk, Walter und Gaby Steiner, Helga Negele und Gabi Reichert eine erste Arbeitsgruppe. Unter dem Namen Arbeitskreis Stadtteilentwicklung Thingers (AKST) wurden sie nach der ersten Bürgersammlung 1998 tätig, erklärte der Arbeitskreissprecher Stiewing. 

Es wurden Lösungen für Probleme gesucht unter Einbindung von Stadtverwaltung, Fachleuten und Institutionen. Im Jahr 2000 startete dann das neue Förderprogramm „Soziale Stadt Thingers“ mit dem Ziel, die Lebenssituation der betroffenen Menschen nachhaltig zu verbessern. Erste Maßnahmen waren die Konfliktbewältigung bei Nachbarschaftsstreitigkeiten, die Wiederbelebung des Thingerfestes und mit den Anwohnern ins Gespräch zu kommen, wie etwa durch Besuche in den Wohnungen, so Thomas Reuß, ehemaliger Quartiersmanager. Ein weiterer entscheidender Punkt in dem Projekt war die Gründung eines Stadtteilbüros, eines sogenannten Quartiersmanagement, mit Thomas Reuß als Quartiersmanager. 

Erstmals gab man jemanden die Verantwortung in die Hand, so Stiewing. Im Juli 2001 wurde dann der Verein ikarus.thingers e.V. gegründet, von vielen Idealisten, wie etwa Gottfried Feichter. Der Verein für Integration, Kultur und Sport sollte dazu beitragen, den Stadtteil Thingers für seine Bewohner eine lebenswerte Heimat werden zu lassen. Das Gesamtkonzept „Soziale Stadt Thingers“ konnte nur durch das Zusammenwirken aller Beteiligten erfolgreich umgesetzt werden, unterstrich Willi Stiewing. Besonderen Anteil hatte die Firma Sozialbau Kempten GmbH. Denn wenn´s den Menschen in den Wohnungen gut gehe und es keine Fluktuation gebe, trage dies zu einem großen Teil zu einer guten Entwicklung des Stadtteils bei. 

Umso wichtiger war es, die städtebauliche Struktur anzupassen und Signale zu setzen, wie etwa sogenannte Ankermieter zu halten, erklärte Heribert Singer von der Firma Sozialbau Kempten GmbH. Viele der anwesenden Zeitzeugen, die damals bei der Gründung des Arbeitskreises Stadtteilentwicklung Thingers dabei waren, die die Geschichte im Stadtteil Thingers durch ihr engagiertes Mitwirken gestaltet und verändert haben, berichteten aus der damaligen Zeit und den Beweggründen für ihr Engagement, die die Vergangenheit lebendig werden ließ. So wurden die unterschiedlichsten Eindrücke geschildert, wie etwa die Kontaktherstellung zu den Anwohnern, das Einbinden der Nordschule Kempten, Durchführung von Aktionen, Integration, pragmatische Herangehensweise, das Zusammenspiel von Lenkungsausschuss, Sozialbau und Stadtverwaltung, die erste Bürgerversammlung, etc.

Zum Beispiel Martin Kaiser, für den es damals wichtig war, die aufgestauten Emotionen in gute Bahnen zu lenken. Gabi Reichert, die von einer russischstämmigen Frau erzählte, die die Situation ihrer Kinder darstellte, ohne Heimat und ohne deutsche Sprachkenntnisse. Und Siegfried Oberdörfer, der von den vielen interessanten Menschen berichtete, die sich für andere eingebracht haben. Für Willi Stiewing endet eine Erfolgsgeschichte, die ohne Ehrenamt nicht möglich gewesen wäre. Die Aufgaben werden an das Stadtteilbüro übergeben und der Arbeitskreis aufgelöst. 

Auch zukünftig soll die Gemeinschaft der Kulturen gefördert werden, so Christa Prause, erste Vorsitzende des ikarus.thingers e.V., dazu werden zahlreiche Angebote für Alt und Jung angeboten, wie etwa Chancenpatenschaften, Mehrgenerationenhausaktivitäten, um einige zu nennen. Zusammenhalt und Kommunikation soll weiterhin unter dem Motto „Heimat schaffen, Zukunft gestalten“ oder „Wir sind Thingers“ stattfinden. Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung durch Bettina Thiel an der Harfe.

Christine Reder

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